Be­sinn­lich­keits­ar­beit

Eichsfelder Tageblatt - - AUS DER REGION - Von An­ke We­ber

Der De­zem­ber ist der Mo­nat, in dem ich es mir im­mer be­son­ders gemütlich ma­chen möch­te. Vor Au­gen ha­be ich ei­ne romantische Ad­vents­zeit, wie sie im Bu­che steht. Mit Lich­ter­glanz und Keks­duft. Der Zu­stand, den man­che auch Be­sinn­lich­keit nen­nen, ist al­ler­dings nicht ganz ein­fach her­zu­stel­len. Denn be­vor es be­sinn­lich wird, gibt es je­de Men­ge Din­ge zu er­le­di­gen.

Die Ad­vents­zeit hat da­mit be­gon­nen, dass ich von drau­ßen ein paar gro­ße Bir­ken-äs­te in den Flur ge­holt ha­be. Ich schmü­cke sie je­des Jahr mit ei­ner Lich­ter­ket­te. Ab­ge­se­hen da­von, dass ich den Hund fast mit ei­nem Zweig auf­ge­spießt hät­te, ist die Lich­ter­ket­te ka­putt. Seit­dem ste­hen un­be­leuch­te­te Äs­te im Flur und er­in­nern mich nicht an Be­sinn­lich­keit, son­dern an Un­voll­kom­men­heit. Der Ver­such, im Nach­bar­ort ei­ne Lich­ter­ket­te zu kau­fen, ist ge­schei­tert. Al­le Mo­del­le wa­ren grün. Und grü­ne Lich­ter­ket­ten in Bir­ken­zwei­gen wür­den mich – zu­min­dest äs­the­tisch be­trach­tet – wie­der an Un­voll­kom­men­heit er­in­nern. Im In­ter­net will ich die Lich­ter­ket­te nicht be­stel­len. Das Ri­si­ko, ei­ne mit die­sem schreck­lich kal­ten Licht zu er­wi­schen, ist mir zu groß. Theo­re­tisch müss­te ich al­so in die Stadt. Aber drau­ßen ist es kalt und un­ge­müt­lich. Und in der Stadt ist es voll und hek­tisch. Plätz­chen ha­be ich auch noch nicht ge­ba­cken. Der Wil­le ist vor­han­den. Aber der Ge­dan­ke an den Auf­wand und an das, was ich da­für be­sor­gen müss­te, er­zeugt so­fort Un­wohl­sein. Stress be­rei­ten mir au­ßer­dem die Termine vor Weihnachten. Es gibt Weih­nachts­fei­ern und je­de Men­ge Weih­nachts­märk­te. Wür­de ich al­le Termine wahr­neh­men, wä­re ich wahr­schein­lich

Ge­müt­li­ches Ker­zen­licht in der Ad­vents­zeit.

täg­lich un­ter­wegs. So­viel Glüh­wein kann ich gar nicht trin­ken.

Bis­her ha­be ich die Weih­nachts­märk­te igno­riert und auch in den an­de­ren An­ge­le­gen­hei­ten noch nichts un­ter­nom­men. Ei­ne Freun­din aus Schwe­den nennt die­sen Zu­stand der Un­tä­tig­keit freund­lich „Stell­zeit“. Das ist die Zeit, in der man sich men­tal auf die zu er­le­di­gen­den Din­ge ein­stellt. Und es be­zeich­net so un­ge­fähr den Zu­stand, in dem ich mich zur Zeit be­fin­de. Tat­säch­lich ist au­ßer dem Hund und mir bis kurz vor Weihnachten nie­mand im Haus und das Feh­len von Lich­ter­ket­ten fällt des­halb gar nicht auf. Bei nä­he­rer Be­trach­tung brau­chen der Hund und ich auch gar kei­ne Lich­ter­ket­te im Flur. Und Plätz­chen ma­chen ja ei­gent­lich auch nur dick. Des­halb gibt es jetzt abends ein­fach nur den Ofen und ei­ne Ker­ze, da­zu auf dem So­fa ein Buch und den ent­spannt at­men­den Hund, dem vor dem Ofen theo­re­tisch das Fell weg­bren­nen müss­te. Aber das pas­siert nie. Ich glau­be, die­sen Zu­stand nennt man Be­sinn­lich­keit.

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