US-De­mo­kra­ten: Sind beim Kli­ma­schutz da­bei

In Ma­drid hat der 25. Welt­kli­ma­gip­fel be­gon­nen – doch zum Ju­bi­lä­um gibt es we­nig zu fei­ern

Ems-Zeitung - - VORDERSEIT­E - Von Ralph Schul­ze

Die Front­frau der US-De­mo­kra­ten, Nan­cy Pe­lo­si, hat auf der UN-Kli­ma­kon­fe­renz in Ma­drid an­hal­ten­des En­ga­ge­ment der USA im Kli­ma­schutz zu­ge­sagt. Pe­lo­si si­cher­te ges­tern als Lei­te­rin der De­le­ga­ti­on von De­mo­kra­ten des US-Kon­gres­ses zu: „Wir sind noch da­bei. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind noch da­bei.“Die De­le­ga­ti­on wol­le ein Zei­chen set­zen und zei­gen, dass der US-Kon­gress „ei­sern“da­zu ste­he, die Kli­ma­kri­se zu be­kämp­fen. USPrä­si­dent Do­nald Trump hat den Aus­stieg des Lan­des aus dem Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­men ein­ge­lei­tet.

Un­ter dem Ein­druck welt­wei­ter Kli­ma­pro­tes­te und zer­stö­re­ri­scher Wet­ter­ex­tre­me hat UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär An­tó­nio Gu­ter­res die 14-tä­gi­ge Kon­fe­renz ges­tern mit ei­nem ein­dring­li­chen Ap­pell zum ra­schen Um­steu­ern in der Kli­ma­po­li­tik er­öff­net. Die Mensch­heit müs­se wäh­len zwi­schen dem Weg der „Hoff­nung“und dem der „Ka­pi­tu­la­ti­on“beim Kli­ma­schutz, sag­te Gu­ter­res ges­tern vor Ver­tre­tern aus fast 200 Län­dern.

Zum Auf­takt der UN-Kli­ma­kon­fe­renz in Ma­drid gab es am Ein­gang des Ta­gungs­pa­las­tes für al­le Teil­neh­mer ein sym­bo­li­sches Ge­schenk: ei­ne glä­ser­ne Was­ser­fla­sche. Ver­bun­den mit der freund­li­chen Auf­for­de­rung, die­se doch bit­te mit Lei­tungs­was­ser auf­zu­fül­len und so den Gip­fel­durst zu lö­schen. Ein Ap­pell, der in Spa­ni­en, wo es kein Fla­schen­pfand­sys­tem gibt und je­des Jahr Mil­lio­nen Plas­tik­was­ser­fla­schen im Müll oder in der Land­schaft lan­den, gro­ßen Sinn macht. Zu­mal das Lei­tungs­was­ser von Ma­drid be­rühmt ist für sei­ne gu­te Qua­li­tät.

Drin­nen, im gro­ßen Kon­fe­renz­saal auf dem Ma­dri­der Mes­se­ge­län­de, folg­ten zur Er­öff­nung des Gip­fels Cop25 wei­te­re ein­dring­li­che Auf­ru­fe: „Der ein­zi­ge Weg, um den glo­ba­len Tem­pe­ra­tur­an­stieg zu be­gren­zen, ist die Re­du­zie­rung der fos­si­len Brenn­stof­fe“, mahn­te UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär An­tó­nio Gu­ter­res. „Wenn wir dies nicht tun, wer­den wir in ei­ner ka­ta­stro­pha­len Si­tua­ti­on en­den.“

Krieg ge­gen die Na­tur

Den Kampf ge­gen den Kli­ma­wan­del müss­ten die Staats- und Re­gie­rungs­chefs schon des­halb füh­ren, um der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on ei­ne Zu­kunft zu si­chern. Die Jun­gen for­der­ten zu Recht spür­ba­re Fort­schrit­te im Kampf ge­gen den dro­hen­den Kli­ma­kol­laps, be­ton­te Gu­ter­res: „Wenn wir nicht rasch un­se­ren Le­bens­stil än­dern, ge­fähr­den wir das Le­ben selbst. Wir müs­sen end­lich zei­gen, dass wir es ernst mei­nen da­mit, den Krieg ge­gen die Na­tur zu be­en­den.“

Ist die La­ge wirk­lich so düs­ter? Ja, denn trotz al­ler An­stren­gun­gen be­schleu­nigt sich die Er­der­hit­zung zur­zeit so­gar noch. Schon jetzt hat sich die Er­de nach Be­fun­den des Welt­kli­ma­rats um ein Grad auf­ge­heizt im Ver­gleich zur vor­in­dus­tri­el­len Zeit, und die ver­gan­ge­nen vier Jah­re wa­ren die wärms­ten seit Be­ginn der Wet­ter­auf­zeich­nun­gen. Zu den Fol­gen zäh­len mehr ex­tre­me Wet­te­rer­eig­nis­se, al­so je nach Re­gi­on mehr Hit­ze­wel­len, Dür­ren und Wald­brän­de, aber auch Stür­me, Über­schwem­mun­gen und Stark­re­gen.

Und das ist erst der An­fang: Gin­ge es wei­ter wie bis­her, lä­ge der Tem­pe­ra­tur­an­stieg En­de des Jahr­hun­derts bei 3,4 bis 3,9 Grad, wie das UN-Um­welt­pro­gramm Unep die­ser Ta­ge vor­ge­rech­net hat. An­ge­strebt wer­den aber ma­xi­mal 1,5 Grad, um die ge­fähr­lichs­ten Kipp­punk­te im

Öko­sys­tem zu um­schif­fen.

Ob es ge­lingt?

Der zehn­tä­gi­ge Kli­ma­gip­fel Cop25 steht un­ter dem Mot­to „Zeit zum Han­deln“. Auf der Kon­fe­renz be­ra­ten De­le­ga­tio­nen aus nahe­zu 200 Län­dern über wei­te­re Schrit­te, um die Er­der­hit­zung zu brem­sen. COP25 ist das 25. UN-Fol­ge­tref­fen, um die Fort­schrit­te seit dem Gip­fel in Rio de Janei­ro zu über­prü­fen, auf dem 1992 die Kli­ma­rah­men­kon­ven­ti­on un­ter­zeich­net wur­de. An die 29000 Men­schen neh­men nun am Cop25 teil: Po­li­ti­ker,

Wis­sen­schaft­ler, Um­welt­schüt­zer und Wirt­schafts­bos­se – auch 50 Re­gie­rungs­und Staats­chefs sind da­bei.

Die welt­weit be­kann­tes­te Prot­ago­nis­tin der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on, die schwe­di­sche Ak­ti­vis­tin Gre­ta Thun­berg, war zum Gip­fel­be­ginn noch nicht in Ma­drid ein­ge­trof­fen. Die 16-Jäh­ri­ge be­fand sich wei­ter­hin an Bord des Ka­ta­marans „La Va­g­abonde“auf ho­her See. Das Se­gel­schiff soll nach ei­ner drei­wö­chi­gen At­lan­tik­über­que­rung am heu­ti­gen Di­ens­tag­mor­gen im Ha­fen der por­tu­gie­si­schen

Haupt­stadt Lis­s­a­bon an­le­gen. Von dort woll­te Gre­ta mit ei­nem mög­lichst um­welt­scho­nen­den Ver­kehrs­mit­tel nach Ma­drid wei­ter­rei­sen, wo sie die nächs­ten Ta­ge er­war­tet wird.

Aus­ge­rech­net ei­ni­ge je­ner Staats­chefs, de­ren Län­der zu den größ­ten Kli­ma­schäd­lin­gen ge­hö­ren, glän­zen durch Ab­we­sen­heit. Wie et­wa USPrä­si­dent Do­nald Trump oder Bra­si­li­ens Staats­chef Jair Bol­so­na­ro. Bei­de Po­li­ti­ker hal­ten nicht viel vom Kli­ma­und Um­welt­schutz und be­ka­men zum Gip­fel­start har­te Kri­tik zu hö­ren.

Ei­ne Hand­voll Fa­na­ti­ker

„Heu­te ver­wei­gert sich nur noch ei­ne Hand­voll von Fa­na­ti­kern den be­wie­se­nen Tat­sa­chen“, er­klär­te et­wa Spa­ni­ens so­zia­lis­ti­scher Pre­mier Pe­dro Sán­chez. Die neue EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ur­su­la von der Ley­en ver­sprach in Ma­drid, die EUwol­le Vor­rei­ter beim Kli­ma­schutz sein: „Un­ser Ziel ist es, dass Eu­ro­pa bis 2050 der ers­te kli­ma­neu­tra­le Kon­ti­nent sein wird.“Zum Ab­schluss des Kli­ma­gip­fels wer­de die Kom­mis­si­on ih­ren Kli­ma­schutz­plan na­mens „Eu­ro­pean Gre­en De­al“vor­stel­len.

Nach Mei­nung von Gre­en­peace und WWF rei­chen aber auch die EU-Am­bi­tio­nen nicht aus. Die Um­welt­ver­bän­de for­dern, dass be­reits zehn Jah­re frü­her, al­so bis 2040, der Aus­stoß von Treib­haus­ga­sen kom­plett ge­stoppt und Kli­ma­neu­tra­li­tät er­reicht wird. Im­mer­hin sind sich Um­welt­schüt­zer und EU-Kom­mis­si­on in ei­nem Punkt ei­nig: Eu­ro­pa muss den Kampf ge­gen die Er­der­wär­mung an­füh­ren.

Eu­ro­pa muss Vor­bild sein

Ur­sprüng­lich war die Welt­kli­ma­kon­fe­renz im süd­ame­ri­ka­ni­schen San­tia­go de Chi­le ge­plant, wes­we­gen Gre­ta per Se­gel­boot den At­lan­tik ge­kreuzt hat­te. Doch dann wur­de das Tref­fen we­gen der an­hal­ten­den Pro­tes­te kurz­fris­tig nach Ma­drid ver­legt. Des­we­gen be­schloss die jun­ge Ak­ti­vis­tin, die zum Ge­sicht der glo­ba­len Kli­ma­schutz­be­we­gung ge­wor­den ist, nach Eu­ro­pa zu­rück­keh­ren. Weil sie mög­lichst emis­si­ons­frei rei­sen will, wähl­te die Schwe­din auch für den Rück­weg ein Se­gel­ge­fährt.

Auf der Kli­ma­kon­fe­renz will Gre­ta, wie sie es bei frü­he­ren Ge­le­gen­hei­ten tat, den Po­li­ti­kern hef­tig ins Ge­wis­sen re­den. Im Vor­feld twit­ter­te sie: „Wir kön­nen ei­ne Kri­se nicht lö­sen, oh­ne sie als sol­che zu be­han­deln“. Lasst uns hof­fen, dass sie jetzt dras­ti­sche hin­rei­chen­de Maß­nah­men er­grei­fen“.

Foto: AFP/Ga­b­ri­el Bouys

Di­cke Luft im „Pol­lu­ti­on Pod“: Ei­ne Kun­st­in­stal­la­ti­on auf dem Ma­dri­der Gip­fel-Ge­län­de will die in vie­len Tei­len der Welt all­täg­li­che Luft­ver­schmut­zung für die Teil­neh­mer er­fahr­bar ma­chen.

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