Pflicht­be­su­che auf dem Bau­ern­hof ?

Land­frau­en: Lehr­plä­ne än­dern

Ems-Zeitung - - VORDERSEIT­E - Von Dirk Fis­ser

OS­NA­BRÜCK Die Kuh ist li­la, und Milch kommt aus dem Su­per­markt – vie­le Bau­ern be­kla­gen, dass die Ge­sell­schaft den Be­zug zu Le­bens­mit­teln ver­lo­ren hat. Pe­tra Bent­käm­per, Prä­si­den­tin des Deut­schen Land­frau­en­ver­ban­des, hat ei­ne Idee, wie sich das än­dern lässt: Sie will Schul­klas­sen auf Bau­ern­hö­fe schi­cken.

Im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on for­der­te Bent­käm­per Pflicht­be­su­che: „Je­des Kind müss­te min­des­tens ein­mal in der Schul­zeit ei­nen Bau­ern­hof be­su­chen. Das muss sich doch in den Lehr­plan in­te­grie­ren las­sen.“Die Prä­si­den­tin des Ver­ban­des kri­ti­sier­te die Ent­frem­dung der Men­schen von der Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on, da ge­be es oft „null Be­zie­hung“.

Bun­des­agrar­mi­nis­te­rin Julia Klöck­ner pflich­te­te ihr bei: Ein Be­such auf Bau­ern­hö­fen sei wich­tig, „denn das ver­mit­tel­te Wissen aus Bü­chern oder Me­di­en hat häu­fig nichts mit der Rea­li­tät auf ei­nem mo­der­nen Bau­ern­hof zu tun.“Klöck­ner ver­wies auf die Initia­ti­ve „Lern­ort Bau­ern­hof“, über die Ki­tas oder Schu­len und Land­wir­te zu­sam­men­ge­führt wer­den. Das Pro­jekt wer­de vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um un­ter­stützt. „Je­der Schü­ler, der ei­nen Bau­ern­hof in jun­gen Jah­ren ken­nen­ge­lernt hat, denkt an­ders, mehr wert­schät­zend“, be­fand Klöck­ner.

Lehr­plä­ne sind in­des Sa­che der Bun­des­län­der. Als Vor­bild nann­te Bent­käm­per Bay­ern: „Da be­kommt die ent­spre­chend aus­ge­bil­de­te Bäue­rin ei­nen klei­nen drei­stel­li­gen Be­trag als Auf­wands­ent­schä­di­gung.

Das for­de­re ich auch für den Rest der Re­pu­blik.“Kos­ten­los könn­ten die Be­trie­be die Zu­satz­auf­ga­ben näm­lich nicht stem­men.

Auch Schles­wig-Hol­stein för­dert Be­su­che im Zu­ge des Pro­jekts „Schul­klas­sen auf dem Bau­ern­hof“. Bis En­de 2020 ste­hen 35 000 Eu­ro für teil­neh­men­de Be­trie­be zur Ver­fü­gung – 100 Eu­ro Zu­schuss sol­len Land­wir­te pro Be­such er­hal­ten. Das Agrar­mi­nis­te­ri­um in Meck­len­bur­gVor­pom­mern ver­wies auf das Pro­jekt „Ler­nen auf dem Bau­ern­hof “, das im Mai 2018 ge­star­tet wor­den ist. In dem Rah­men fan­den 47 Hof­be­su­che statt, an de­nen 3155 Schü­ler teil­nah­men. Zum Ver­gleich: et­wa vier­ein­halb­mal so vie­le Schü­ler wur­den zu­letzt in Meck­len­burg-Vor­pom­mern ein­ge­schult.

Kri­tisch be­wer­tet das Schwe­ri­ner Mi­nis­te­ri­um ei­ne ver­pflich­ten­de Ein­bin­dung der Bau­ern­hof­be­su­che. Auch die Re­gie­rung in Nie­der­sach­sen re­agiert zu­rück­hal­tend. Vom Kul­tus­mi­nis­te­ri­um heißt es, die The­men Land­wirt­schaft und Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on ge­hör­ten zum Bil­dungs­auf­trag und sei­en „selbst­ver­ständ­li­cher Teil von Schu­le“. Bau­ern­hof­be­su­che re­gel­ten Schu­len und Land­wir­te aber „in be­währ­ter Art und Wei­se“ei­gen­ver­ant­wort­lich, das Mi­nis­te­ri­um wol­le sich hier nicht ein­mi­schen. „Von ei­ner Ver­pflich­tung hal­ten wir nichts.“

OS­NA­BRÜCK Mit gut 500000 Ver­eins­mit­glie­dern hat der Deut­sche Land­frau­en­ver­band mehr als die Fuß­ball­clubs Bay­ern Mün­chen und Bo­rus­sia Dort­mund zu­sam­men. Im In­ter­view äu­ßert sich die neue Prä­si­den­tin Pe­tra Bent­käm­per zu Dis­kri­mi­nie­rung in der Agrar­bran­che, zur ge­sell­schaft­li­chen An­er­ken­nung der Land­wirt­schaft – und zum Ku­chen­ba­cken.

Frau Bent­käm­per, fan­gen wir mit den Vor­ur­tei­len an: Wenn man Land­frau­en goo­gelt oder in die bun­ten Land-Ma­ga­zi­ne im Zeit­schrif­ten­han­del schaut, dann geht es vor­ran­gig ums Ku­chen­ba­cken… ist an dem Vor­ur­teil et­was dran? Vie­le Land­frau­en kön­nen ziem­lich gut ba­cken, das stimmt. Aber na­tür­lich nicht nur das! Un­ser Ver­band ist ziem­lich breit auf­ge­stellt. Das wird auch an un­se­rer Mit­glie­der­struk­tur deut­lich: Wir ha­ben bun­des­weit 500 000 Mit­glie­der. Je nach Re­gi­on hat ein Groß­teil der Frau­en gar nichts mit der Land­wirt­schaft zu tun. Sie le­ben auf dem Land und füh­len sich mit un­se­ren Zie­len ver­bun­den.

Wir re­den viel über Land­flucht: Jun­ge Men­schen zie­hen in die Städ­te, zu­rück blei­ben die Äl­te­ren. Macht das Ih­rem Ver­band zu schaf­fen? Selbst­ver­ständ­lich macht uns die­se Be­we­gung zu schaf­fen. An sich ist es ja auch ei­ne gu­te Sa­che, wenn jun­ge Men­schen sich auf­ma­chen und die Welt er­kun­den wol­len. Aber spä­tes­tens, wenn sie ei­ne Fa­mi­lie grün­den, wol­len vie­le dann doch lie­ber zu­rück aufs Land. Da man­gelt es aber häu­fig an den Vor­aus­set­zun­gen, um Fa­mi­lie und Be­ruf zu ver­bin­den: Bu­s­an­bin­dun­gen, Kin­der­gär­ten vor Ort und so wei­ter. Das macht Frau­en zu schaf­fen…

War­um Frau­en? Was ist mit den Vä­tern?

Ma­chen wir uns doch nichts vor: In den meis­ten Fa­mi­li­en blei­ben nach wie vor die Frau­en zu Hau­se und küm­mern sich zu­nächst um die Kin­der. Auch wenn das part­ner­schaft­li­cher ab­läuft als frü­her. Und wenn die Kin­der dann aus dem Haus sind, fol­gen häu­fig die ei­ge­nen El­tern, die mehr Un­ter­stüt­zung brau­chen. Am En­de bleibt da die Kar­rie­re vie­ler Frau­en ein­fach auf der Stre­cke. Das macht sich spä­ter bei der Ren­te be­merk­bar. Trotz al­ler

Re­for­men der ver­gan­ge­nen Jah­re nimmt das Pro­blem der Al­ters­ar­mut bei Frau­en stark zu – auch und ge­ra­de auf dem Land.

Apro­pos Kar­rie­re: Im mäch­ti­gen Lan­des­bau­ern­ver­band West­fa­len-Lip­pe, dem auch sie an­ge­hö­ren, will Su­san­ne Schul­ze Bo­cke­loh Bau­ern­prä­si­den­tin wer­den. Das wä­re ei­ne Pre­mie­re in Deutsch­land. Wie ste­hen ih­re Chan­cen?

Ich bin da ehr­lich ge­sagt skep­tisch, ob sie es schafft. Es gibt im Ver­band durch­aus Vor­be­hal­te ge­gen sie. Wer im Jah­re 2019 al­ler­dings Frau­sein und die be­trieb­li­che Aus­rich­tung oh­ne Vieh­hal­tung als Ge­gen­ar­gu­men­te her­an­zieht, der han­delt dis­kri­mi­nie­rend und rück­stän­dig. Frau Schul­ze Bo­cke­loh en­ga­giert sich seit vie­len Jah­ren kom­pe­tent für die Land­wirt­schaft und hat gro­ßes Ver­hand­lungs­ge­schick, des­halb wer­de ich, als ei­ne der Vi­ze­prä­si­den­tin­nen des Ver­ban­des in West­fa­len-Lip­pe, ihr mei­ne Stim­me ge­ben. Sie wür­de der Land­wirt­schafts­lob­by gut­tun!

Wä­re es auch auf Bun­des­ebe­ne Zeit für ei­ne Bau­ern­prä­si­den­tin?

Män­ner und Frau­en ha­ben

an­de­re Sicht- und Her­an­ge­hens­wei­sen. Ei­ne gu­te Mi­schung bringt in­no­va­ti­ve, aus­ge­wo­ge­ne Er­geb­nis­se, und ich kann mir ei­ne Frau grund­sätz­lich an je­der Po­si­ti­on vor­stel­len.

Vie­le Land­wir­te bie­ten Schul­klas­sen Füh­run­gen über die Hö­fe an. Sie sind öf­ters bei sol­chen Be­su­chen da­bei. Wie groß ist die Dis­tanz zwi­schen Ge­sell­schaft und Land­wirt­schaft? Wenn wir Schul­klas­sen auf dem Hof ha­ben, dann sind es nicht die Kin­der, die un­se­re kon­ven­tio­nel­le Ar­beits­wei­se in­fra­ge stel­len. Das sind die Leh­rer oder die El­tern. War­um muss die Kuh schon wie­der schwan­ger wer­den, wer­de ich dann bei­spiels­wei­se ge­fragt. Weil sie sonst kei­ne Milch gibt, kann ich da nur ant­wor­ten. Ich er­le­be da häu­fig Din­ge, die mich aus mei­ner Per­spek­ti­ve als Bäue­rin fas­sungs­los ma­chen. Da gibt es null Be­zie­hung zur Le­bens­mit­tel­pro­duk­ti­on.

Wie kann man das Wissen über Land­wirt­schaft wie­der in der Be­völ­ke­rung ver­an­kern?

Je­des Kind müss­te min­des­tens ein­mal in der Schul­zeit ei­nen Bau­ern­hof be­su­chen. Das muss sich doch in den Lehr­plan in­te­grie­ren las­sen! Aber ich sa­ge auch: Das geht nicht kos­ten­los. So ein Hof­be­such ist für den Be­trieb mit enor­mem Auf­wand ver­bun­den – Vor­be­rei­tung, Be­treu­ung, Nach­be­rei­tung. Das sind ja Din­ge, die ne­ben der ei­gent­li­chen Ar­beit an­fal­len.

Sol­len die Schul­klas­sen Ein­tritt be­zah­len?

Die Lan­des­re­gie­run­gen in den ein­zel­nen Bun­des­län­dern soll­ten ent­spre­chend sol­che Be­su­che för­dern. In Bay­ern ist das jetzt schon der Fall. Da be­kommt die ent­spre­chend aus­ge­bil­de­te Bäue­rin ei­nen klei­nen drei­stel­li­gen Be­trag als Auf­wands­ent­schä­di­gung. Das for­de­re ich auch für den Rest der Re­pu­blik.

Kürz­lich hat die Land­wirt­schaft ih­ren Pro­test in die Städ­te ge­tra­gen. Tau­sen­de Bau­ern ha­ben sich auf ih­re Tre­cker ge­setzt und ge­gen

Agrar- und Um­welt­po­li­tik pro­tes­tiert. Hat die Politik die Land­be­völ­ke­rung beim The­ma Um­welt ver­ges­sen? Ich kann den Frust sehr gut nach­voll­zie­hen. Wir ha­ben ja selbst ei­nen Bau­ern­hof. Es wird viel über die Köp­fe der Bau­ern hin­weg ent­schie­den, statt mit ih­nen zu re­den. Wir Men­schen auf dem Land, wir Land­wir­te wol­len mit un­se­ren Pro­ble­men ernst ge­nom­men wer­den. Ich bin im Sach­ver­stän­di­gen­rat „Länd­li­che Ent­wick­lung“der Bun­des­re­gie­rung und wür­de mir wün­schen, dass die Zi­vil­ge­sell­schaft noch stär­ker in die­sen Gre­mi­en ein­ge­bun­den wird und ih­re Ex­per­ti­sen ein­brin­gen kann.

Wie geht es wei­ter mit den Groß­de­mons­tra­tio­nen der Bau­ern?

Pi­lo­ten, Lok­füh­rer und an­de­re strei­ken ja auch so lan­ge, bis man auf ih­re For­de­rung ein­geht. Land­wir­tin­nen und Land­wir­ten ist es ge­lun­gen, klar auf­zu­zei­gen, dass sie mit dem Rü­cken zur Wand ste­hen. Das ist ein gu­ter An­fang, der von vie­len Sei­ten ge­nutzt wer­den kann, um wei­ter dar­an zu ar­bei­ten.

Foto: Marcus Mül­ler-Wit­te

Land­frau­en­che­fin Pe­tra Bent­käm­per.

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