Wie im Pa­ra­dies

Der kleins­te in­di­sche Bun­des­staat Goa lockt zu ei­ner Aus­zeit vom eu­ro­päi­schen Win­ter

Ems-Zeitung - - AUF REISEN - Von Si­mo­ne F. Lu­cas

Am Abend, zum Son­nen­un­ter­gang, wer­den am Strand von Vas­co in Goa auch die Fau­len ak­tiv. Die Son­ne taucht die Wel­len in flüs­si­ges Gold, das Meer wogt hin und her wie in ei­ner Wasch­ma­schi­ne. Und wenn es sich zu­rück­zieht, schäumt es ge­wal­tig. Zwei Fi­scher brei­ten ihr Netz im Was­ser aus. Am Strand macht sich ein Mann fürs Pa­ra­gli­ding be­reit, Va­ter und Sohn wa­gen sich auf ei­nen Jet­ski, der über die Bran­dung tanzt. Hun­de ver­an­stal­ten ein Wett­ren­nen auf dem nas­sen Sand, und die Bar ist von Ra­ben um­la­gert, die dar­auf war­ten, ei­nen Le­cker­bis­sen zu klau­en. Die Son­ne ist ein ro­ter Ball, der sich auf dem Sand spie­gelt, aber nicht im Meer ver­sinkt.

Das ehe­ma­li­ge Hip­pie-Pa­ra­dies Goa, der kleins­te in­di­sche Staat, ist im­mer noch ein Sehn­suchts­ort für vie­le, de­nen das an­de­re Indien zu viel ist: zu viel Ar­mut, zu viel Ver­kehr, zu vie­le Göt­ter, zu vie­le Se­hens­wür­dig­kei­ten. Goa ist an­ders, ent­spann­ter. Viel­leicht ist es das Er­be der Por­tu­gie­sen, die hier 451 lan­ge Jah­re das Sa­gen hat­ten und vor al­lem je­de Men­ge christ­li­che Kir­chen hin­ter­lie­ßen. Al­tGoa et­wa, Vel­ha Goa, frü­her die Haupt­stadt von Por­tu­gie­sisch-Indien und einst als Rom des Ori­ents be­zeich­net, scheint nur aus Kir­chen zu be­ste­hen.

Die Na­tur hat sich hier vie­les zu­rück­ge­holt. Aber die im­po­san­ten Got­tes­häu­ser, Unesco-Welt­kul­tur­er­be, leis­ten er­folg­reich Wi­der­stand. Hier ste­hen die größ­te Ka­the­dra­le Asi­ens und ein Imi­tat des Pe­ters­doms. Die ver­gol­de­ten Al­tä­re sind be­ein­dru­ckend, aber auch die Fröm­mig­keit der Men­schen, die an den Sei­ten­al­tä­ren be­ten. Sie glau­ben ger­ne an Hei­li­ge wie Fran­cis­co Xa­vier, des­sen sterb­li­che Über­res­te al­le zehn Jah­re zur Schau ge­stellt wer­den, weil sie der Le­gen­de nach nicht ver­we­sen. Schließ­lich ist der hin­du­is­ti­sche Göt­ter­him­mel vol­ler Wun­der, da muss auch die ka­tho­li­sche Kir­che mit­hal­ten kön­nen. Ge­ra­de läu­tet die drei Ton­nen schwe­re gol­de­ne Glo­cke in der Ka­the­dra­le zum Got­tes­dienst – und das Volk strömt her­ein.

Wir schau­en uns das Gan­ze von oben an, von der Ka­pel­le der Mut­ter­got­tes vom Berg, Our Lady of the mountain. Die Kir­che ist ge­schlos­sen. Drau­ßen schmust ein Pär­chen für ei­nen Film­dreh. Die Aus­sicht ist gran­di­os. Un­ter uns Kir­chen und Klös­ter. Ag­ne­lo, un­ser Gui­de, wird gar nicht fer­tig mit den Er­klä­run­gen, wo was zu fin­den ist. Wie gut, dass wir ihn bei uns ha­ben. So er­fah­ren wir auch, dass der zwei­te Turm der Ka­the­dra­le 1776 vom Blitz ge­trof­fen wur­de und ein­ge­stürzt ist und dass Neu-Goa, Pa­na­ji, nur des­halb ent­stand, weil die Men­schen we­gen der Pest Alt-Goa ver­las­sen hat­ten.

Es lohnt sich, die neue al­te Stadt zu durch­strei­fen, die bun­ten Häu­ser von Na­hem an­zu­schau­en, über den Markt zu schlen­dern und viel­leicht auch in der äl­tes­ten Bä­cke­rei „31de Janei­ro“ein­zu­kau­fen. Der di­cke Bä­cker wirkt zu­nächst et­was mür­risch, taut aber auf, als er er­fährt, dass wir Deut­sche sind. Er ent­puppt sich als Fuß­ball­fan. Lothar Mat­thä­us be­wun­dert er, und dann will er wis­sen, ob Jo­gi Löw noch Bun­des­trai­ner ist. Wir kau­fen ei­nen Ku­chen für we­nig Geld, als wir uns ver­ab­schie­den, lä­chelt der Mann freund­lich.

Goa ist ein Gu­te-Lau­ne-Land. Die rund 1,8 Mil­lio­nen Ein­woh­ner schei­nen zu­frie­den, wir­ken meist ent­spannt und hilfs­be­reit. Na­tür­lich, Ar­mut gibt es auch hier. Ag­ne­lo weiß war­um. Vor fünf Jah­ren, er­zählt er, sei in Goa

der Berg­bau ver­bo­ten wor­den. Da­nach stieg die Zahl der Ar­beits­lo­sen dras­tisch an. Jetzt wer­de über­legt, die In­dus­trie (Ei­sen­erz, Bau­xit) doch wie­der­zu­be­le­ben. Die Haupt­ein­nah­me­quel­le ne­ben der Land­wirt­schaft ist der Tou­ris­mus. Vor Jah­ren ha­ben die Ein­woh­ner Go­as ge­gen die Tou­ris­ten-In­va­si­on pro­tes­tiert – wohl als ei­ne der ers­ten, die sich ge­gen Over­tou­rism und Über­frem­dung wehr­ten. Doch da­von ist nichts mehr zu spü­ren.

Ani­ta, ei­ne Ver­käu­fe­rin am Strand des eher lu­xu­riö­sen Ca­ra­va­la Beach Re­sorts, freut sich, wenn die Tou­ris­ten In­ter­es­se an ih­ren Wa­ren ha­ben. Ih­ren „shop“trägt sie im­mer bei sich – in ei­ner Plas­tik­tü­te. Und wenn die Kun­den an­bei­ßen, schickt sie Nad­ja, ih­re hüb­sche elf­jäh­ri­ge Toch­ter, um mehr zu ho­len. Die Mitt­drei­ßi­ge­rin kommt aus Ra­jast­han und hat in Goa ei­ne neue Hei­mat ge­fun­den. Fünf Kin­der hat die at­trak­ti­ve Frau im bun­ten Sa­ri, vier Töch­ter und ei­nen Sohn. Der Sohn ist ihr jüngs­tes Kind – und das letz­te, wie sie ver­si­chert. „Mein Mann woll­te un­be­dingt ei­nen Sohn“, sagt sie und wa­ckelt auf in­di­sche Art mit dem Kopf, er ha­be noch nicht ver­stan­den, wie wich­tig Mäd­chen sind. Ani­ta spricht gut ver­ständ­lich Eng­lisch, das hat sie auf der Stra­ße und am Strand ge­lernt, ge­nau­so wie ein paar Bro­cken Deutsch und Rus­sisch. Zur Schu­le ge­gan­gen ist sie nie. Ih­re Töch­ter wer­den es bes­ser ha­ben. In Goa be­steht Schul­pflicht, auch Nad­ja geht zur Schu­le. Und Mäd­chen lernen, dass sie nicht we­ni­ger wert sind als Jun­gen. Die MeToo-Kam­pa­gne hat auch Indien er­reicht. Ein Mi­nis­ter ist be­reits zu­rück­ge­tre­ten, Bol­ly­wood ist in Auf­ruhr. Die Zei­chen für Nad­jas Zu­kunft ste­hen gar nicht schlecht.

Fo­to: iStock

Am Strand: Goa gilt bei vie­len Men­schen als „Gu­te-Lau­ne-Land“. Es ist warm, und es gibt viel Na­tur.

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