Ems-Zeitung

Ge­mein­sam das Bes­te ge­ge­ben

Schil­lers „Räu­ber“: Über­zeu­gen­de Thea­ter-Auf­füh­rung in Sö­gel

- Von Marg­ret Wil­le­ke

Mit Schil­lers Klas­si­ker „Die Räu­ber“ist der Kul­tur­kreis Cle­mens­werth in Sö­gel in die neue Kul­tur­sai­son ge­star­tet. Das Er­geb­nis: drei St­un­den Thea­ter – und je­de Mi­nu­te war es wert.

Zu Be­ginn der Vor­stel­lung des Neu­en Glo­be Thea­ters aus Pots­dam sor­gen die Hy­gie­ne­vor­schrif­ten in der Au­la des Hümm­ling-Gym­na­si­ums für ei­ne durch­aus will­kom­me­ne Ver­zö­ge­rung. Der Vor­hang ist weit of­fen, so kann man sich in Ru­he die Ku­lis­sen an­se­hen – ei­ne klein ge­hal­te­ne Büh­ne, nach hin­ten hin be­grenzt von ei­ner et­wa ta­fel­gro­ßen Wand, die nost­al­gisch häss­lich ta­pe­ziert, mit ei­ner Ab­bil­dung ei­nes bei­na­he le­bens­gro­ßen silb­rig-grau leuch­ten­den Hir­sches da­vor, ein ech­ter Hin­gu­cker ist. Rechts füh­ren drei, vier grün be­spann­te Trep­pen zu ei­ner eben­sol­chen Platt­form. Wer Schil­lers „Räu­ber“ge­le­sen hat, weiß Be­scheid: Bän­ke und Ho­cker sind das Schloss, Hirsch und „Ra­sen“-Trep­pe die Böh­mi­schen Wäl­der.

Die Schlag­zeu­grhyth­men, die ein Mann wäh­rend der War­temi­nu­ten (und im Lau­fe des Abends noch häu­fig) lie­fert, sind kurz­wei­lig. Nach vorn hin ist das „Spiel­feld“ab­ge­grenzt durch ein weit aus­ge­leg­tes di­ckes Seil.

Und dann be­ginnt das Spiel. Se­bas­ti­an Bi­sch­off ist Franz Moor, ge­klei­det in ei­nen furcht­bar häss­li­chen, hef­tig glän­zen­den Par­ty­an­zug, er greift zu ei­nem Mi­kro­fon und macht mit auf­trump­fen­dem Ge­ha­be deut­lich, dass ihm nur ein Mensch wich­tig ist: er sel­ber.

Sei­nen wirk­lich aus­la­den­den Ein­gangs­mo­no­log trägt Bi­sch­off, zu­nächst ganz text­treu, sehr ein­drucks­voll vor, das Pu­bli­kum er­lebt sicht­lich ge­bannt ei­nen wahr­lich fie­sen „Hel­den“. Wer bis hier­hin noch auf nost­al­gi­sche Schloss- oder Räu­ber­ro­man­tik ge­hofft hat, be­greift nun end­gül­tig: Das gibt es heu­te nicht.

Ful­mi­nan­tes Spiel

Die Desil­lu­sio­nie­rung ist aber nicht schlimm, denn Schil­lers Wor­te, das ful­mi­nan­te Spiel, ein­zel­ne rich­tig gu­te Ins­ze­nie­rungs­ide­en, treff­si­cher ge­wähl­te Re­qui­si­ten, all das ver­führt die Zu­schau­er dann doch zur Iden­ti­fi­ka­ti­on: Er bangt, er wun­dert sich, er be­wun­dert, er ver­ach­tet und er ent­wi­ckelt Mit­ge­fühl. Selbst Ama­lia ge­winnt in die­ser Ins­ze­nie­rung, vor al­lem dank der schau­spie­le­ri­schen Leis­tung von Pe­tra Wolf, so viel Per­sön­lich­keit, dass die Zu­schau­er doch mit­lei­den mit der ar­men Frau.

Der Räu­ber­haupt­mann in sei­ner Ver­zweif­lung über die schein­bar ver­wei­ger­te vä­ter­li­che Lie­be (wun­der­bar schrei­end, stamp­fend, wei­nend: Kai Fre­de­ric Schri­ckel) lässt den Zu­schau­ern am we­nigs­ten die Mög­lich­keit, auf Ab­stand zu blei­ben.

Schri­ckels Ins­ze­nie­rung un­ter der Re­gie von Andre­as Er­fuhrt ist ge­prägt von Kon­tras­ten, Wi­der­sprü­chen, Ir­ri­ta­tio­nen. Ganz wie bei Schil­ler: Der lie­ben­de, treue Sohn ist ein Schur­ke, der ver­lo­re­ne Sohn hat ei­ne ho­he Moral, der to­te Va­ter lebt in ei­ner Gruft, die Un­ge­setz­li­chen wei­gern sich, ih­ren Haupt­mann zu ver­ra­ten.

Im Pro­gramm­heft heißt es: „Wir hal­ten ei­ner sich zu­neh­mend ver­ein­zeln­den (co­ro­nabe­dingt: sehr wahr) Gesellscha­ft die le­ben­di­ge Un­mit­tel­bar­keit des ge­mein­sa­men Au­gen­blicks ent­ge­gen: Zu­schau­er und Ak­teu­re er­le­ben die­sen Abend ge­mein­sam, und ge­mein­sam ge­ben sie ihr Bes­tes!“Und ge­nau so war es.

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