Was 300 Deut­sche im fin­ni­schen Rie­sen-zelt­la­ger er­lebt ha­ben

Al­le 4 Jah­re stei­gen die gro­ßen fin­ni­schen Ju­gend­feu­er­wehrZelt­la­ger. Dies­mal wa­ren über 300 Teil­neh­mer aus Deutsch­land mit da­bei – von zir­ka 2.700 Cam­pern ins­ge­samt. Sie er­leb­ten span­nen­de Aus­bil­dung, un­ge­wohn­te Ri­tua­le und Ka­me­rad­schaft pur.

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Ter­vetuo­la heißt üb­ri­gens „herz­lich Will­kom­men“auf Fin­nisch – für die Ju­gend­feu­er­wehr-ak­teu­re aus Deutsch­land häu­fig das ers­te Wort, wel­ches ih­nen in Finn­land be­geg­net. Doch bis da­hin war es für die ein­zel­nen Grup­pen aus Deutsch­land be­reits ei­ne lan­ge Tour auf dem Weg zum Zelt­la­ger in Loh­t­a­ja an der West­küs­te Finn­lands.

Die wohl wei­tes­te An­rei­se hat­te die Ju­gend­feu­er­wehr Max­hüt­te-win­ker­ling aus der Kle­in­stadt Max­hüt­te-haid­hof im Ober­pfäl­zer Kreis Schwan­dorf: Luft­li­nie knapp 2.000 Ki­lo­me­ter. Zu­nächst ist der Tross – be­ste­hend aus 13 Ju­gend­li­chen, vier Be­treu­ern mit zwei Mann­schafts­trans­por­tern und ei­nem An­hän­ger – nach Lü­beck-tra­ve­mün­de ge­fah­ren. Im­mer­hin zir­ka 730 Ki­lo­me­ter.

Dann ging es mit der Fäh­re nach Hel­sin­ki. 28 St­un­den dau­er­te die Über­fahrt. Für die Fah­rer op­ti­mal zum Aus­ru­hen, denn von der fin­ni­schen Haupt­stadt bis nach Loh­t­a­ja muss­ten die Ober­pfäl­zer noch­mal 550 Ki­lo­me­ter zu­rück­le­gen.

Jetzt aber: „Ter­vetuo­la“im Xxl-zelt­la­ger mit 2.700 Teil­neh­mern, dar­un­ter knapp über 300 Deut­sche. Die größ­te Grup­pe bil­de­te die Ju­gend­feu­er­wehr Dort­mund mit 58 Ju­gend­li­chen und Be­treu­ern.

Un­ter den West­fa­len wa­ren ei­ni­ge Wie­der­ho­lungs­tä­ter und Finn­land-ken­ner. Denn ins­be­son­de­re der Lösch­zug Dort­mund-as­seln pflegt schon seit fast 10 Jah­ren ei­ne Part­ner­schaft mit der Feu­er­wehr aus Gran­kul­la (Kau­n­i­ai­nen) in der Nä­he von Hel­sin­ki. Für die Teil­neh­mer der JF Max­hüt­teWin­ker­ling war es die Pre­mie­re. „Ein Aben­teu­er“, be­schrieb Ju­gend­feu­er­wehr­wart To­bi­as Se­bast sei­ne ers­ten Ein­drü­cke nach dem Zelt­la­ger.

Was läuft in Finn­land an­ders?

Ge­zel­tet wur­de nicht – wie in Deutsch­land häu­fig zu se­hen – auf Wie­sen. Das Camp er­streck­te sich über ein gro­ßes, im Wald ge­le­ge­nes Mi­li­tär­ge­län­de. Zel­te muss­ten di­rekt zwi­schen den Bäu­men auf­ge­stellt wer­den.

Es gab vier Mahl­zei­ten pro Tag: Früh­stück, Mit­tag­es­sen, ers­tes Abend­es­sen ab 17 Uhr und das zwei­te ab 21 Uhr. Da­für ist die Aus­wahl nicht im­mer ganz nach dem Ge­schmack der Teil­neh­mer ge­we­sen: Je­den Tag Por­ridge (Ha­fer­brei) am Mor­gen, nur ge­rin­ge Un­ter­schie­de der Zu­ta­ten in der Sup­pe mit­tags und Brot mit But­ter und Kä­se.

Nicht ge­ra­de all-in­clu­si­ve wie im Club-ur­laub oder bei Voll­pen­si­on in ei­ner Ju­gend­her­ber­ge, aber das ge­hört zum Aben­teu­er Zelt­la­ger in Finn-

land ein­fach da­zu. Ge­nau­so wie die über­wie­gen­den Steh­plät­ze in den Es­sens­hüt­ten.

„Ei­gent­lich ge­wöhnt man sich schnell an das fin­ni­sche Es­sen und die Mahl­zei­ten im Ste­hen“, sagt Jörn-hen­drik Kuin­ke. Der stell­ver­tre­ten­de Bun­des­ju­gend­lei­ter ist be­ken­nen­der Fan der fin­ni­schen Ju­gend­feu­er­wehr-camps. „Es macht doch ge­ra­de den Reiz aus, dass al­les et­was an­ders läuft als in un­se­ren Zelt­la­gern.“Be­glei­tet wur­de das Pro­gramm täg­lich von mor­gens bis abends von ei­nem Cam­pra­dio. Zwar auf Fin­nisch, aber trotz­dem gut für die Stim­mung.

Je­den Mor­gen stand der Fah­nen­ap­pell an. Die fin­ni­sche Na­tio­nal­flag­ge wur­de täg­lich um 9 Uhr neu ge­hisst – mit ent­spre­chen­der Re­de von Camp-ver­ant­wort­li­chen und un­ter den Au­gen der dis­zi­pli­niert auf­ge­reih­ten Zelt­la­ger­teil­neh­mer. Da­ne­ben hin­gen auf dem Fah­nen­platz dann ganz­tä­gig auch die Na­tio­nal­flag­gen der Gäs­te – un­ter an­de­rem Deutsch­land und Russ­land.

Dann gin­gen die Ju­gend­feu­er­wehr­leu­te in ih­re Grup­pen – wei­test­ge­hend nach Al­ter ein­ge­teilt und bunt ge­mischt aus al­len deut­schen JF, ein paar fin­ni­schen Part­ner­weh­ren und ei­ner Mann­schaft aus Russ­land. So ver­brach­ten die Ju­gend­li-

chen und teil­wei­se auch die Ju­gend­lei­ter ei­nen gro­ßen Zei­t­raum am Tag nicht in ih­rer JF. Für ei­ni­ge ein et­was un­ge­wohn­tes Mo­dell, aber für vie­le auch be­son­ders span­nend. „Die Grup­pen aus ver­schie­de­nen Jf-leu­ten wa­ren cool, da sind echt vie­le neue Freund­schaf­ten ent­stan­den“, schwärmt Mar­tin (14). Er war mit ei­ner klei­nen Grup­pe sei­ner JF aus Ber­linStaa­ken in Loh­t­a­ja da­bei.

Ab­sturz­si­che­rung und Un­fall­ret­tung

„Das stimmt, das Bes­te am Camp war der Aus­tausch zwi­schen den Ju­gend­li­chen und Ju­gend­war­ten – die neu­en ka­me­rad­schaft­li­chen Kon­tak­te“, meint auch der Ju­gend­wart aus Max­hüt­te-win­ker­ling. Se­bast er­gänzt: „Au­ßer­dem wa­ren die Aus­bil­dun­gen sehr rea­lis­tisch und die Teil­neh­mer wirk­lich be­geis­tert da­von.“

Tat­säch­lich stand – wie in fin­ni­schen Camps üb­lich – die feu­er­wehr­tech­ni­sche Aus­bil­dung im Mit­tel­punkt. So konn­ten die Ju­gend­li­chen – je nach Al­ter – Ge­rä­te für die tech­ni­sche Un­fall­ret­tung an Schrott­fahr­zeu­gen selbst aus­pro­bie­ren. Die Mäd­chen und Jun­gen er­hiel­ten so­gar ei­ne gro­be Ein­wei­sung in die Ab­sturz­si­che­rung und durf­ten an ei­nem Klet­ter­turm üben. Al­les im­mer in en­ger Be­glei­tung und un­ter Auf­sicht von Aus­bil­dern und deut­schen Ju­gend­lei­tern. Ge­ra­de die Feu­er­wehr­tech­nik be­geis­ter­te die Mäd­chen und Jun­gen aus Deutsch­land.

Für den fin­ni­schen Feu­er­wehr­nach­wuchs be­deu­ten sol­che Zelt­la­ger bei­spiels­wei­se ein­zel­ne Etap­pen in ih­rem Aus­bil­dungs­pro­gramm in der Ju­gend­zeit. Sie trai­nie­ren die feu­er­wehr­spe­zi­fi­schen In­hal­te je nach Al­ters­stu­fe und le­gen am En­de der Wo­che ei­ne Prü­fung ab. So ähn­lich, als wür­den wir in Deutsch­land die Zelt­la­ger fest in die Ju­gend­flam­me in­te­grie­ren. Nur geht das bei den Fin­nen al­les noch et­was wei­ter und wird in­ten­si­ver be­trie­ben.

„Die Aus­bil­dun­gen wa­ren rich­tig cool, was ganz an­de­res als in deut­schen Zelt­la­gern“, fin­det der 14-jäh­ri­ge Mar­tin. Da­ne­ben konn­ten die Ju­gend­li­chen mit ih­ren Grup­pen bei­spiels­wei­se Vo­gel­häu­ser bau­en und mit Graf­fi­ti ver­se­hen. Das Som­mer­wet­ter lock­te die Cam­per an den nur 1,5 Ki­lo­me­ter ent­fernt ge­le­ge­nen Strand der nörd­li­chen Ost­see. An ei­nem Nach­mit­tag stieg hier ei­ne klei­ne La­ger­olym­pia­de mit wit­zi­gen Strand­spie­len.

Zum En­de der lan­gen Ta­ge in Finn­land gönn­ten sich die Be­treu­er re­gel­mä­ßig et­was Ent­span­nung in der Sau­na. Die Finn­land-neu­lin­ge merk­ten re­la­tiv schnell, dass das nichts mit dem Spa- und Well­nes­sBe­reich der deut­schen Schwimm­bä­der zu tun hat­te. In der Holz­hüt­te mit nur ei­nem Sau­na­raum tra­fen sich manch­mal 20 bis 30 Er­wach­se­ne gleich­zei­tig. Amts­spra­che war na­tür­lich Fin­nisch. Aber die Deut­schen ha­ben sich trotz kräf­ti­ger Auf­güs­se im zeit­li­chen Ab­stand von manch­mal nur ei­ner Mi­nu­te ganz gut ge­hal­ten.

Es wird wirk­lich nicht dun­kel

Zur Nacht­ru­he muss­ten sich ins­be­son­de­re die Deut­schen erst mal da­mit an­freun­den, dass es ja nie rich­tig dun­kel wird. Es däm­mer­te zwar et­was, aber das wars dann auch. Spä-

tes­tens nach den ers­ten an­stren­gen­den Ta­gen fiel es auch de­nen, die nicht mit Schlaf­mas­ken und Co. aus­ge­stat­tet wa­ren, deut­lich leich­ter, zur Ru­he zu kom­men.

Die bei­den letz­ten Aben­de ver­brach­ten die Deut­schen mit ei­nem klei­nen La­ger­feu­er. Ei­ni­ge Ju­gend­feu­er­wehr­leu­te wa­ren nicht mü­de zu krie­gen und jag­ten durch ei­nen Ac­tion­par­cours mit Schaum und Schlamm. Ei­ne Dis­co in ei­ner der La­ger­hal­len bil­de­te den Ab­schluss. Mit ei­nem fin­ni- schen Rap­per – den be­geis­ter­ten Re­ak­tio­nen der fin­ni­schen Ju­gend­li­chen nach ein be­lieb­ter Typ – und ei­ner kräf­ti­gen Por­ti­on Hou­se-mu­sik.

Dann kul­ler­ten bei ei­ni­gen Ju­gend­li­chen wirk­lich die Ab­schieds­trä­nen, das schöns­te Zei­chen für neue Freund­schaf­ten. Nach und nach reis­ten die deut­schen Grup­pen ab – je nach Rück­tour, Fähr- und Flug­zei­ten. So trat auch die JF Max­hüt­teWin­ker­ling ih­re Heim­rei­se an: Fahrt nach Hel­sin­ki, Fäh­re nach Tra­ve­mün­de und dann noch ein­mal die Tour durch fünf Bun­des­län­der bis nach Bay­ern. „Es war na­tür­lich ein rie­si­ges Pro­jekt, an­ders als ei­ne Wo­che im Kreis­zelt­la­ger“, be­tont To­bi­as Se­bast. „Aber letzt­end­lich kann ich nur je­der Ju­gend­grup­pe emp­feh­len, ein­mal an solch ei­nem Camp teil­zu­neh­men oder mal ei­ne Tour mit der JF ins Aus­land zu ma­chen. Denn es ist de­fi­ni­tiv für Jung und Alt ei­ne Le­bens­er­fah­rung, die auch in­ner­halb der Grup­pe noch mal zu­sam­men­schweißt.“

Und Mar­tins Fa­zit: „Das Camp war im End­ef­fekt echt der Ham­mer!“

Je­den Mor­gen wur­de zu­nächst die fin­ni­sche Na­tio­nal­flag­ge ge­hisst. Fo­tos (2): Pat­zelt Wie wer­den Sche­re, Sprei­zer und Co. in Be­trieb ge­nom­men? Das wird den Ju­gend­li­chen hier ge­zeigt. Fo­to: Rudz­ki

Ap­plaus für ei­ne auf­re­gen­de Som­mer­zelt­la­ger-wo­che in Loh­t­a­ja.

Fo­tos (3): Pat­zelt

Beim Feu­er­lö­scher­trai­ning ging es mit ech­ten Flam­men heiß her. Kon­zen­triert agiert Mar­tin (14) bei der Sta­ti­on zur tech­ni­schen Un­fall­ret­tung.

Fo­to: Rudz­ki

An die­sem Turm ha­ben die Ju­gend­li­chen klet­tern kön­nen und er­hiel­ten ei­ne ers­te ein­fa­che Ein­wei­sung in die Ab­sturz­si­che­rung.

Gro­ßes Grup­pen­fo­to der Teil­neh­mer im Kreis­zelt­la­ger der KJF Os­na­brück di­rekt vor dem Deich von Do­rum-neu­feld.

Fo­tos (2): Rudz­ki

So cool kön­nen selbst ge­bau­te Vo­gel­häu­ser aus­se­hen. Die Stran­d­olym­pia­de läuft: Hier müs­sen die Ju­gend­li­chen Schwäm­me im Meer trän­ken und mög­lichst viel Was­ser trans­por­tie­ren.

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