Lkw droht von Brü­cke zu stür­zen – bri­san­ter Hil­fe­leis­tungs­ein­satz der Stutt­gar­ter Feu­er­wehr

Feuerwehr-Magazin - - Inhalt - Text: Jo­han­na Klein Re­dak­ti­on Feu­er­wehr-ma­ga­zin Fo­tos: 7ak­tu­ell/eyb N

Ein Lkw mit La­de­kran prallt in Stutt­gart ge­gen ei­ne Brü­cke und kippt um. Nur von ei­nem Ge­län­der am Fahr­bahn­rand ge­hal­ten, hängt das Fahr­zeug mit sei­nem Kran über dem Ab­grund und droht ab­zu­stür­zen. Ein Ber­gungs­ein­satz, der Mil­li­me­ter­ar­beit ver­langt, be­ginnt.

Der 47 Jah­re al­te Fah­rer ei­nes Lkw mit An­hän­ger fährt auf der Heil­bron­ner Stra­ße in Fahrt­rich­tung Zuf­fen­hau­sen und schließ­lich die Auf­fahrts­ram­pe in Fahrt­rich­tung Lud­wigs­burg hin­auf. Bei der Un­ter­que­rung der Bun­des­stra­ße 10 kol­li­diert der auf dem Last­wa­gen fest ver­bau­te La­de­kran mit der Brü­cke. Der Fah­rer ver­liert durch den Auf­prall die Kon­trol­le über sein Fahr­zeug. Sein Lkw kippt auf die Sei­te und durch­bricht die Leit­plan­ke der Auf­fahrt.

Um 11.11 Uhr alar­miert die In­te­grier­te Leit­stel­le Stutt­gart mit dem Ein­satz­stich­wort „Ver­kehrs­un­fall 3: Um­ge­stürz­ter Lkw, Fried­richs­wahl, B 10“die Kräf­te der Feu­er­wehr und des Ret­tungs­diens­tes. Es rückt nach der Stan­dard-ein­satz­mit­tel­ket­te die ört­lich zu­stän­di­ge Feu­er­wa­che 4 Feu­er­bach der Be­rufs­feu­er­wehr (BF) mit ei­nem Lösch­zug be­ste­hend aus ei­nem Kom­man­do­wa­gen (Kdow), zwei Hil­fe­leis­tungs-lösch­grup­pen­fahr­zeu­gen (HLF) und ei­ner Dreh­lei­ter mit Korb (DLAK) 23/12, aus. Au­ßer­dem be­ge­ben sich so­wohl der Di­rek­ti­ons­dienst und der Rüst­zug der Feu­er­wa­che 3 Bad Cann­statt, be­ste­hend aus ei­nem Kdow, ei­nem HLF, ei­nem Rüst­wa­gen (RW) -Schie­ne und ei­nem Feu­er­wehr­kran (FWK), als auch die Feu­er- und Ret­tungs­wa­che 5 Fil­der mit ei­nem Feu­er­wehr­kran und ei­nem Wech­sel­la­der­fahr­zeug (WLF) mit Ab­roll­be­häl­ter (AB) An­schlag­mit­tel an den Ein­satz­ort. Auch die Frei­wil­li­ge Feu­er­wehr (FF) Za­zen­hau­sen und die FF Mühl­hau­sen ma­chen sich mit ei­nem RW 1 so­wie ei­nem Lösch­grup­pen­fahr­zeug (LF) 8/6 auf den Weg.

Die Si­tua­ti­on am Un­fall­ort

Der Ret­tungs­wa­gen (RTW) ei­ner Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on ist zu­erst an der Un­fall­stel­le. Nach ihm tref­fen der Kdow der Feu­er­wa­che 4 und der Di­rek­ti­ons­dienst ein. Die ers­te La­ge­er­kun­dung er­gibt, dass sich der Fah­rer des Lkw selb­stän­dig aus dem Fahr­zeug be­frei­en konn­te. Die Be­sat­zung des RTW ver­sorgt den Mann vor Ort.

Chris­ti­an Schwar­ze nimmt an die­sem Tag den Di­rek­ti­ons­dienst wahr und ist so­mit Ein­satz­lei­ter. Er ist Brand­di­rek­tor bei der BF Stutt­gart und lei­tet dort die Ab­tei­lung Tech­nik. Nach­dem aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass noch wei­te­re Pkw oder Motorräder am Un­fall be­tei­ligt sind oder sich noch wei­te­re Per­so­nen im Lkw be­fin­den, mel­det der Di­rek­ti­ons­dienst die­se In­for­ma­tio­nen der Leit­stel­le. Au­ßer­dem teilt er mit, dass Die­sel und Hy­drau­lik­öl aus dem Fahr­zeug aus­lau­fen. Die Ein­satz­mit­tel­ket­te soll be­ste­hen blei­ben. Auf­grund der aus­lau­fen­den Stof­fe alar­miert Schwar­ze den Rw-um­welt­schutz nach.

Nach­dem klar ist, dass der Lkw mit sei­nem Kran an der Brü­cke hän­gen ge­blie­ben ist, for­dert der Ein­satz­lei­ter ei­nen Prü­fungs­in­ge­nieur des Stadt­bau­am­tes an. Die­ser soll fest­stel­len, ob bei dem 5,32 Me­ter ho­hen Bau­werk Hand­lungs­be­darf be­steht. „Der In­ge­nieur kam dann auch, ver­zö­gert durch das Ver­kehrs­cha­os, dass sich durch die Sper­rung der Bun­des­stra­ße B 10 er­ge­ben hat­te“, be­rich­tet Schwar­ze.

Der Ex­per­te kommt zu dem Er­geb­nis, dass kei­ne be­son­de­ren Ar­bei­ten an der Brü­cke er­for­der­lich sind. Die Feu­er­wehr kann sich so­mit auf die Lkw-ber­gung kon­zen­trie­ren.

Ber­gung mit Hin­der­nis­sen

Da das um­ge­stürz­te Fahr­zeug nur noch durch das spe­zi­ell ge­si­cher­te Ge­län­der der Auf­fahrts­ram­pe ge­hal­ten wird, ist der Ein­satz nicht ein­fach. Zu­nächst bau­en die Be­sat­zun­gen des LF 8/6 der FF Za­zen­hau­sen und des HLF der Feu­er­wa­che 4 den Brand­schutz am Ein­satz­ort auf. Au­ßer­dem wer­den Schacht­ab­de­ckun­gen ge­setzt, da­mit die aus­lau­fen­den Be­triebs­stof­fe nicht in die Ka­na­li­sa­ti­on ge­lan­gen kön­nen.

Schwar­ze bil­det zwei Ein­satz­ab­schnit­te: Ab­schnitt 1 auf der Brü­cke (Lei­tungs­dienst Feu­er­wa­che 4) und Ab­schnitt 2 un­ter der Brü­cke (Lei­tungs­dienst Feu­er­wa­che 3).

Der Brand­di­rek­tor plant auf­grund der schwie­ri­gen Be­din­gun­gen den Ein­satz bei-

der Feu­er­wehr­krä­ne. Auf der Brü­cke brin­gen die Ein­satz­kräf­te den RW 1 der FF Mühl­hau­sen ne­ben dem Lkw in Po­si­ti­on. Die Seil­win­de des RW wird an der Un­ter­sei­te des Lkw be­fes­tigt, um die­sen zu si­chern. Ein Kr­an­wa­gen­ein­satz ist auf der Brü­cke nicht mög­lich. Ein­satz­lei­ter Chris­ti­an Schwar­ze da­zu: „Ein ab­ge­stürt­z­ter Kran kann im Lau­fe der Ar­beit sehr ho­he Las­ten auf ei­ne Stüt­ze auf­brin­gen, die ei­ne Brü­cke nicht ver­trägt.“

Ein Park­platz ei­nes Au­to­hau­ses di­rekt un­ter dem Un­fall­punkt bie­tet sich als Auf­stell­flä­che an. Die Ein­satz­kräf­te stel­len bei der Räu­mung al­ler­dings fest, dass die­ser über ein Re­gen­was­ser­rück­hal­te­be­cken ge­baut ist. Fach­leu­te des Tief­bau­am­tes wer­den hin­zu­ge­zo­gen, um si­che­re Auf­stell­plät­ze für die bei­den Kr­an­wa­gen zu fin­den. Zwei Mit­ar­bei­ter des Ei­gen­be­triebs Stadt­ent­wäs­se­rung tref­fen um 13.30 Uhr an der Ein­satz­stel­le ein, um die Ein­satz­kräf­te vor Ort zu un­ter­stüt­zen. Die Krä­ne sind ge­gen 14:00 Uhr in Po­si­ti­on ge­bracht. Mit Hil­fe von Un­ter­leg­klöt­zen wird die Auf­la­ge­flä­che der aus­ge­fah­re­nen Stüt­zen ver­grö­ßert.

An­schlie­ßend wird der Lkw auf der Brü­cke mit Ket­ten an ei­nen der FWK an­ge­schla­gen. Das Seil des an­de­ren Krans be­fes­ti­gen die Ein­satz­kräf­te über die DLAK der Feu­er­wa­che 4 an dem La­de­kran des Lkw. Für den Ein­satz der bei­den FWK und der Dreh­lei­ter wird ein drit­ter Ein­satz­ab­schnitt „Kr­an­ein­satz“ge­bil­det. Der Fahr­zeug­füh­rer des Krans der Feu­er­wa­che 3 über­nimmt die Lei­tung die­ser Ein­heit.

Zen­ti­me­ter­ar­beit mit schwe­rem Ge­rät

Nach­dem ein Ab­schlepp­un­ter­neh­men – nach Frei­ga­be durch die Po­li­zei – den An­hän­ger des Lkw weg­ge­zo­gen hat, kann die Feu­er­wehr da­mit be­gin­nen, das um­ge­stürz­te Fahr­zeug auf­zu­rich­ten. Da der Lkw aber di­rekt un­ter der Brü­cke liegt, müs­sen die Ma­schi­nis­ten der bei­den Krä­ne teil­wei­se zen­ti­me­ter­ge­nau ar­bei­ten. Die Be­sat­zung des Rüst­wa­gens der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr un­ter­stützt beim Auf­stel­len des Un­fall­fahr­zeugs mit Hil­fe der Seil­win­de.

Schwar­ze zeigt sich zu­frie­den über die Leis­tung der be­tei­lig­ten Kräf­te: „Die Lk­wBer­gung war zwar nicht ein­fach, hat dann aber auch nur knapp 15 Mi­nu­ten be­nö­tigt, als mit bei­den Krä­nen im Zu­sam­men­spiel mit der Fahr­zeug­seil­win­de des RW 1 ge­ar­bei­tet wer­den konn­te.“

Zwar steht der um­ge­stürz­te Last­wa­gen wie­der auf sei­nen Rä­dern, doch ist der La­de­kran im­mer noch aus­ge­fah­ren. „Die Fir­ma, der der Lkw ge­hör­te, hat­te aber ei­nen Mit­ar­bei­ter ih­rer ei­ge­nen Werk­statt zur Ein­satz­stel­le ent­sandt“, be­rich­tet Schwar­ze. „Mit sei­ner Hil­fe konn­te der La­de­kran in zeit­rau­ben­der Ar­beit so­weit ab­ge­senkt wer­den, dass die Po­li­zei den Ab­trans­port

durch ein be­reits an­ge­for­der­tes Ab­schlepp­un­ter­neh­men frei­gab. Da­bei muss­te grö­ße­re Men­gen Hy­drau­lik­öl aus dem La­de­kran ab­ge­las­sen und durch die Feu­er­wehr auf­ge­fan­gen wer­den.“

Nach En­de des Feu­er­wehr­ein­sat­zes sind auf­grund der aus­ge­lau­fe­nen Be­triebs­stof­fe noch um­fang­rei­che Rei­ni­gungs­maß­nah­men durch die Stra­ßen­meis­te­rei not­wen­dig. Schwar­ze schätzt, dass durch den Un­fall über 100.000 Eu­ro Sach­scha­den ent­stan­den sind. Der Ein­satz ist um 17.27 Uhr be­en­det – deut­lich spä­ter als zu­nächst an­ge­nom­men. „Nicht op­ti­mal war, dass die an­fangs ge­schätz­te Ein­satz­dau­er von 2 St­un­den durch die Prü­fung der Brü­cke, die Be­rück­sich­ti­gung der Re­gen­was­ser­rück­hal­te­be­cken, das Ab­schlep­pen des Lkw-an­hän­gers und das Ablas­sen des La­de­kra­nes doch sehr er­heb­lich ver­zö­gert wur­de.“, gibt der Ein­satz­lei­ter zu. Er lobt die pro­blem­lo­se Ko­ope­ra­ti­on der am Ein­satz be­tei­lig­ten Kräf­te: „Die Zu­sam­men­ar­beit mit der Po­li­zei, dem Tief­bau­amt und dem Re­gie­rungs­prä­si­di­um war sehr gut. Auch feu­er­weh­rin­tern hat al­les rei­bungs­los funk­tio­niert.“

Trotz sei­ner lang­jäh­ri­gen Er­fah­rung war auch für Schwar­ze die­ser Ein­satz ei­ne neue Her­aus­for­de­rung. „Bei der An­fahrt dürf­ten wohl al­le an­rü­cken­den Kräf­te ge­dacht ha­ben, dass ein Lkw wei­ter oben auf der Fried­richs­wahl nach links aus der dort sehr schar­fen Rechts­kur­ve um­ge­stürzt sei“, sagt der Brand­di­rek­tor. „Dass der Lkw auf der rech­ten Sei­te lag, ver­blüff­te im ers­ten Mo­ment, bis die Stel­lung des La­de­kra­nes und die Spu­ren an der Brü­cken­un­ter­sei­te Hin­wei­se auf die Un­fall­ur­sa­che ga­ben. Auch nach 37 Jah­ren Feu­er­wehr gibt es doch im­mer noch et­was Neu­es.“

Die Feu­er­wehr Stutt­gart muss bei die­sem Ein­satz gleich auf zwei Ebe­nen ar­bei­ten. Auf der Auf­fahrt und auf dem dar­un­ter­lie­gen­den Park­platz wer­den Fahr­zeu­ge in Stel­lung ge­bracht.

Lang­sam und in Zen­ti­me­ter­ar­beit stel­len die Ein­satz­kräf­te den Lkw samt Kran wie­der auf sei­ne Rei­fen. Da­bei ist ei­ne per­fek­te Zu­sam­men­ar­beit der Ma­schi­nis­ten der bei­den Krä­ne und des Rüst­wa­gens nö­tig.

Die Ein­satz­kräf­te nut­zen die DLAK, um die bei­den Krä­ne op­ti­mal an dem Un­fall-lkw zu be­fes­ti­gen.

Erst jetzt wird deut­lich, wel­cher Scha­den durch den Un­fall ver­ur­sacht wur­de. Die rech­te Sei­te des Lkw und die Ge­län­der am Fahr­bahn­rand sind völ­lig zer­stört.

Ein­satz­kräf­te der Feu­er­wehr Stutt­gart be­fes­tig­ten mit Hil­fe ei­ner Sch­lin­ge ein Seil an der Vor­der­ach­se des Un­fall-lkw. An­schlie­ßend schla­gen sie die­ses an ei­nen Rüst­wa­gen an.

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