Ranga Yogeshwar

Muss? Bull­s­hit!

ERFOLG Magazin - - Inhalt -

Wis­sen­schaft kommt ja im­mer et­was nüch­tern da­her. Wä­re es nicht für vie­le an­de­re Be­rei­che, die recht emo­ti­ons­auf­ge­la­den und da­durch rich­tungs­los dis­ku­tiert wer­de, gut, wenn man vie­les im Le­ben et­was nüch­ter­ner zu be­trach­ten ver­su­chen wür­de?

Ja, und in den heu­ti­gen Zei­ten ha­ben wir so­gar das Pro­blem, dass vie­le ei­ner ge­fühl­ten Wahr­heit nach­lau­fen und sich nicht un­be­dingt an Fak­ten ori­en­tie­ren. Was gro­ße De­bat­ten zum The­ma Mi­gra­ti­on oder an­de­re be­trifft, wä­re es sehr heil­sam, wenn wir fak­ten­ori­en­tiert wä­ren.

Men­schen hin­ter­fra­gen oft we­nig. Ist das denn, aus Ih­rer Le­bens­er­fah­rung ge­se­hen, mit den Jah­ren schlim­mer ge­wor­den?

Ich glau­be nicht, dass Men­schen we­nig hin­ter­fra­gen. Aber was viel wich­ti­ger ist, ist die Ver­mitt­lung mit­un­ter kom­ple­xer Zu­sam­men­hän­ge. Denn die­se Welt ist kom­plex, des­halb ist sie üb­ri­gens auch schön. Das hat aber den Nach­teil, dass man sie nicht in ein­ein­halb Sät­zen er­klä­ren kann. Der Um­gang mit Kom­ple­xi­tät ist wohl eher das Hemm­nis, aber dass Men­schen Din­ge hin­ter­fra­gen, das se­he ich im­mer wie­der.

Sie sind ja ein gro­ßer Bü­cher­freund. Mei­nen Sie, Bü­cher kön­nen die Men­schen und da­mit die Welt ver­än­dern?

Man­che Bü­cher kön­nen man­che Men-

schen ver­än­dern. Wenn ich bei­spiels­wei­se das neue Buch von Chris­toph Kee­se zum The­ma Dis­rup­ti­on end­lich le­sen darf, weiß ich, dass sein An­sin­nen dar­in be­steht, ein Land zu ver­än­dern, im Be­zug auf die Ve­rän­de­rung neu­er Din­ge und den Um­gang mit ei­nem Fort­schritt, der viel­leicht auch manch­mal die Ka­te­go­ri­en des Al­ten ver­än­dert. Bü­cher kön­nen ver­än­dern, sind aber nur ein Mo­sa­ik­stein in un­se­rem Le­ben. In­so­fern muss man vie­le ver­schie­de­ne Ka­nä­le gleich­zei­tig nut­zen.

Dann ist für Sie als alt­ge­dien­ten Fern­seh­men­schen wohl auch das Fern­se­hen ein sol­ches Me­di­um.

Auch das ist nur ein Mo­sa­ik­stein. Wenn ich da­von aus­ge­hen wür­de, dass ich durchs Fern­se­hen wirk­lich was ver­än­de­re, wür­de ich heu­te ei­ne De­pres­si­on be­kom­men, weil ich mich 30 Jah­re für Din­ge ein­ge­setzt ha­be und jetzt fest­stel­le, oh, es hat nichts ge­nutzt. Nein, es gibt das Fern­se­hen, es gibt die Me­di­en, es gibt Bü­cher, es gibt Freun­des­krei­se und – was viel­leicht noch wich­ti­ger ist – die ei­ge­ne per­sön­li­che Er­fah­rung. Es gibt ein­fach auch Men­schen, die sa­gen, das ha­be ich pro­biert, das geht, und sie än­dern was.

Vie­le Men­schen glau­ben ja, dass Wis­sen­schaft­ler im­mer die Schlau­es­ten im Raum sind. Ist es nicht auch so, dass Wis­sen­schaft­ler meis­tens die Neu­gie­rigs­ten sind?

Zu­er­stein­mal hängt es vom Raum ab, al­so, wer ist noch im Raum. Manch­mal stimmt es, dann sind Wis­sen­schaft­ler die Schlau­es­ten im Raum. Was die Neu­gier be­trifft: Das ist die Ba­sis der Wis­sen­schaft, aber wir wer­den al­le ge­bo­ren mit ei­nem Gen der Neu­gier. Gu­cken Sie sich ein klei­nes Kind an, das will al­les er­pro­ben. Al­so in­so­fern hängt es wirk­lich von der Be­set­zung des Rau­mes ab, den Sie in Ih­rer Vor­stel­lung gra­de se­hen.

Das Ziel der Wis­sen­schaft soll­te ja auch ei­ne Nä­he zum Men­schen sein. Ha­ben Sie da ak­tu­el­le Er­fah­run­gen, wie das an den Unis aus­sieht? Wächst die Wis­sen­schaft nä­her zum Men­schen hin oder sind das eher zwei ge­teil­te La­ger?

Das hängt doch ganz von der Wis­sen­schaft ab. Nur zum Bei­spiel: Wenn Sie vor 100 Jah­ren krank ge­wor­den wä­ren, wä­re die Ge­schich­te viel­leicht nicht so gut aus­ge­gan­gen, wie heu­te. Und dass sie heu­te bes­ser aus­geht, hat da­mit zu tun, dass die Me­di­zin durch­aus Din­ge än­dern kann. Ich kann mir kaum vor­stel­len, dass man nä­her am Men­schen sein kann. Heu­te über­lebt man auch ei­nen Herz­in­farkt, an dem man vor 100 Jah­ren si­cher ge­stor­ben wä­re.

Okay, in Sa­chen Me­di­zin ha­ben sie of­fen­sicht­lich recht. Aber ge­hen wir mal eher von er­klä­ren­der Wis­sen­schaft aus, wenn ich das mal un­pro­fes­sio­nell so nen­nen darf. Wenn zum Bei­spiel je­mand er­klärt, wie das Geld­sys­tem auf der Welt funk­tio­niert oder sonst et­was, was der nor­ma­le Mensch ei­gent­lich nicht weiß. Ist es da nicht auch die Auf­ga­be der Wis­sen­schaft zu ver­su­chen, das in ein­fa­cher

Spra­che noch nä­her an den nor­ma­len Men­schen her­an­zu­brin­gen, so dass er das auch mal ver­steht?

In den Rei­hen der Wis­sen­schaft ist das nicht der Fall, dort gibt es kei­ne Punk­te oder Cre­dits da­für. Ein gu­ter Wis­sen­schaft­ler kann, wenn er sich für ei­ne Pro­fes­sur be­wirbt, nicht sa­gen, ich ha­be aber da ei­nen all­ge­mein­ver­ständ­li­chen Vor­trag ge­hal­ten oder die­ses Kin­der­buch ge­schrie­ben. Da zählt tat­säch­lich die har­te Wäh­rung des wis­sen­schaft­li­chen Pu­bli­zie­rens, des Zi­tie­rens und so wei­ter. Aber es gibt na­tür­lich die Not­wen­dig­keit, dass Wis­sen­schaft­ler sich da bes­ser ar­ti­ku­lie­ren. Vor ei­ni­gen Jah­ren ha­ben wir den so­ge­nann­ten „Kom­mu­ni­ka­tor-preis der Wis­sen­schaft“hier in Deutsch­land aus der Tau­fe ge­ho­ben. Ich ha­be die Idee mit vor­an­ge­bracht. Die Grund­idee da­bei ist, dass gu­te Wis­sen­schaft­ler auch da­für ins Ram­pen­licht ge­stellt wer­den und sehr viel Geld be­kom­men, wenn sie gut er­klä­ren kön­nen. Aber man muss ehr­lich sein. Es gibt ei­ni­ge Na­tur­ta­len­te und es gibt an­de­re, die sind groß­ar­ti­ge Wis­sen­schaft­ler, aber sie kön­nen es nicht. Sie ha­ben es auch nie ge­lernt. Ich selbst bin Teil­chen­phy­si­ker. Es gab kei­ne Vor­le­sung „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kom­pe­tenz“oder ähn­li­ches.

Gibt es ein Er­folgs­prin­zip, das Sie über die Jah­re ge­tra­gen hat, bei dem Sie sa­gen, da­von wei­che ich nicht ab?

Ja, sei of­fen für das Neue; ha­be Spaß an dem was du tust und den­ke da­bei in ei­nem grö­ße­ren Kon­text. Oft be­geg­net mir ei­ne Hal­tung der Angst oder des Zwangs: Im Rah­men der In­no­va­ti­ons­de­bat­ten fällt das Wort „muss“zu häu­fig. Deutsch­land muss auf­ho­len, wir müs­sen di­gi­ta­ler wer­den…. So­wohl in den Rei­hen der Wirt­schaft aber auch bei der Po­li­tik hö­re ich zu viel „Muss“und zu we­nig“Kann“oder „Wollen. Das ist scha­de, denn In­no­va­ti­on hat viel mit der Lust auf Neu­es zu tun. Da­mit mei­ne ich nicht ei­ne nai­ve Fort­schritts­gläu­big­keit, son­dern den re­flek­tier­ten Fort­schritt. Wir ha­ben die Mög­lich­keit un­se­re Welt zu ge­stal­ten und hier­in of­fen­ba­ren sich groß­ar­ti­ge Chan­cen!

Ju­li­en Backhhaus un­ter­hielt sich mit Ranga Yogeshwar dar­über, wie Wis­sen­schaft in die heu­ti­ge Ge­sell­schaft ein­flie­ßen kann.

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