„Wir brauch­ten un­be­dingt ei­ne Re­form“

Wie lässt sich das Feu­er­wehr- und Ret­tungs­we­sen ei­nes Lan­des grund­le­gend ver­än­dern? Wel­che Hür­den sind auf dem Weg zur Um­set­zung zu neh­men? Un­ser Re­dak­teur Micha­el Rüf­fer hat mit dem lu­xem­bur­gi­schen In­nen­mi­nis­ter Dan Kersch ge­spro­chen.

Feuerwehr-Magazin - - Reportage - In­ter­view: Micha­el Rüf­fer

FM: Herr Mi­nis­ter, Sie ha­ben die Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des lu­xem­bur­gi­schen Feu­er­wehr- und Ret­tungs­we­sens als „Jahr­hun­dert­re­form“be­zeich­net. Was wa­ren die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen?

Dan Kersch: Das Zu­sam­men­füh­ren von Feu­er­wehr, al­so dem ro­ten Be­reich, und Zi­vil­schutz, dem wei­ßen Be­reich. Und die Be­ant­wor­tung der Fra­ge, wie Haupt­amt­li­che und Frei­wil­li­ge künf­tig zu­sam­men­ar­bei­ten.

FM: Was ge­nau wa­ren die kri­ti­schen Punk­te?

Dan Kersch: Es gab Kom­pe­tenz­strei­tig­kei­ten zwi­schen Rot und Weiß. Au­ßer­dem herrsch­ten Ängs­te und Skep­sis so­wohl bei den Frei­wil­li­gen als auch bei den Haupt­amt­li­chen, was bei Ve­rän­de­run­gen ja häu­fig der Fall ist. Die Eh­ren­amt­ler be­fürch­te­ten vor al­lem, dass ih­re bis­he­ri­gen Qua­li­fi­ka­tio­nen und Er­fah­run­gen im CGDIS nicht mehr zäh­len. Und dass sie von den pro­fes­sio­nel­len Kräf­ten ver­drängt wer­den. Die­se wie­der­um wa­ren in Sor­ge um die künf­ti­gen Qua­li­täts­maß­stä­be und die Ar­beits­be­din­gun­gen.

FM: Wie ha­ben Sie ei­ne Lö­sung ge­fun­den?

Dan Kersch: Durch zahl­rei­che ge­mein­sa­me Ge­sprä­che und Ver­an­stal­tun­gen mit den Ak­teu­ren, an de­nen auch ich teil­ge­nom­men ha­be. Wir ha­ben durch Brain­stor­ming her­aus­ge­ar­bei­tet, wo die Pro­ble­me lie­gen. Da­bei war nicht nur die Spit­ze der je­wei- li­gen Or­ga­ni­sa­tio­nen, son­dern auch die Ba­sis prä­sent. Auf die­se Wei­se ha­ben wir Rot mit Weiß zu­sam­men­ge­bracht und uns mit der Stadt Lu­xem­burg aus­ge­tauscht, die als ein­zi­ge im Land ei­ne Be­rufs­feu­er­wehr auf­weist. Als ich 2013 Mi­nis­ter wur­de, stell­te ich fest, dass es sol­che Ge­sprä­che zwi­schen In­nen­mi­nis­te­ri­um und der Stadt noch gar nicht ge­ge­ben hat­te.

FM: Konn­ten Sie denn al­le Zwei­fel aus­räu­men?

Dan Kersch: Man kann nicht je­den über­zeu­gen, aber ei­ne Mehr­heit. Letzt­lich war bei uns al­len das Be­wusst­sein ent­schei­dend, dass wir un­be­dingt ei­ne Re­form brau­chen. Die Frei­wil­li­gen for­dern sie schon drin­gend seit 12 Jah­ren, das Gan­ze ging al­so von un­ten nach oben. So hat­ten wir gro­ßen Hand­lungs­druck.

FM: Mit wel­chen in­halt­li­chen Ar­gu­men­ten sind Sie den Be­den­ken be­geg­net?

Dan Kersch: Ich ha­be den frei­wil­li­gen Kräf­ten zu­ge­si­chert, dass Aus­bil­dun­gen und Ein­sat­z­er­fah­run­gen, die ge­macht wur­den, an­er­kannt wer­den. Und dass Füh­rungs­kräf­te bei ent­spre­chen­der Qua­li­tät in ih­rer Funk­ti­on blei­ben kön­nen. Das ab­zu­er­ken­nen, wä­re das En­de der Re­form ge­we­sen. Da­durch, dass wir von Be­ginn an mit der BF, der Flug­ha­fen­feu­er­wehr und dem SAMU die Haupt­amt­li­chen ein­be­zo­gen ha­ben, konn­ten wir auch dort ei­ne ho­he Ak­zep­tanz er­rei­chen. Das war nicht ein­fach. Es war aber se­riö­ser als der ur­sprüng­li­che Plan, die BF erst spä­ter zu in­te­grie­ren. Wir set­zen jetzt im CGDIS lang­jäh­ri­ge For­de­run­gen der Bf-ge­werk­schaft um. Künf­tig wer­den wir uns auch pro­gres­siv mehr um die In­te­gra­ti­on von Haupt­amt-

li­chen be­mü­hen. Das ist in der Ver­gan­gen­heit ver­nach­läs­sigt wor­den.

FM: Laut lu­xem­bur­gi­schen Me­di­en herrsch­te bei den Ge­mein­den zu­nächst Un­zu­frie­den­heit in der Fra­ge der Fi­nan­zie­rung. Wie kom­men die Ge­mein­den bei dem jetzt rea­li­sier­ten Mo­dell weg?

Dan Kersch: Der über­wie­gen­de Teil der Ge­mein­den wird durch die ein­woh­ner­be­zo­ge­ne Ab­ga­be we­ni­ger Kos­ten ha­ben als vor­her. Denn die meis­ten ha­ben in der Ver­gan­gen­heit ih­re Haus­auf­ga­ben in punc­to Qua­li­tät und Fi­nan­zen ge­macht. Nur für die­je­ni­gen, die in letz­ter Zeit we­ni­ger in die Feu­er­wehr in­ves­tiert ha­ben, wird es mehr. Dass Staat und Ge­mein­den je­weils genau­so vie­le Sit­ze im Ver­wal­tungs­rat des CGDIS ha­ben und ei­nen ge­wis­sen An­teil der Kos­ten ge­mein­sam über­neh­men, ist ei­ne fai­re Lö­sung, fin­de ich. Grund­sätz­lich gilt: Es geht um Men­schen­le­ben, da müs­sen in ei­nem rei­chen Land wie Lu­xem­burg die Mit­tel zur Ver­fü­gung ste­hen.

FM: Für die Ge­mein­den be­deu­tet die Re­form auch, die von ih­nen er­rich­te­ten Ka­ser­nen (Feu­er­wehr­häu­ser) und be­schaff­ten Fahr­zeu­ge an das CGDIS ab­zu­ge­ben. Ist das nicht ein har­ter Schnitt?

Dan Kersch: Mei­ne Vor­ga­be bei der Re­form war: Ge­gen den Wil­len der Ge­mein­den be­zie­hungs­wei­se der Feu­er­weh­ren wird kei­ne Ka­ser­ne ge­schlos­sen. Au­ßer­dem wur­de frei­ge­stellt, ob die Ge­mein­den die von ih­nen be­schaff­ten Feu­er­wehr­fahr­zeu­ge in den Be­stand des CGDIS über­ge­hen las­sen oder die­se be­hal­ten, um sie an­der­wei­tig zu nut­zen oder zu ver­äu­ßern.

FM: Am 1. Ju­li 2018 ging es los mit dem CGDIS. Wie ha­ben Sie den Start vor­be­rei­tet?

Dan Kersch: Wir ha­ben bei­spiels­wei­se schon im Jahr 2017 da­für ge­sorgt, dass es lan­des­weit nur noch ei­ne Leit­stel­le statt zwei – Lu­xem­burg-stadt und Lu­xem­burg-land – gibt. Die Ver­wal­tung des CGDIS ha­ben wir in den letz­ten drei Jah­ren auf­ge­baut. Sie hat schon Mo­na­te vor­her so funk­tio­niert, wie es das Ge­setz vor­schreibt. Als ich an­fing, ar­bei­te­ten in der bis­he­ri­gen staat­li­chen Ver­wal­tung des Ret­tungs­we­sens, der Ad­mi­nis­tra­ti­on des ser­vices des se­cours, ge­ra­de mal 98 Leu­te. Heu­te sind es 250. Wir ha­ben zu­dem haupt­amt­li­che Feu­er­wehr­leu­te ein­ge­stellt, die vor al­lem im Ret­tungs­dienst tä­tig sind. Wei­te­re wer­den fol­gen. Au­ßer­dem ha­ben wir al­le künf­ti­gen Füh­rungs­kräf­te in der neu­en Kom­man­do­struk­tur ge­schult. Und im Mai die­sen Jah­res fand be­reits ei­ne ers­te Sit­zung des CGDIS-VERWAL­tungs­rats statt.

FM: Läuft die Re­form da­mit qua­si von selbst wei­ter?

Dan Kersch: Nein, un­se­re Ar­beit an der Um­set­zung ist noch nicht zu En­de. Aber wir ha­ben end­lich da­mit be­gon­nen. Nicht al­les kann seit dem 1. Ju­li zu 100 Pro­zent klap­pen. Aber es fällt uns kein Za­cken aus der Kro­ne, wenn dies so ist. Dann müs­sen wir den Mut zum Nach­bes­sern ha­ben. Wenn wir – wie ge­plant – im Jahr 2020 sämt­li­che Feu­er- und Ret­tungs­wa­chen in das CGDIS in­te­griert ha­ben und das Na­tio­na­le Brand­schut­zund Ret­tungs­zen­trum mit dem Aus­bil­dungs­zen­trum in Be­trieb neh­men, sind wir ei­nen ganz we­sent­li­chen Schritt wei­ter­ge­kom­men.

Seit 2013 ist Dan Kersch In­nen­mi­nis­ter von Lu­xem­burg. Er sorg­te da­für, dass die schon lan­ge ge­plan­te Re­form des Feu­er­wehr- und Ret­tungs­we­sens um­ge­setzt wur­de.

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