ERFOLG Magazin

Uli Fun­ke: Lö­sen sich Pro­ble­me im Schlaf?

- Von Uli Fun­ke Health · Mental Health · Medicine · Science · Lifestyle · Healthy Living · Lifehacks · Health Conditions · Princeton · Auch · Eberhard Karls University of Tübingen · Tubingen · Princeton University

Ei­gent­lich soll­te Bernd ei­ne Lö­sung für ein Soft­ware­pro­blem fin­den. Beim Team-mee­ting am Mor­gen hat­te ihm der Chef klar zu ver­ste­hen ge­ge­ben, er er­war­te bis Mit­tag ein Er­geb­nis. Jetzt ist Mit­tag, doch als der Chef das Bü­ro von Bernd be­tritt, ist er ge­ra­de in ein Ni­cker­chen ver­tieft. Der Chef ras­tet aus und brüllt: „Glaubst Du, die Pro­ble­me lö­sen sich im Schlaf?“

Kom­ple­xe Ent­schei­dun­gen stel­len uns im­mer wie­der vor Her­aus­for­de­run­gen. Wenn wir mehr als zwei, drei Pa­ra­me­ter zu be­rück­sich­ti­gen ha­ben, stößt un­se­re ko­gni­ti­ve Leis­tungs­fä­hig­keit schnell an ih­re Gren­ze. Es gibt mu­ti­ge Be­haup­tun­gen, dass ei­ne kur­ze geis­ti­ge Pau­se oder gar ein kur­zes Ni­cker­chen am Ar­beits­platz da po­si­ti­ve Ef­fek­te hät­ten und da­nach Kon­zen­tra­ti­on, Denk­ver­mö­gen und Ent­schei­dungs­fä­hig­keit stei­gen. Ist das tat­säch­lich so?

Bei je­der ein­zel­nen Er­fah­rung, die wir ma­chen, und auch je­der Ent­schei­dung, die wir tref­fen, ar­bei­ten un­ter­schied­li­che Re­gio­nen im Ge­hirn zu­sam­men. Die­se Ge­hirn­ak­ti­vi­tät ist für je­de Si­tua­ti­on spe­zi­fisch und er­zeugt mess­ba­re neu­ro­na­le Mus­ter. Wenn wir uns da­nach an ge­trof­fe­ne Ent­schei­dun­gen und er­leb­te Er­fah­run­gen er­in­nern, sind die glei­chen Ak­ti­vi­täts­mus­ter im Ge­hirn mess­bar. Beim Ler­nen und Er­in­nern spielt der Hip­po­cam­pus ei­ne zen­tra­le Rol­le. Das ist ein Be­reich im in­ne­ren Rand der Groß­hirn­rin­de, der der Form ei­nes See­pferds äh­nelt. For­scher ha­ben un­ter­sucht, was ge­nau in Ru­he­pha­sen nach Ent­schei­dungs­pro­zes­sen

im Hip­po­cam­pus pas­siert und wie Schlaf die Merk­fä­hig­keit des Ge­hirns ver­bes­sert. Doch schau­en wir erst mal dar­auf, wie ei­gent­lich Pro­blem­lö­sungs­pro­zes­se im Ge­hirn ab­lau­fen.

Wie schon er­wähnt, ist un­ser Den­ken schnell über­for­dert, wenn ei­ne Si­tua­ti­on auch nur mä­ßig kom­plex wird. Dies hängt mit der äu­ßerst be­schränk­ten Ver­ar­bei­tungs­ka­pa­zi­tät un­se­res Ar­beits­ge­dächt­nis­ses und der da­mit zu­sam­men­hän­gen­den Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit

zu­sam­men. Man kann nur un­ge­fähr fünf ein­fa­che Din­ge im Kopf be­hal­ten und nicht mehr als zwei Vor­gän­ge gleich­zei­tig in­ten­siv ver­fol­gen. Selbst das ist schon schwer. Da­nach nimmt die all­ge­mei­ne Auf­merk­sam­keit dras­tisch ab, und man muss mit sei­nem Fo­kus hin und her sprin­gen. Am leis­tungs­fä­higs­ten ist un­ser Auf­merk­sam­keits­be­wusst­sein dann, wenn es sich voll und ganz auf ei­ne Sa­che kon­zen­trie­ren kann.

Un­ser Ge­hirn ver­fügt aber da­ne­ben über ei­ne zwei­te Mög­lich­keit, Pro­ble­me zu lö­sen, näm­lich das Vor­be­wusst­sein. Hier liegt un­se­re In­tui­ti­on. Die Fä­hig­keit zur Ver­ar­bei­tung kom­ple­xer In­for­ma­tio­nen ist in die­sem Be­reich we­sent­lich grö­ßer als die un­se­res be­wuss­ten Ar­beits­ge­dächt­nis­ses. Die im Vor­be­wusst­sein ge­spei­cher­ten In­for­ma­tio­nen und lau­fen­den Ar­beits­pro­zes­se sind dem ak­tu­el­len Be­wusst­sein aber nicht zu­gäng­lich. Wir kön­nen sie nicht wahr­neh­men. Je­der von uns kennt aber die ent­spre­chen­den Si­tua­tio­nen, ge­ra­de in Un­ter­neh­men. Man tüf­telt an der Lö­sung ei­nes Pro­blems oder ei­ner kom­ple­xen Ent­schei­dungs­si­tua­ti­on. Der Ver­stand ar­bei­tet un­ter Vol­last. Et­wa 40 Pro­zent un­se­res Ener­gie­ver­brauchs wer­den in sol­chen Si­tua­tio­nen nur al­lein vom Ge­hirn ver­braucht. Doch so sehr man auch nach der Lö­sung sucht, sie will ei­nem nicht ein­fal­len. Und dann, beim Jog­gen, un­ter der Du­sche oder beim Abend­es­sen ist der Ein­fall plötz­lich da.

Na­tür­lich ist dies nicht zwin­gend ge­ge­ben. Das schein­ba­re Auf­ge­ben führt nicht ga­ran­tiert zur in­tui­ti­ven Lö­sung, aber ge­ra­de die „Ge­nia­li­tät“man­cher Lö­sun­gen ist eng ver­bun­den mit dem Ein­fluss von In­tui­ti­on. In­ter­es­san­ter­wei­se ver­mit­teln in­tui­ti­ve Ent­schei­dun­gen im Ge­hirn auch ei­nen hö­he­ren Grad an Zuf­rie­den­heit als ana­ly­ti­sche Ent­schei­dun­gen. For­scher ver­mu­ten den schon be­kann­ten Be­loh­nungs­ef­fekt da­hin­ter. Un­ser Ge­hirn be­lohnt uns mit kör­per­ei­ge­nen Hirn­bo­ten­stof­fen, den Neu­ro­trans­mit­tern, wenn wir Ener­gie spa­ren. Al­ten, be­währ­ten Ge­wohn­hei­ten zu fol­gen oder die Pro­blem­ver­ar­bei­tung von Ver­stand auf In­tui­ti­on um­zu­schal­ten ist en­er­ge­tisch spar­sa­mer.

Am leis­tungs­fä­higs­ten ist un­ser Auf­merk­sam­keits­be­wusst­sein dann, wenn es sich voll und ganz auf ei­ne Sa­che kon­zen­trie­ren kann.

Es ist al­so er­wie­sen, dass die Re­du­zie­rung der Kon­zen­tra­ti­on auf ein Pro­blem die Wahr­schein­lich­keit deut­lich er­höht, ge­nau die­ses Pro­blem zu lö­sen. Aber wie sieht es jetzt mit Ru­he­pha­sen oder dem Ni­cker­chen aus?

Was ge­nau nach ei­ner kom­ple­xen Ent­schei­dung im schon er­wähn­ten Hip­po­cam­pus pas­siert, hat die For­schungs­grup­pe Neu­ro­code am Max-planck-in­sti­tut für Bil­dungs­for­schung (MPIB) ge­mein­sam mit Wis­sen­schaft­lern der Prin­ce­ton Uni­ver­si­ty un­ter­sucht: 33 Pro­ban­den muss­ten in meh­re­ren Blö­cken ei­ne kom­ple­xe Ent­schei­dungs­auf­ga­be be­ar­bei­ten. Da­bei la­gen sie im Ma­gnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fen (MRT). So wur­de die Hirn­ak­ti­vi­tät auf­ge­zeich­net. Im Fo­kus stand da­bei der or­bito­fron­ta­len Cor­tex, der vor­de­re, stirn­sei­ti­ge Teil des Ge­hirns und der Hip­po­cam­pus. In dem vor­de­ren Teil des Ge­hirn spie­len sich be­kannt­lich die men­ta­len Ent­schei­dungs­pro­zess ab. Je­de Art von Ent­schei­dung bil­de­te hier ein spe­zi­fi­sches neu­ro­na­les Ak­ti­vi­täts­mus­ter.

Nach je­dem Auf­ga­ben­block soll­ten sich die Pro­ban­den für fünf Mi­nu­ten aus­ru­hen und ru­hig im MRT lie­gen blei­ben. Die Wis­sen­schaft­ler woll­ten so her­aus­fin­den, was ge­nau in die­ser Ru­he­pha­se nach dem Be­ar­bei­ten der kom­ple­xen Ent­schei­dungs­auf­ga­ben im Ge­hirn pas­siert. „Wäh­rend die Pro­ban­den in den Pau­sen zwi­schen den Auf­ga­ben ru­hig da­la­gen, spiel­te der Hip­po­cam­pus die so­eben er­le­dig­te Ent­schei­dungs­auf­ga­be er­neut ab. Da­bei konn­ten wir die Rei­hen­fol­ge der zu­vor statt­ge­fun­de­nen Er­leb­nis­se be­ob­ach­ten. Un­se­re Er­geb­nis­se las­sen ver­mu­ten, dass die­se Wie­der­ho­lung im Ge­hirn be­schleu­nigt – qua­si im Zei­t­raf­fer – ge­schieht.“, so Ni­co­las Schuck, Lei­ter der For­schungs­grup­pe Neu­ro­code. Für die Wis­sen­schaft­ler ist dies ein Be­leg, dass Ru­he­pha­sen ei­ne po­si­ti­ve Rol­le beim Er­ler­nen neu­er Auf­ga­ben spie­len.

Schlaf trägt zur Bil­dung uns­res Lang­zeit­ge­dächt­nis­ses bei. Er fes­tigt al­so zu­vor er­wor­be­nes Wis­sen. Über Nacht wird dau­er­haft im Ge­hirn ab­ge­legt, was wir den Tag über an Wis­sen er­wor­ben ha­ben. Auch kür­ze­re Schlaf­pha­sen ha­ben so ei­ne Wir­kung. Wis­sen­schaft­ler vom In­sti­tut für Me­di­zi­ni­sche Psy­cho­lo­gie und Ver­hal­tens­neu­ro­bio­lo­gie der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen ha­ben in ei­ner ak­tu­el­len Stu­die die Lern­leis­tung am Bei­spiel vor­her­seh­ba­rer Ab­läu­fe im Zu­sam­men­hang mit Schlaf un­ter­sucht. Da­zu lie­ßen sie zwei Per­so­nen­grup­pen an ei­nem Bild­schirm fest­ge­leg­te Se­quen­zen von vi­su­el­len Mus­tern ler­nen. Nach ent­we­der ei­ner Schlaf- oder ei­ner Wach­pha­se tes­te­ten die Wis­sen­schaft­ler, wie die Pro­ban­den auf Ab­wei­chun­gen in den ge­lern­ten Ab­läu­fen re­agier­ten. Da­bei zeig­te sich, dass die Grup­pe mit Schlaf­pha­se die Ab­läu­fe stär­ker ver­in­ner­licht hat­te und si­che­rer be­herrsch­te, auch wenn die Se­quen­zen in schnel­le­rer Ab­fol­ge prä­sen­tiert wur­den.

Ru­he­pha­sen und Schlaf ha­ben al­so ei­nen nach­hal­tig po­si­ti­ven Ef­fekt auf Ge­dächt­nis und Ar­beits­leis­tung. Ist dies dann ein Plä­doy­er für das Ni­cker­chen am Ar­beits­platz? Die Ent­schei­dung bleibt je­dem selbst über­las­sen. Auf je­den Fall muss hier aber der ein oder an­de­re „Chef“sei­ne Sicht­wei­se än­dern. Es ist ein Plä­doy­er Frei­räu­me und Ru­he­pha­sen für die Mit­ar­bei­ter nicht nur zu­zu­las­sen son­dern auch ak­tiv zu för­dern.

Ru­he­pha­sen und Schlaf ha­ben al­so ei­nen nach­hal­tig po­si­ti­ven Ef­fekt auf Ge­dächt­nis und Ar­beits­leis­tung.

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Der Welt­fuß­bal­ler Chris­tia­no Ro­nal­do ist be­kannt da­für meh­re­re Schlaf­pau­sen pro Tag zu ma­chen, um so fit im Kopf und auf dem Fuß­ball­feld zu blei­ben.

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