ERFOLG Magazin

Joa­chim Gauck

Kei­ne To­le­ranz für In­to­le­ranz

- Joachim Gauck · Stasi · Herder Editorial · Johann Gottfried Herder

Joa­chim Gauck im In­ter­view mit dem Her­der Ver­lag

Sehr ge­ehr­ter Herr Gauck, in Ih­rem neu­en Buch plä­die­ren Sie für ei­ne „kämp­fe­ri­sche To­le­ranz“. Was ist da­mit ge­meint? To­le­ranz ge­bie­tet, dass ich aus­hal­te und dul­de, was ich falsch fin­de und ab­leh­ne. Aber To­le­ranz ist nicht be­schränkt auf pas­si­ves Er­dul­den, sie schließt auch den kämp­fe­ri­schen Wett­streit um die rich­ti­ge oder rich­ti­ge­re Mei­nung ein. Au­ßer­dem muss es in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft Gren­zen der Nach­sicht und Duld­sam­keit ge­ben. Wenn To­le­ranz und Plu­ra­li­tät be­droht sind, ist ge­gen­über In­to­le­ran­ten auch In­to­le­ranz ge­bo­ten – als ei­ne Hal­tung von De­mo­kra­ten im Na­men der Grund- und Men­schen­rech­te.

Gibt es in Ih­rer ei­ge­nen Bio­gra­fie Zei­ten, in de­nen Ih­nen To­le­ranz un­zu­mut­bar er­schien?

Na­tür­lich, wie bei je­dem Men­schen im­mer wie­der! Vor 1990 zum Bei­spiel ge­gen­über ei­nem re­pres­si­ven Staat, ge­gen­über dem ich in kei­ner Wei­se to­le­rant sein woll­te. Da be­fand ich mich po­li­tisch und mo­ra­lisch al­ler­dings auf der Sei­te der „Gu­ten“. Aber nach 1990 merk­te ich, dass ich auch mit vie­lem Neu­em und Frem­den im frei­en Wes­ten mei­ne Schwie­rig­kei­ten hat­te. Aus der eher abs­trak­ten Idee To­le­ranz wur­de nun ei­ne nicht im­mer be­que­me An­for­de­rung im All­tag. Das hat mich her­aus­ge­for­dert. Wie weit soll­te mei­ne To­le­ranz rei­chen? Wo aber war In­to­le­ranz an­ge­zeigt, da­mit In­to­le­ran­te nicht ein­fach von Gleich­gül­tig­keit oder fal­scher Nach­sicht pro­fi­tie­ren? Die­ser Kon­flikt tauch­te be­son­ders auf, nach­dem ich mit der Funk­ti­on des Bun­des­be­auf­trag­ten für die Sta­si-un­ter­la­gen be­traut wor­den war. Mir vor­zu­stel­len, dass ähn­lich wie in den 1950er Jah­ren in der Bun­des­re­pu­blik ehe­ma­li­ge Na­zis nun Rich­ter, Staats­an­wäl­te oder auch Mi­li­tärs aus der Ddr-dik­ta­tur un­ter­schieds­los und un­ge­prüft von der neu­en De­mo­kra­tie über­nom­men wur­den, er­schien mir nicht nur po­li­tisch un­klug, es wi­der­sprach auch zu­tiefst mei­nem Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den. Das wä­re fal­sche To­le­ranz ge­we­sen.

Die vie­len Auf­ru­fe zur To­le­ranz klin­gen oft sehr an­ge­strengt und an­stren­gend. Muss To­le­ranz im­mer so sein?

Ich den­ke, To­le­ranz ist oh­ne ei­ne ge­wis­se An­stren­gung nicht zu ha­ben. Das liegt ganz ein­fach an der span­nungs­ge­la­de­nen Aus­gangs­si­tua­ti­on: Ich soll aus­hal­ten, was mich doch im­mer auch ab­stößt. Aber To­le­ranz „lohnt“sich auch – und zwar in­di­vi­du­ell wie po­li­tisch. Sie ist ein Ge­bot der Ver­nunft und be­lohnt uns, wo wir sie prak­ti­zie­ren, mit ei­nem ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­ben, das we­ni­ger ag­gres­siv, we­ni­ger pro­vo­ka­tiv, we­ni­ger po­la­ri­sie­rend ist. Hin­zu kommt: Die Über­win­dung, die in je­dem to­le­ran­ten Akt steckt, wirft als wei­te­re Be­loh­nung ein Frei­heits­er­leb­nis ab. Je­der to­le­ran­te Akt führt uns vor Au­gen: Der Mensch hat ei­ne Wahl – ich ha­be ei­ne Wahl. To­le­ranz ist, so ge­se­hen, nicht nur Zu­mu­tung und Be­schrän­kung, son­dern auch Selbst­er­mäch­ti­gung und Be­frei­ung!

Ist To­le­ranz in der mul­ti­kul­tu­rel­len Ge­sell­schaft nicht not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung von al­lem?

Ja – denn Viel­falt kann oh­ne To­le­ranz nicht exis­tie­ren. Und ei­ne Ge­sell­schaft, die eth­nisch, re­li­gi­ös, kul­tu­rell viel­fäl­ti­ger wird, stellt auch hö­he­re An­for­de­run­gen an un­se­re To­le­ranz.

Wenn Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus nun meint, dass sich Men­schen trotz un­ter­schied­li­cher Prä­gun­gen und auch un­ter­schied­lich lan­ger An­mar­sch­we­ge zu ei­nem gleich­be­rech­tig­ten Zu­sam­men­le­ben zu­sam­men­tun in der Ver­tei­di­gung und dem Aus­bau ei­nes de­mo­kra­ti­schen, li­be­ra­len Ge­mein­we­sens, dann be­ja­he ich Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus. Ein­wan­de­rer ha­ben un­ser Land rei­cher, stär­ker, viel­fal­ti­ger ge­macht.

Wenn Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus aber ei­ne po­li­ti­sche Theo­rie und Pra­xis meint, die es ver­bie­tet, Kul­tu­ren, Glau­bens­rich­tun­gen und Le­bens­for­men kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, dann leh­ne ich das Kon­zept ab. Ich hal­te es für falsch, Nach­sicht ge­gen­über Kul­tu­ren zu üben, die Vor­be­hal­te ge­gen­über der Auf­klä­rung und den Men­schen­rech­ten ha­ben und frau­en­feind­lich, ho­mo­phob, an­ti­se­mi­tisch, an­ti­de­mo­kra­tisch oder in­to­le­rant sind. Ei­ne of­fe­ne und li­be­ra­le Ge­sell­schaft strebt uni­ver­sel­le Men­schen- und Bür­ger­rech­te an – für al­le, aus wel­cher Tra­di­ti­on sie auch im­mer kom­men mö­gen.

Aber To­le­ranz ist nicht be­schränkt auf pas­si­ves Er­dul­den, sie schließt auch den kämp­fe­ri­schen Wett­streit um die rich­ti­ge­re Mei­nung ein. Ich den­ke, To­le­ranz ist oh­ne ei­ne ge­wis­se An­stren­gung nicht zu ha­ben.

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 ??  ?? To­le­ranz ein­fach schwer Her­der Ver­lag: 2. Auf­la­ge ISBN: 978-3451383243 Preis: 22,–€
To­le­ranz ein­fach schwer Her­der Ver­lag: 2. Auf­la­ge ISBN: 978-3451383243 Preis: 22,–€

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