Ein Rei­se­bus ge­rät nach ei­nem Auf­fahr­un­fall auf der A 9 bei Münch­berg (BY) ra­send schnell in Voll­brand. 30 In­sas­sen kön­nen sich recht­zei­tig vor den Flam­men ret­ten, 18 Per­so­nen ster­ben.

Ein Rei­se­bus ge­rät nach ei­nem Auf­fahr­un­fall auf der A 9 bei Münch­berg (BY) ra­send schnell in Voll­brand. 18 Men­schen ster­ben in den Flam­men. Für die Ret­tungs­kräf­te be­ginnt ein psy­chisch ex­trem be­las­ten­der Ein­satz. Wir bli­cken ein Jahr nach dem Un­glück zu­rü

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Für al­le Ret­tungs­kräf­te be­ginnt ein psy­chisch ex­trem be­las­ten­der Ein­satz. Wir bli­cken ein Jahr nach der Ka­ta­stro­phe auf die Er­eig­nis­se des 3. Ju­li 2017 zu­rück.

Am Mor­gen des 3. Ju­li 2017 fährt ein mit 46 Fahr­gäs­ten und zwei Fah­rern be­setz­ter Rei­se­bus auf der Au­to­bahn 9 zwi­schen München und Nürn­berg. Kurz nach 7 Uhr be­fin­det er sich zwi­schen den An­schluss­stel­len Münch­berg-süd und Ge­frees. Die Au­to­bahn be­sitzt hier drei Rich­tungs­spu­ren und ei­nen Stand­strei­fen. Im

ein­set­zen­den Be­rufs­ver­kehr staut sich der Ver­kehr vor ei­ner Bau­stel­le auf rund ei­nem Ki­lo­me­ter. Das Stau­en­de liegt in ei­ner leich­ten Rechts­kur­ve. Hier prallt der Bus mit ho­her Ge­schwin­dig­keit auf den An­hän­ger ei­nes lang­sam vor­aus­fah­ren­den Lkw. Da­bei wird die lin­ke Front des Bus­ses um bis zu 2 Me­ter ein­ge­drückt. Erst­hel­fer ver­su­chen, sich um die Bus-in­sas­sen zu küm­mern. Sie wer­den spä­ter an­ge­ben, dass der Bus „so­fort“– an­de­re spre­chen von „nach we­ni­gen Mi­nu­ten“– in Voll­brand stand.

Um 7.13 Uhr geht in der In­te­grier­ten Leit­stel­le Hof der ers­te No­t­ruf ein. Mit dem Alarm­stich­wort „BAB 9, Brand Bus“rü­cken die Frei­wil­li­ge Feu­er­wehr Münch­berg und der Ret­tungs­dienst aus. An­ga­ben über Ver­letz­te kann der An­ru­fer nicht ma­chen. Durch Zu­fall be­fin­den sich im Stau hin­ter der Un­fall­stel­le an­ge­hen­de Not­fall­sa­ni­tä­ter und eh­ren­amt­li­che Ret­tungs­as­sis­ten­ten. Auf­grund ih­rer prä­zi­se­ren te­le­fo­ni­schen La­ge­dar­stel­lung er­gänzt der Di­s­po­nent die Alarm­mel­dung: „Rei­se­bus im Voll­brand, ei­ne Viel­zahl von Ver­letz­ten, ver­miss­te Per­so­nen even­tu­ell im Bus.“Das führt zu ei­ner Er­hö­hung der Alar­mie­rung auf MANV 1 (Mas­sen­an­fall von Ver­letz­ten, bis 25 Per­so­nen).

Men­schen­ret­tung aus Bus nicht mehr mög­lich

Ex­akt um 7.18 Uhr rü­cken der Kom­man­do­wa­gen (Kdow), ein Tank­lösch­fahr­zeug (TLF) 16/25 und das TLF 4000 der Feu­er­wehr Münch­berg aus. „Der ers­te Ret­tungs­wa­gen war um 7.23 Uhr am Ein­satz­ort, al­so 10 Mi­nu­ten nach der Not­fall­mel­dung“, be­rich­tet Tho­mas Klich, Kreis­be­reit­schafts­lei­ter und Ein­satz­lei­ter Ret­tungs­dienst des Baye­ri­schen Ro­ten Kreu­zes (BRK) in Hof. „Zu die­sem Zeit­punkt war aber kei­ne Ret­tung von Men­schen aus dem bren­nen­den Bus mehr mög­lich.“

Aus der Po­li­tik und in der Pres­se gibt es spä­ter zum Teil har­sche Kri­tik an der zö­ger­li­chen Bil­dung der Ret­tungs­gas­se. Das ers­te TLF ist um 7.28 Uhr an der Un­fall­stel­le. „Die­se Zei­ten zei­gen, dass die Ret­tungs­gas­se gar nicht so schlecht ge­we­sen ist“, gibt Martin Schö­del, Kom­man­dant der FF Münch­berg, zu be­den­ken. „Ich war mit mei­nem Ein­satz­leit­fahr­zeug schon um 7.24 Uhr ge­mein­sam mit den ers­ten Fahr­zeu­gen des Ret­tungs­diens­tes am Ein­satz­ort.“

Die gro­ße Hit­ze­ent­wick­lung setzt die Bö­schung und auch den an­gren­zen­den Baum­be­stand in Brand. Eben­so be­ginnt der Lkw-an­hän­ger mit zir­ka 5 Ton­nen Schaum­stoff­kis­sen zu bren­nen. Des­sen Fah­rer hat nach dem Auf­prall die Zug­ma­schi­ne ab­ge­kop­pelt und in si­che­rer Ent­fer­nung ab­ge­stellt. Auf­grund des be­herz­ten Ein­grei­fens und Öff­nens bei­der Tü­ren durch den zwei­ten Bus­fah­rer und durch Ein­schla­gen der Sei­ten­schei­ben kön­nen sich 30 Bus­in­sas­sen – zum Teil schwer ver­letzt – aus dem Fahr­zeug ret­ten. Die Ver­letz­ten ir­ren zu­nächst zwi­schen den St­au­fahr­zeu­gen um­her.

Atem­schutz­trupps be­gin­nen die Brand­be-

kämp­fung am Bus mit Schaum und Was­ser. Wäh­rend­des­sen rich­tet der Ret­tungs­dienst ei­ne Ver­letz­ten­sam­mel­stel­le vor der Un­fall­stel­le ein. Sechs Pa­ti­en­ten sind le­bens­be­droh­lich ver­letzt, zwei Pa­ti­en­ten schwer und 22 Pa­ti­en­ten leicht ver­letzt. 18 In­sas­sen wer­den ver­misst. Früh­zei­tig for­dert der Ein­satz­lei­ter wei­te­re Kräf­te an. In kur­zer Zeit lan­den fünf Ret­tungs­hub­schrau­ber (RTH) auf der ge­sperr­ten Au­to­bahn. Zur Ko­or­di­nie­rung der Flug­be­we­gun­gen schwebt ein Hub­schrau­ber der Po­li­zei über der Un­fall­stel­le. Fünf Rth-be­sat­zun­gen flie­gen Pa­ti­en­ten mit ho­her Trans­port­prio­ri­tät in Kran­ken­häu­ser. Die üb­ri­gen Pa­ti­en­ten wer­den mit ins­ge­samt 18 Ret­tungs- und Kran­ken­trans­port­wa­gen trans­por­tiert.

WLF bringt 6.000 Li­ter Was­ser zur Ein­satz­stel­le

Mitt­ler­wei­le steht auch der mit Schaum­stoff be­la­de­ne An­hän­ger in Voll­brand. Auf­grund der mas­si­ven Brand­aus­brei­tung for­dert Feu­er­wehr­kom­man­dant Schö­del wei­te­re was­ser­füh­ren­de Fahr­zeu­ge zur Brand­be­kämp­fung an. Die Feu­er­wehr aus dem be­nach­bar­ten Ge­frees be­fin­det sich be­reits mit ei­nem Hil­fe­leis­tungs-lösch­grup­pen­fahr­zeug (HLF) 20 und ei­nem Wech­sel­la­der­fahr­zeug (WLF) samt Ab­roll­be­häl­ter Was­ser (6.000 Li­ter) auf der An­fahrt. Eben­so wird die FF Helm­brechts mit ei­nem HLF 20 und ei­nem TLF 4000 für Lösch­ar­bei­ten an der Bö­schung von der rück­wär­ti­gen Sei­te an- ge­for­dert. Dort ver­läuft ein schma­ler Forst­weg, der mit ge­län­de­gän­gi­gen Fahr­zeu­gen be­fah­ren wer­den kann. Wei­te­re Kräf­te der FF Helm­brechts be­set­zen zur Ge­biets­ab­si­che­rung das Feu­er­wehr­haus in Münch­berg.

Vier Ein­satz­ab­schnit­te wer­den ge­bil­det. 1: Brand­be­kämp­fung Rei­se­bus, 2: Brand­be­kämp­fung Wald, 3: Brand­be­kämp­fung Lkw und 4: Un­ter­stüt­zung Ret­tungs­dienst. Die Lösch­trupps ha­ben auf­grund der Hit­ze­ent­fal­tung gro­ße Mü­he, sich den bren­nen­den Fahr­zeu­gen zu nä­hern. „Selbst mit kom­plet­ter Schutz­aus­rüs­tung ka­men wir an­fäng­lich nicht dich­ter als rund 4 Me­ter an den Bus her­an“, er­in­nert sich Schö­del. „Nach­dem wir aus­rei­chend Was­ser an der Ein­satz­stel­le hat­ten, konn­ten wir das Feu­er aber recht schnell ein­däm­men.“

Um 7.54 Uhr kann er an die Leit­stel­le „Feu­er aus“mel­den. Die Nach­lösch­ar­bei­ten dau­ern bis 8.23 Uhr, weil der ge­sam­te An­hän­ger ent­la­den wer­den muss, um Glut­nes­ter ab­zu­lö­schen.

Nach und nach ver­dich­tet sich die Ge­wiss­heit, dass die 18 ver­miss­ten Per­so­nen im Rei­se­bus ums Le­ben ge­kom­men sind. „Der Ein­satz war rein tech­nisch für die Feu­er­wehr re­la­tiv pro­blem­los zu be­wäl­ti­gen“, sagt Kom­man­dant Schö­del. „Es stand nur die Brand­be­kämp­fung an, da ei­ne Ret­tung von Ver­letz­ten nicht mehr mög­lich war.“Doch die Bil­der der Brand­op­fer aus dem Bus sind für al­le Ein­satz­kräf­te be­las­tend.

Die Fahr­spur in Rich­tung Nürn­berg ist durch die Po­li­zei kom­plett ge­sperrt. Der Ver­kehr wird ab der An­schluss­stel­le Münch-

berg-nord ab­ge­lei­tet. Die im Stau ste­hen­den Fahr­zeu­ge kön­nen auf An­ord­nung der Po­li­zei wen­den und fah­ren von der Au­to­bahn. Ei­ne rund 300 Me­ter vor der Un­fall­stel­le lie­gen­de Be­helfs­aus­fahrt er­leich­tert die Anund Ab­fahrt der Ein­satz­fahr­zeu­ge. Hier kön­nen auch Lkw die A 9 ver­las­sen.

Feu­er­wehr­fahr­zeu­ge als Sicht­schutz vor Gaf­fern

In die­sem Be­reich wird von der Po­li­zei der Pres­se­be­reich auf­ge­baut. Im­mer mehr Me­di­en­ver­tre­ter tref­fen ein. Das baye­ri­sche In­nen­mi­nis­te­ri­um lädt zu ei­ner Pres­se­kon­fe­renz an die Un­fall­stel­le ein. Um Gaf­fer ab­zu­hal­ten und die Per­sön­lich­keits­rech­te der Be­trof­fe­nen zu wah­ren, stel­len die Feu­er­weh­ren ih­re Fahr­zeu­ge als Sicht­schutz vor die Wracks des Bus­ses und des An­hän­gers.

Als das Feu­er rest­los ge­löscht ist, neh­men die Ex­per­ten für Spu­ren­si­che­rung und Fo­ren­sik der Po­li­zei die Ar­beit auf. Sie bit­ten die Feu­er­wehr um Un­ter­stüt­zung bei der Lei­chen­ber­gung. „Ich ha­be mei­ne Mann­schaft zu­sam­men­ge­ru­fen und ge­fragt, wer sich das heu­te zu­traue“, be­rich­tet Schö­del. „Das kann nicht je­der je­den Tag. Es ha­ben sich aber sehr schnell acht Frei­wil­li­ge ge­fun­den.“In Schutz­an­zü­gen ber­gen die Kräf­te un­ter An­lei­tung und in Zu­sam­men­ar­beit mit der Po­li­zei die Lei­chen aus dem Bus.

Wäh­rend des Ein­sat­zes sind Not­fall­seel­sor­ger und Sbe-teams (Stress­be­wäl­ti­gung nach be­las­ten­den Er­eig­nis­sen) an der Ein­satz­stel­le. Die Nach­sor­ge für die Kräf­te wird ei­ni­ge Wo­chen nach dem Ein­satz auf­recht­er­hal­ten. Von der Be­völ­ke­rung und der Po­li­tik be­kom­men die Hel­fer von Feu­er­wehr und Ret­tungs­dienst gro­ße Wert­schät­zung. Ih­nen zu Eh­ren fin­det ein Staats­akt mit Ver­tre­tern der Po­li­tik statt.

„Wir hat­ten ge­nau so ein Sze­na­ri­um vor kur­zem in ei­nem Aus­bil­dungs­zelt­la­ger ge­übt“, er­klärt Brk-kreis­be­reit­schafts­lei­ter Klich. „Es gab, ne­ben der gro­ßen Übung ei­nes Bu­s­un­falls mit 50 Ver­letz­ten­dar­stel­lern, auch ei­ne Schu­lung mit Be­tei­lig­ten al­ler Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen für die Be­sat­zung des erstein­tref­fen­den Ret­tungs­wa­gens.“Nie­mand ahn­te, dass das Übungs­sze­na­rio schon kur­ze Zeit spä­ter Rea­li­tät wird.

Text: Helmut Stark, Ret­tungs­as­sis­tent und frei­er Jour­na­list, Sven Bu­chen­au, Re­dak­teur Feu­er­wehr-ma­ga­zin [5338]

Auf der A 9 bei Münch­berg (BY) kommt es am 3. Ju­li 2017 zu ei­nem fol­gen­schwe­ren Ver­kehrs­un­fall. Ein Rei­se­bus fährt auf ei­nen Lkw auf und steht we­nig spä­ter in Voll­brand – 18 In­sas­sen ster­ben. Die Feu­er­wehr fährt Brand­ur­sa­che­nermitt­ler im Korb ei­ner Dreh­lei­ter über das aus­ge­brann­te Wrack des Bus­ses.

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