Ar­beits­agen­tu­ren: Wir ge­ben al­les

Un­ter­neh­men war­nen vor weit­rei­chen­den Fol­gen ge­stör­ter Lie­fer­ket­ten – auch für Men­schen­le­ben

Ems-Zeitung - - VORDERSEIT­E - Von Ni­na Kall­mei­er

Die Bun­des­agen­tur für Ar­beit (BA) ver­spricht Un­ter­neh­men schnel­le Hil­fe in der Co­ro­na-Kri­se, et­wa durch Aus­zah­lung von Kurz­ar­bei­ter­geld noch bis En­de des Mo­nats. BA-Vor­stand Chris­tia­ne Schö­ne­feld sag­te un­se­rer Re­dak­ti­on: „Wir ge­ben wirk­lich al­les.“

Mit ei­nem Brand­brief hat sich Nie­der­sach­sens Me­tall­in­dus­trie ges­tern an die Po­li­tik ge­wandt. Da­bei ging es um zwei zen­tra­le Fra­ge­stel­lun­gen in der Co­ro­na-Kri­se: die Auf­recht­er­hal­tung der Lie­fer­ket­ten und die Zu­kunfts­si­che­rung von Ge­sund­heit und Öko­no­mie.

Lie­fer­ket­ten im Stress­test, dar­über hat­te schon die Au­to­mo­bil­in­dus­trie jüngst ge­klagt. In ih­rem Brand­brief an die nie­der­säch­si­sche Po­li­tik mach­ten der Ver­band der Me­tall­in­dus­tri­el­len Nie­der­sach­sens, der Ar­beit­ge­ber­ver­band der Deut­schen Kaut­schu­k­in­dus­trie so­wie 40 Un­ter­stüt­zer nun noch ein­mal deut­lich: Der Shut­down in Eu­ro­pa könn­te auch Men­schen­le­ben ge­fähr­den.

Denn wenn wie in Ita­li­en sämt­li­che Pro­duk­ti­ons­un­ter­neh­men tem­po­rär ge­schlos­sen wer­den, hat das weit­rei­chen­de Fol­gen. „Ge­schlos­sen wer­den so­mit un­ter an­de­rem auch Un­ter­neh­men der Kunst­stoff­in­dus­trie und der Me­tall­in­dus­trie. Die­se lie­fern bei­spiels­wei­se Grund­ma­te­ria­li­en zur Her­stel­lung von Ka­nü­len, Ein­weg­sprit­zen und Infu­si­ons­be­häl­tern, de­ren Lie­fer­ket­ten so­mit un­ter­bro­chen wer­den“, heißt es in dem Brief, der un­se­rer Re­dak­ti­on vor­liegt. Die­se me­di­zi­ni­schen Pro­duk­te je­doch wer­den auch in der der­zei­ti­gen Kri­sen­ver­sor­gung drin­gend be­nö­tigt.

Das gilt auch für Be­at­mungs­ge­rä­te und In­ten­siv­bet­ten. Doch auch ih­re Pro­duk­ti­on ist ab­hän­gig von kom­ple­xen Lie­fer­ket­ten und durch Ein­schrän­kung ent­spre­chend ge­fähr­det, be­to­nen die Un­ter­zeich­ner des of­fe­nen Brie­fes. Sie ma­chen an dem Bei­spiel deut­lich: So­wohl

für Be­at­mungs­ge­rä­te als auch für In­ten­siv­bet­ten sei­en spe­zi­el­le Ven­ti­le nö­tig. Für die dar­in ver­wen­de­ten Dich­tun­gen ist je­doch Ita­li­en ein sehr wich­ti­ger Be­zugs­markt.

„Ent­steht durch Schlie­ßung von Pro­duk­tio­nen oder lo­gis­ti­sche Stö­run­gen von Lie­fer­ket­ten ein Eng­pass an Dich­tun­gen – und das steht be­vor – so wer­den

kei­ne Ven­ti­le und in der Fol­ge kei­ne Be­at­mungs­ge­rä­te und In­ten­siv­bet­ten pro­du­ziert“, heißt es. Das kön­ne Men­schen­le­ben kos­ten, war­nen die Un­ter­zeich­ner des Brie­fes.

Da­her ap­pel­lie­ren sie an die Po­li­tik, ih­ren Ein­fluss gel­tend zu ma­chen, „um in Deutsch­land, aber auch in Eu­ro­pa In­dus­trie­pro­duk­ti­on und Lie­fer­ket­ten auf­recht­zu­er­hal­ten. Die Lie­fer­be­zie­hun­gen und -ket­ten sind so kom­plex, dass man mit Schlie­ßun­gen von Pro­duk­tio­nen und Trans­port­we­gen im­mer auch die Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung mit zur Kri­sen­be­wäl­ti­gung drin­gend be­nö­tig­ten Gü­tern ge­fähr­det.“

Ge­sund­heit oder Jobs?

Und auf ei­ne zwei­te, fast ethi­sche Dis­kus­si­on wei­sen die Me­tal­ler hin. „In stei­gen­dem Maß wird die rhe­to­ri­sche Fra­ge ge­stellt, was den Vor­zug ha­be, Ge­sund­heit oder Be­schäf­ti­gung“, heißt es in dem Brand­brief. Ei­ne Fra­ge, die sich für die Un­ter­zeich­ner nicht stellt. Aus ei­nem ein­fa­chen Grund: „Bei­de Zie­le be­din­gen ein­an­der, zu­min­dest mit­tel- und lang­fris­tig.“Denn, so die Ar­gu­men­ta­ti­on, ein wirk­sa­mes Ge­sund­heits­sys­tem wer­de aus Steu­er­gel­dern fi­nan­ziert.

Da­mit ma­chen die Un­ter­zeich­ner je­doch auch ei­ne funk­tio­nie­ren­de Wirt­schaft zu ei­nem wich­ti­gen Grad­mes­ser für ein funk­tio­nie­ren­des Ge­sund­heits­sys­tem. „Ein un­ter­fi­nan­zier­tes Ge­sund­heits­sys­tem wür­de zu­künf­tig un­wei­ger­lich ei­ne gro­ße An­zahl von Men­schen­le­ben kos­ten“, so die Ar­gu­men­ta­ti­on. Die Be­schäf­ti­gung sei ein „Ga­rant für un­se­ren So­zi­al­staat und die Auf­recht­er­hal­tung un­se­res Ge­sund­heits­we­sens“, ap­pel­liert die Wirt­schaft.

Hier kri­ti­siert der of­fe­ne Brief: Die vie­len rich­ti­gen Maß­nah­men der Po­li­tik zur Be­schäf­ti­gungs­si­che­rung wür­den nicht schnell ge­nug an­kom­men. In dem Schrei­ben wird un­ter an­de­rem die schlech­te Er­reich­bar­keit der Ar­beits­agen­tu­ren an­ge­spro­chen oder die lan­gen Ge­neh­mi­gungs­zei­ten für Kurz­ar­bei­ter­geld oder Ent­schei­dun­gen über Kre­di­te und Bürg­schaf­ten.

Fo­to: dpa/Ju­li­an Stra­ten­schul­te

Nie­der­sach­sens In­dus­trie be­geg­net der Kon­junk­tur­flau­te mit Kurz­ar­beit

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