Ei­ne Schu­le für al­le

Eichsfelder Tageblatt - - EICHSFELD -

Die ak­tu­el­le De­bat­te dar­über, ob Göt­tin­gen ei­ne neue Ober­schu­le braucht, wird von der CDU ana­chro­nis­tisch und ver­blüf­fend zu­gleich ge­führt. Denn wenn Wib­ke Günt­zler er­klärt, dass es nicht im­mer „pau­schal gut“sei, Haupt-, Re­al- und Gym­na­si­al­schü­ler ge­mein­sam zu un­ter­rich­ten, ist wohl kaum da­von aus­zu­ge­hen, dass die­ser Ein­schät­zung ir­gend­wel­che brand­neu­en päd­ago­gi­schen oder ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gi­schen Er­kennt­nis­se zu­grun­de lie­gen.

Es sieht eher da­nach aus, dass sie nur ein ab­ge­grif­fe­nes Vor­ur­teil wie­der­holt, wenn auch deut­lich vor­sich­ti­ger for­mu­liert als es frü­her üb­lich war. Ver­blüfft hat mich al­ler­dings, dass die CDU nicht mehr man­tra­mä­ßig ar­gu­men­tiert, dass in ei­ner IGS leis­tungs­star­ke Schü­ler un­ter­for­dert wür­den. Heu­te be­fürch­tet sie, dass leis­tungs­schwä­che­re Schü­ler dort ab­ge­hängt wer­den. Ja, was denn nun? In al­ler Welt wer­den Kin­der in ei­ner Schu­le un­ter­rich­tet. Die un­sin­ni­ge Ein­tei­lung von Zehn­jäh­ri­gen in schlau, mit­tel­schlau und we­nig schlau hin­ge­gen fin­det nur bei uns statt und das maue Ab­schnei­den deut­scher Schü­ler im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich lässt nicht ge­ra­de den Schluss zu, dass die­se Se­g­re­ga­ti­on für ir­gend­was gut ist. Au­ßer­dem re­pro­du­ziert sie be­kann­ter­ma­ßen so­zia­le Un­gleich­heit und ze­men­tiert die Zwei­drit­tel­ge­sell­schaft.

Mei­ne Toch­ter geht sehr gern auf die IGS Geis­mar, was auch dar­an liegt, dass sie sich dort in an­ge­neh­mer At­mo­sphä­re oh­ne No­ten­druck ent­fal­ten kann. Und das ist gut so. Denn No­ten ha­ben ja kei­ne ob­jek­ti­ve Aus­sa­ge­kraft, son­dern schaf­fen le­dig­lich Leis­tungs­druck und ei­ne Rang­fol­ge in­ner­halb ei­ner Grup­pe von Kin­dern, die zu nichts taugt, aus­ser die „schlech­ten“Schü­ler zu de­mo­ti­vie­ren. Denn de­ren Fleiß und in­di­vi­du­el­le Ent­wick­lung wer­den durch No­ten gar nicht ab­ge­bil­det. Wenn ein Schü­ler so viel übt, dass er statt sech­zig nur noch drei­ßig Feh­ler im Dik­tat hat, dann hat er ja Enor­mes ge­leis­tet, wird aber im­mer noch mit ei­ner Sechs be­wer­tet. So züch­tet man Schul­ver­wei­ge­rer her­an. Den ab­so­lu­ten Knal­ler dies­be­züg­lich sah ich die­ser Ta­ge bei Freun­den, in Form der Kun­st­ar­beit des Soh­nes - ein gym­na­sia­ler Sechst­kläss­ler. Die Fra­ge, in wel­cher Epo­che Al­brecht Dü­rer wirk­te, hat­te er zwar rich­tig be­ant­wor­tet, das Wort „Re­nais­sance“aber falsch ge­schrie­ben. Des­halb wur­de die Ant­wort mit „0 Punk­te“be­wer­tet. Zu dumm, dass es kei­ne münd­li­che Prü­fung war. Nach­hal­ti­ger kann man Kin­dern die Schu­le nicht ver­gäl­len. Lars Wät­zold

In­fo Den Au­tor er­rei­chen Sie un­ter re­dak­ti­[email protected]­tin­ger-ta­ge­blatt.de.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.