Dün­ge-Streit: Bau­ern war­nen Po­li­ti­ker

Bau­ern mah­nen: Ver­schärf­te Dün­ge­re­geln ge­fähr­den Ver­sor­gung mit Le­bens­mit­teln

Ems-Zeitung - - VORDERSEIT­E - Von Dirk Fis­ser

Vor we­ni­gen Wo­chen sorg­ten die Land­wir­te mit ih­rem Pro­test ge­gen stren­ge­re Dün­ge­re­geln für Auf­merk­sam­keit. Über die­ses The­ma könn­te mor­gen der Bun­des­rat ab­stim­men. Bau­ern war­nen: Die Po­li­tik set­ze die Ver­sor­gung mit Le­bens­mit­teln aufs Spiel.

Es wird der­zeit viel te­le­fo­niert in der Agrar­po­li­tik. Die Ver­tre­ter der Län­der mit der Bun­des­re­gie­rung, die Bun­des­re­gie­rung mit der EU-Kom­mis­si­on und so wei­ter. Denn mor­gen gilt’s im Bun­des­rat, die Län­der­kam­mer stimmt ab: Wird die ver­schärf­te Ver­schär­fung der ge­ra­de erst ver­schärf­ten Dün­ge­re­geln Rea­li­tät?

Die EU-Kom­mis­si­on hat­te Deutsch­land be­reits mehr­fach bei den re­for­mier­ten Re­geln nach­bes­sern las­sen. Aus Sicht der Brüs­se­ler Be­hör­de ge­nüg­ten die An­for­de­run­gen nicht, um das Grund­was­ser aus­rei­chend vor Ni­trat zu schüt­zen. Das wird un­ter an­de­rem beim Aus­brin­gen von Gül­le oder Gär­res­ten frei­ge­setzt. Dar­um soll be­son­ders in Pro­blem­ge­bie­ten we­ni­ger auf die Äcker. Doch die Bau­ern war­nen: Dann könn­ten sie nicht mehr so vie­le Le­bens­mit­tel pro­du­zie­ren.

Weil der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof be­reits rechts­kräf­tig fest­ge­stellt hat, dass Deutsch­land in der Ver­gan­gen­heit in die­sem sen­si­blen Be­reich ver­sagt hat, steht die Bun­des­re­gie­rung un­ter Zug­zwang. Er­füllt sie die An­for­de­run­gen aus Brüs­sel nicht, droht ei­ne saf­ti­ge Straf­zah­lung.

Län­der wei­ter un­eins

Nun ist Deutsch­land aber ein fö­de­ra­ler Staat, die Bun­des­län­der re­den mit. Die kom­men mor­gen un­ge­ach­tet der Co­ro­na-Epi­de­mie in Ber­lin zu­sam­men. Der Bund hat nach zä­hen Ver­hand­lun­gen ei­nen Vor­schlag vor­ge­legt und will dar­über of­fen­bar nicht mehr dis­ku­tie­ren.

So rich­tig zu­frie­den scheint kein Land mit der Vor­la­ge zu sein. Meh­re­re Än­de­rungs­an­trä­ge wur­den in den Aus­schüs­sen für Agrar und Um­welt be­reits ab­ge­lehnt. Kei­ne Po­si­ti­on hat auf Län­der­ebe­ne ei­ne Mehr­heit ge­fun­den. Es sieht so aus, als könn­te der Vor­schlag der Bun­des­re­gie­rung durch­ge­hen, selbst wenn Agrar­län­der wie Bay­ern oder Nie­der­sach­sen da­ge­gen stim­men soll­ten.

Bun­des­agrar­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner (CDU) ver­han­delt wei­ter in al­le Rich­tun­gen. Nach In­for­ma­tio­nen un­se­rer Re­dak­ti­on konn­te sie da­bei ei­nen klei­nen Er­folg ver­bu­chen. Bei der EU-Kom­mis­si­on hat Klöck­ner dem Ver­neh­men nach her­aus­schla­gen kön­nen, dass die Frist zur Um­set­zung der ver­schärf­ten Dün­ge­re­geln von der­zeit sechs auf dann neun Mo­na­te ver­län­gert wird. Sprich: Der Start­schuss fällt erst 2021. Drei Mo­na­te mehr Zeit – zu we­nig, sa­gen die Kri­ti­ker be­reits jetzt.

Wenn der Bun­des­rat den neu­en Re­geln nun zu­stim­me,

„kön­nen wir da­von aus­ge­hen, dass die EU-Kom­mis­si­on zu­nächst von ei­ner wei­te­ren Kla­ge und da­mit ver­bun­de­nen Straf­zah­lun­gen ab­sieht“, teil­ten Klöck­ner und Um­welt­mi­nis­te­rin Sven­ja Schul­ze (SPD) ges­tern mit. Ziel sei nun, die Frist für die dif­fe­ren­zier­te­re Aus­wei­sung der be­son­ders phos­phat­be­las­te­ten „Ro­ten Ge­bie­te“auf 1. Ja­nu­ar 2021 zu ver­schie­ben.

In ei­nem Brief an EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ur­su­la von der Ley­en (CDU) for­der­ten ges­tern auch die Agrar­mi­nis­ter aus Nie­der­sach­sen, Bay­ern, Ba­den-Würt­tem­berg und NRW, die Ver­schär­fung der Dün­ge­ver­ord­nung spä­ter um­zu­set­zen als ge­plant. An­ge­sichts der Aus­nah­me­si­tua­ti­on durch das Co­ro­na­vi­rus sei ei­ne „größt­mög­li­che Fle­xi­bi­li­tät“der EU ge­fragt. „Wir wol­len ei­ne bes­se­re Dün­ge­ver­ord­nung mit ei­ner trag­fä­hi­gen Per­spek­ti­ve“, er­klär­te Nie­der­sach­sens Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Ot­te-Ki­nast (CDU).

„Brau­chen al­le Kraft“

Par­al­lel ma­chen die Bau­ern Druck. Sie ver­fas­sen Mahn­schrei­ben, die je nach Les­art dro­hen­den Cha­rak­ter ha­ben. So warnt die Be­we­gung „Land schafft Ver­bin­dung“EU-Kom­mis­si­ons­che­fin von der Ley­en: „Wir Land­wir­te brau­chen jetzt al­le Kraft, um die Nah­rungs­mit­tel­si­cher­heit auf­recht­zu­er­hal­ten. Ei­ne ne­ga­ti­ve po­li­ti­sche Ent­schei­dung wür­de die deut­schen Bau­ern in ih­ren Ent­schei­dun­gen hem­men und ih­nen je­g­li­che Mo­ti­va­ti­on neh­men.“

Co­ro­na-Hams­ter­käu­fe hat­ten un­längst zu lee­ren Re­ga­len in Su­per­märk­ten ge­führt. Die Ver­brau­cher konn­ten se­hen, wie kri­sen­an­fäl­lig die Le­bens­mit­tel­ver­sor­gung ist. Die Bau­ern­be­we­gung greift die­se Sor­gen nun auf. Von der Ley­en sol­le si­gna­li­sie­ren, dass die Ent­schei­dung über die Dün­ge­ver­ord­nung auf die Zeit nach der Kri­se ver­scho­ben wer­den kön­ne.

Das hat von der Ley­en bis­her nicht ge­macht – und wird es wohl auch nicht tun, heißt es aus Brüs­sel. Der­weil schlie­ßen sich auch die eta­blier­ten Ver­tre­ter der Land­wirt­schaft der Kri­tik an. Sie for­dern, die Dün­ge­ver­ord­nung von der Ta­ges­ord­nung des Bun­des­rats zu wer­fen.

Fo­to: dpa/Phil­ipp Schul­ze

Dau­er­streit­the­ma Dün­ge­mit­tel: Mor­gen be­rät der Bun­des­rat.

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