Kam­me­nos tritt zu­rück

Rechts­po­pu­lis­ten be­en­den Bünd­nis we­gen Ma­ze­do­ni­en-streits – Tsi­pras stellt die Ver­trau­ens­fra­ge

Eichsfelder Tageblatt - - ERSTE SEITE - Von Gerd Höh­ler

At­hen. Im Streit über die Um­be­nen­nung Ma­ze­do­ni­ens ist der grie­chi­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Pa­nos Kam­me­nos zu­rück­ge­tre­ten. Kam­me­nos, Vor­sit­zen­der des Ju­ni­or­part­ners in der Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on, gab sei­nen Schritt am Sonn­tag nach ei­nem Tref­fen mit Mi­nis­ter­prä­si­dent Al­exis Tsi­pras be­kannt. Sei­ne Par­tei, die rechts­po­pu­lis­ti­schen Un­ab­hän­gi­gen Grie­chen, wer­de die Re­gie­rung ver­las­sen, kün­dig­te er an.

Re­gie­rung vor dem Aus

At­hen. Neue Un­ge­wiss­heit in Grie­chen­land: Die Ko­ali­ti­on des ra­di­ka­len Links­bünd­nis­ses Sy­ri­za von Mi­nis­ter­prä­si­dent Al­exis Tsi­pras mit den rechts­ge­rich­te­ten Un­ab­hän­gi­gen Grie­chen (Anel) steht vor dem En­de. Der Anel-vor­sit­zen­de Pa­nos Kam­me­nos kün­dig­te am Sonn­tag nach ei­nem Ge­spräch mit Mi­nis­ter­prä­si­dent Al­exis Tsi­pras sei­nen Rück­tritt vom Amt des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters und den Aus­zug sei­ner Par­tei aus der Re­gie­rung an. Tsi­pras will am Di­ens­tag im Par­la­ment die Ver­trau­ens­fra­ge stel­len – und wei­ter­re­gie­ren.

An­lass der Tren­nung ist die Ma­ze­do­ni­en-fra­ge. Das Par­la­ment in Skop­je hat­te am Frei­tag­abend die Än­de­rung des Staats­na­mens in „Re­pu­blik Nord­ma­ze­do­ni­en“be­schlos­sen. Die­sen Kom­pro­miss hat­te Tsi­pras im ver­gan­ge­nen Jahr mit dem ma­ze­do­ni­schen Pre­mier Zoran Zaev aus­ge­han­delt. Kam­me­nos lehnt, wie laut Um­fra­gen zwei von drei Grie­chen, das Ab­kom­men ab. Vie­le Men­schen in Grie­chen­land wol­len den Na­men ih­rer Pro­vinz Ma­ze­do­ni­en nicht mit den Nach­barn im Nor­den tei­len, weil sie An­sprü­che auf ihr Ter­ri­to­ri­um und ihr kul­tu­rel­les Er­be fürch­ten.

Die Na­mens­ver­ein­ba­rung las­se ihm „nichts an­de­res üb­rig, als mein Amt zu op­fern“, sag­te Kam­me­nos zur Be­grün­dung sei­nes Rück­tritts. Er wer­de auch bei der Ver­trau­ens­fra­ge im Par­la­ment nicht für die Re­gie­rung stim­men, er­klär­te Kam­me­nos. „In der Ma­ze­do­ni­en-fra­ge sind wir in der Op­po­si­ti­on“, so der Anel-chef. Un­klar war aber zu­nächst, ob sich auch al­le an­de­ren sechs Anel-ab­ge­ord­ne­ten aus der Ko­ali­ti­on ver­ab­schie­den. Die Ma­ze­do­ni­en-fra­ge galt schon län­ger als Soll­bruch­stel­le des Re­gie­rungs­bünd­nis­ses. Kam­me­nos hat­te be­reits im ver­gan­ge­nen Jahr an­ge­kün­digt, er wer­de sich aus der Re­gie­rung zu­rück­zie­hen, wenn das Ab­kom­men zur Ra­ti­fi­zie­rung ins grie­chi­sche Par­la­ment kom­me. Die Ab­stim­mung könn­te be­reits En­de Ja­nu­ar statt­fin­den. Tsi­pras kann bei der Ra­ti­fi­zie­rung auf Stim­men un­ab­hän­gi­ger Ab­ge­ord­ne­ter und der Mit­te-links-split­ter­par­tei To Pota­mi rech­nen. Es ist des­halb wahr­schein­lich, dass der Ver­trag vom Par­la­ment ge­bil­ligt wird.

Mit der Na­mens­än­de­rung öff­net sich für Ma­ze­do­ni­en die Tür zur Eu­ro­päi­schen Uni­on und zur Na­to. Des­halb un­ter­stüt­zen die EU und die Al­li­anz das Ab­kom­men. Sie ver­spre­chen sich da­von ei­ne po­li­ti­sche Sta­bi­li­sie­rung des West­bal­kans, der seit dem Aus­ein­an­der­fal­len Ju­go­sla­wi­ens die un­ru­higs­te Re­gi­on Eu­ro­pas ist.

Nach dem En­de der Ko­ali­ti­on ist die Zu­kunft der Re­gie­rung Tsi­pras un­ge­wiss. Die De­bat­te über die Ver­trau­ens­fra­ge soll am Di­ens­tag be­gin­nen, die Ab­stim­mung am Don­ners­tag um Mit­ter­nacht statt­fin­den. Das Tsi­pras-links­bünd­nis Sy­ri­za ver­fügt im Par­la­ment zwar nur über 145 der 300 Man­da­te. Den­noch könn­te Tsi­pras das Vo­tum ge­win­nen. Denn nach Ar­ti­kel 48 der grie­chi­schen Ver­fas­sung braucht die Re­gie­rung für ein Ver­trau­ens­vo­tum des Par­la­ments kei­ne ab­so­lu­te Mehr­heit von 151 Stim­men. Es reicht die Mehr­heit der an­we­sen­den Ab­ge­ord­ne­ten.

Auch wenn der Pre­mier die­se Hür­de nimmt, bleibt of­fen, wie lan­ge er als Chef ei­ner Min­der­heits­re­gie­rung durch­hal­ten kann. Tsi­pras kün­dig­te zwar an, er wol­le bis zum re­gu­lä­ren En­de der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode im Ok­to­ber wei­ter­re­gie­ren und bei Ab­stim­mun­gen im Par­la­ment „Mehr­hei­ten ad hoc“su­chen. Für Grie­chen­land, das sich ge­ra­de an die Kapitalmärkte zu­rück­zu­kämp­fen ver­sucht, könn­te das al­ler­dings ei­ne mo­na­te­lan­ge po­li­ti­sche Sta­gna­ti­on be­deu­ten.

Vie­le po­li­ti­sche Be­ob­ach­ter in At­hen er­war­ten des­halb, dass Tsi­pras die Wah­len vor­zie­hen muss. Als ein mög­li­cher Ter­min gilt der 26. Mai, zeit­gleich mit der Eu­ro­pa­wahl. Glaubt man den Mei­nungs­for­schern, kann Tsi­pras nicht da­mit rech­nen, dass ihn die Wäh­ler im Amt be­stä­ti­gen. In den Er­he­bun­gen liegt das Links­bünd­nis Sy­ri­za bei der so­ge­nann­ten Sonn­tags­fra­ge rund 10 Pro­zent­punk­te hin­ter der kon­ser­va­ti­ven Op­po­si­ti­ons­par­tei Nea Di­mo­kra­tia.

FOTO: YOR­GOS KA­RA­HA­LIS/AP

Er muss jetzt um­dis­po­nie­ren: Mi­nis­ter­prä­si­dent Al­exis Tsi­pras nach dem Rück­tritt von Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Pa­nos Kam­me­nos.

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