Um­welt­be­wusst und Ge­schmacks­sa­che

Der Göt­tin­ger Fair Cup will ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu Ein­weg­be­chern sein

Eichsfelder Tageblatt - - REGIONALE WIRTSCHAFT - Von Mar­kus Scharf

Göt­tin­gen. 2017 ha­ben 24 Schü­ler des Abitur­jahr­gangs an der BBS II ei­nen um­welt­ver­träg­li­chen Mehr­weg­be­cher na­mens Fair Cup ent­wi­ckelt. Nach zwei Jah­ren steht fest: Ob­wohl schon über 100 Part­ner mit­ma­chen, bleibt Göt­tin­gen ein har­tes Pflas­ter für das Pro­jekt.

Si­byl­le Mey­er sitzt an ei­nem Tisch im Ca­fé Cor­tés. Ge­ra­de hat sie sich mit den Be­trei­bern ge­ei­nigt, dass auch hier in Kür­ze der Fair Cup in der Aus­la­ge zu fin­den sein wird. Das heißt, dass die Kun­den ih­ren Kaf­fee und so­gar Kek­se in ei­nem Plas­tik­be­cher mit nach Hau­se neh­men kön­nen. Mey­er ist die Pro­jekt­lei­te­rin des Fair-cups und Ge­schäfts­füh­re­rin des da­hin­ter­ste­hen­den Kleinst­un­ter­neh­mens.

Vor al­lem aber ist sie Leh­re­rin und hat­te in die­ser Funk­ti­on 2017 mit ih­ren Schü­lern ein Pro­jekt ent­wi­ckelt, das die Themen Um­welt­schutz, fai­rer Han­del und Pro­dukt­pla­nung ver­bin­den soll­te. Au­ßer­dem such­ten die Abitu­ri­en­ten ei­nen Weg, ih­ren Ab­schluss­ball zu fi­nan­zie­ren. Das hat funk­tio­niert. Der Be­cher war für sie ein er­folg­rei­cher Ab­schluss ih­rer Schul­kar­rie­re und für ih­re Leh­re­rin der Start in ei­ne zeit­in­ten­si­ve Ne­ben­tä­tig­keit.

Die Idee hin­ter dem Fair-cup ist, Ein­weg­be­cher zu ver­drän­gen, die durch­schnitt­lich für „15 Mi­nu­ten ge­nutzt wer­den und ei­ne mi­se­ra­ble Öko­bi­lanz auf­wei­sen“, so Mey­er. Nach Zah­len der deut­schen Um­welt­hil­fe lan­den deutsch­land­weit pro St­un­de 320 000 so­ge­nann­te To­Go-kaf­fee­be­cher im Müll. Die Göt­tin­ger Al­ter­na­ti­ve soll bis zu 500mal ge­rei­nigt und wie­der­ver­wen­det wer­den kön­nen und ist an­schlie­ßend in­klu­si­ve De­ckel voll­stän­dig re­cy­cel­bar.

„Wir wol­len, dass die Be­cher mög­lichst lan­ge im Um­lauf blei­ben“, er­klärt Mey­er. Des­halb ver­zich­tet man auch auf Wer­be­auf­dru­cke, da­mit der Fair-cup bei al­len Part­ner zu­rück­ge­ge­ben wer­den kann. Um den be­tei­lig­ten Fir­men den­noch die Mög­lich­keit zu ge­ben,

Si­byl­le Mey­er mit dem Be­cher, mit dem sie die Welt ver­än­dern will.

bei­spiels­wei­se In­halts­stof­fe auf dem Ge­fäß an­ge­ben kön­nen, fand Mey­er ei­nen Part­ner, der Auf­kle­ber her­stellt, die pro­blem­los ent­fernt wer­den kön­nen. Und wie stellt man si­cher, dass die Be­cher auch zu­rück­ge­ge­ben wer­den? Mit ei­ner Pfand­ge­bühr von ei­nem Eu­ro pro Be­cher und 50 Cent für den De­ckel.

Mit ih­rem fünf­köp­fi­gen Team aus Gleich­ge­sinn­ten küm­mert sich Mey­er gleich­zei­tig um Or­ga­ni­sa­ti­on, Lo­gis­tik, Pro­dukt­ent­wick­lung, Ver­trieb, Wer­bung und Neu­kun­den-ak­qui­se. Auf­ga­ben wie Rei­ni­gung und Trans­port der Be­cher sind an Di­enst­leis­ter ver­ge­ben. Die meis­te Ener­gie aber flie­ße in die Über­zeu­gungs­ar­beit, sagt die Ge­schäfts­füh­re­rin. Da­von müs­se sie in Göt­tin­gen be­son­ders viel leis­ten. So saß Mey­er bei­spiels­wei­se vor ei­ner Wo­che im Um­welt­aus­schuss der Stadt, um da­für zu wer­ben, dass an mar­kan­ten Stel­len im Stadt­ge­biet Rück­nah­me­au­to­ma­ten auf­ge­stellt wer­den kön­nen. Kon­takt zu ei­nem Her­stel­ler hat sie be­reits auf­ge­nom­men, die Kos­ten für ei­nen Au­to­ma­ten – im­mer­hin 8800 Eu­ro – wür­den sie aus pri­va­ter Kas­se über­neh­men. „Ich will zei­gen, das es funk­tio­nie­ren kann. Da­für ge­he ich auch per­sön­lich ins Ri­si­ko.“Bis­her aber lau­fe sie in Göt­tin­gen im­mer wie­der Si­byl­le Mey­er, Fair-cup-pro­jekt­lei­te­rin ge­gen Wän­de und pral­le ab, schil­der­te Mey­er den Aus­schuss­mit­glie­dern. Po­li­ti­ker al­ler Frak­tio­nen si­gna­li­sier­ten Un­ter­stüt­zung, die Ver­wal­tung si­cher­te zu, Prü­fung und Ge­sprä­che füh­ren zu wol­len. „War­ten wir mal ab, was pas­siert.“Ger­ne hät­te Mey­er das Stu­den­ten­werk als Part­ner mit im Boot. Stu­die­ren­de sei­en ge­nau die rich­ti­ge Ziel­grup­pe und wür­den die Nut­zer­zah­len schlag­ar­tig ver­viel­fa­chen. Von Be­ginn an ha­be man re­gel­mä­ßig das Ge­spräch ge­sucht. Im Ju­li die­ses Jah­res ha­be es so­gar ei­ne Pe­ti­ti­on aus der Stu­den­ten­schaft für ei­nen Mehr­weg­be­cher ge­ge­ben. Das Stu­den­ten­werk ent­schied sich für ei­ne ei­ge­ne Lö­sung. Ei­ne mit et­li­chen Nach­tei­len, so Mey­er.

An­fang des Jah­res sei sie be­reits an dem Punkt ge­we­sen, ihr Pro­jekt auf­zu­ge­ben, ge­steht Mey­er. In Städ­ten wie Wolfs­burg oder Flens­burg ha­be sie Ver­wal­tun­gen un­bü­ro­kra­tisch über­zeu­gen kön­nen. Stutt­gart ha­be ge­ra­de 50 000 Eu­ro für ei­ne Kon­zept­ent­wick­lung zum Mehr­weg­be­cher be­reit­ge­stellt. In Göt­tin­gen hin­ge­gen, wo die Idee ent­wi­ckelt wur­de, müs­se sie all­zu oft als Bitt­stel­le­rin auf­tre­ten. Zwei Mo­ti­va­ti­ons­hil­fen über­zeug­ten sie schließ­lich doch, wei­ter­zu­ma­chen: „Jür­gen Trit­tin und die Re­al-märk­te.“Das un­er­war­tet po­si­ti­ve Feed­back ließ sie die Start­schwie­rig­kei­ten schnell ver­ges­sen.

Mitt­ler­wei­le häu­fen sich die po­si­ti­ven Nach­rich­ten. Nach Re­al hat Al­na­tu­ra In­ter­es­se be­kun­det. Auch lau­fen Ver­hand­lun­gen mit ei­nem Bä­cker, der den Fair Cup in sei­ne 200 Fi­lia­len in Ber­lin, Ham­burg und Lü­beck brin­gen will. Au­ßer­dem soll der Göt­tin­ger Be­cher im Ja­nu­ar das Um­welt­zei­chen Blau­er En­gel er­hal­ten. Hin­zu kom­men die vie­len klei­nen Er­fol­ge, von de­nen Mey­er so ger­ne er­zählt. So ha­be ei­ne Land­bä­cke­rei be­rich­tet, dass durch den Be­cher ei­ne Um­satz­stei­ge­rung zu ver­zeich­nen hät­te. „Au­ßer­dem hat bei Re­al der ers­te Kun­de sein Mett im Be­cher ge­kauft“, sagt Mey­er und strahlt.

Im nächs­ten Jahr schließt sich für den Fair Cup ein Kreis. Mey­er will wie­der ei­ne Schü­ler­grup­pe aus dem 13. Jahr­gang für das Pro­jekt gewinnen. Man darf ge­spannt sein, wel­che Ideen dies­mal ent­ste­hen.

Da­für ge­he ich auch per­sön­lich ins Ri­si­ko.

FO­TO: RICH­TER

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