Deut­sche Wirt­schaft sta­gniert

Stu­die: An­ge­bot an Ar­beits­kräf­ten wird zu­neh­mend zum „li­mi­tie­ren­den Fak­tor“– Struk­tur­wan­del be­droht in Nie­der­sach­sen vie­le Stel­len

Eichsfelder Tageblatt - - ERSTE SEITE - Von Jens Heit­mann und Micha­el Don­hau­ser

Wiesbaden. Die deut­sche Wirt­schaft geht oh­ne nen­nens­wer­ten Rü­cken­wind ins lau­fen­de Jahr. Nach­dem Eu­ro­pas größ­ter Volks­wirt­schaft En­de 2019 die Pus­te aus­ge­gan­gen ist, fehlt ein kräf­ti­ger Im­puls für die nächs­ten Mo­na­te. Das Brut­to­in­lands­pro­dukt sta­gnier­te nach An­ga­ben des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes im Zei­t­raum Ok­to­ber bis De­zem­ber 2019 ge­gen­über dem Vor­quar­tal. Für Un­si­cher­heit sorgt ne­ben der Ushan­dels­po­li­tik und den un­ge­klär­ten Fol­gen des Br­ex­its auch die Aus­brei­tung des neu­ar­ti­gen Co­ro­na­vi­rus. Volks­wir­te rech­nen mit ei­nem mau­en Jah­res­start 2020.

Ge­bremst wur­de die Kon­junk­tur­ent­wick­lung nach An­ga­ben der Wies­ba­de­ner Be­hör­de von Frei­tag vom Au­ßen­han­del. Deutsch­land führ­te in den letz­ten drei Mo­na­ten 2019 we­ni­ger Wa­ren und Di­enst­leis­tun­gen aus als im drit­ten Quar­tal. Die pri­va­ten und die staat­li­chen Kon­sum­aus­ga­ben ver­lo­ren an Dy­na­mik. Sie dürf­ten dem Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um zu­fol­ge ihr Ni­veau aber in et­wa ge­hal­ten ha­ben: „Die pri­va­ten Kon­sum­aus­ga­ben blei­ben grund­sätz­lich ei­ne ver­läss­li­che Stüt­ze der Bin­nen­kon­junk­tur.“Der Boom der Bau­in­ves­ti­tio­nen set­ze sich fort.

Hannover. Der Man­gel an Ar­beits­kräf­ten in Deutsch­land wird sich ei­ner Stu­die des Nürn­ber­ger In­sti­tuts für Ar­beits­markt- und Be­rufs­for­schung (IAB) zu­fol­ge in den kom­men­den Jah­ren ver­stär­ken – al­ler­dings mit deut­li­chen re­gio­na­len Un­ter­schie­den: Wäh­rend in Süd­deutsch­land und den Stadt­staa­ten Ber­lin und Ham­burg die Be­schäf­ti­gung wach­se, wer­de es in Ost­deutsch­land we­gen der schrump­fen­den Be­völ­ke­rung zu Per­so­nal­eng­päs­sen kom­men und da­mit auch zu wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men.

„Der li­mi­tie­ren­de Fak­tor ist nicht mehr die Ar­beits­lo­sig­keit, son­dern das Ar­beits­kräf­te­an­ge­bot“, sag­te der Lei­ter des Iab-for­schungs­be­rei­ches Pro­gno­sen, En­zo We­ber. Nie­der­sach­sen zählt dem­nach zu der Grup­pe von neun Bun­des­län­dern, in de­nen das An­ge­bot an Ar­beits­kräf­ten stär­ker sin­ken wird als der Be­darf. Schluss­licht bei der Ar­beits­kräf­teent­wick­lung wer­de Sach­senAn­halt sein. Die ent­schei­den­de Fra­ge sei, wie sich die schrump­fen­de Be­völ­ke­rung auf den Ar­beits­markt aus­wir­ke, sag­te We­ber.

Der tech­ni­sche Wan­del wer­de da­zu füh­ren, dass Ar­beits­plät­ze weg­fal­len – da­für ent­stün­den je­doch an an­de­rer Stel­le neue Jobs. „Un­ter dem Strich gibt es nicht we­ni­ger Be­schäf­ti­gung, aber gro­ße Um­brü­che“, er­klär­te We­ber. In Nie­der­sach­sen wer­den laut Iab-pro­gno­se al­ler­dings deut­lich mehr Ar­beits­plät­ze ver­lo­ren ge­hen als neue Stel­len ent­ste­hen.

Wäh­rend Un­ter­neh­men zwi­schen 2018 und 2035 vor­aus­sicht­lich fast 220 000 Jobs schaf­fen wür­den, fie­len im glei­chen Zei­t­raum 310 000 weg. Die größ­te Nach­fra­ge gibt es im Ge­sund­heits- und So­zi­al­we­sen so­wie in Pfle­ge­hei­men mit zu­sam­men 72 000 neu­en Stel­len.

Den größ­ten Rück­gang er­war­ten die Au­to­ren der Stu­die im Han­del und im Bau­ge­wer­be mit knapp 60 000 be­zie­hungs­wei­se rund 29 000 Stel­len. Gro­ße De­fi­zi­te se­hen die For­scher be­son­ders beim di­gi­ta­len Wan­del: Dort be­le­ge Nie­der­sach­sen im Ver­gleich der 16 Bun­des­län­der ak­tu­ell den viert­letz­ten Platz.

Mit Blick auf die Au­to­län­der Nie­der­sach­sen, Bay­ern und Ba­denwürt­tem­berg ist die Stu­die je­doch mit ei­ner Un­si­cher­heit be­haf­tet: Der Trend zur Elek­tro­mo­bi­li­tät fin­det dort noch kei­ne Be­rück­sich­ti­gung. Nach dem jüngs­ten Be­richt der Na­tio­na­len Platt­form Zu­kunft der Mo­bi­li­tät sind im Fahr­zeug­bau bun­des­weit bis zu 410 000 Ar­beits­plät­ze in Ge­fahr. Si­cher sei, dass Jobs weg­fal­len wer­den, sag­te We­ber. „Die auf den Ver­bren­ner aus­ge­rich­te­te Zu­lie­fer­in­dus­trie ist volks­wirt­schaft­lich be­deut­sa­mer als der Aus­stieg aus der Braun­koh­le.“

Nach Ein­schät­zung der nie­der­säch­si­schen Lan­des­re­gie­rung kommt es des­halb dar­auf an, den Struk­tur­wan­del durch per­ma­nen­te Wei­ter­bil­dung in den Be­trie­ben zu un­ter­stüt­zen. „Im Zu­ge der Di­gi­ta­li­sie­rung kommt den Be­schäf­tig­ten mit ver­tief­ten It-kennt­nis­sen ei­ne Schlüs­sel­rol­le für die In­no­va­ti­ons­und Wett­be­werbs­fä­hig­keit zu“, sag­te Wirt­schafts­mi­nis­ter Bernd Al­t­hus­mann (CDU).

Im Rah­men der Fach­kräft­e­initia­ti­ve Nie­der­sach­sen sei­en kon­kre­te Maß­nah­men zur It-fach­kräf­te­si­che­rung ver­ab­re­det. So ha­be das Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um Aus­schrei­bun­gen für 40 Di­gi­ta­li­sie­rungs­pro­fes­su­ren ab­ge­schlos­sen. Zu­dem wür­den für aus­län­di­sche ITFach­leu­te die Be­schäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten ver­ein­facht.

Die auf den Ver­bren­ner aus­ge­rich­te­te Zu­lie­fer­in­dus­trie ist volks­wirt­schaft­lich be­deut­sa­mer als der Aus­stieg aus der Braun­koh­le.

En­zo We­ber, IAB

FO­TO: CHRIS­TOPH SCHMIDT /DPA

In Pfle­ge­hei­men wer­den vie­le Ar­beits­plät­ze ent­ste­hen – doch es man­gelt an Per­so­nal.

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