DEUT­SCHE FO­TO­KÜNST­LER

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In der Ge­schich­te der Fo­to­gra­fie spie­len deut­sche Fo­to­gra­fen seit je­her ei­ne ent­schei­den­de Rol­le – mehr noch, sie wa­ren Vor­rei­ter für Ge­ne­ra­tio­nen nach­fol­gen­der Bil­der­ma­cher welt­weit. In un­se­rer Se­rie „Iko­nen der Fo­to­gra­fie“stel­len wir ei­ni­ge zen­tra­le Fi­gu­ren der deut­schen Fo­to­gra­fie vor.

Deutsch­land brach­te im Lau­fe der Zeit zahl­rei­che Fo­to­grö­ßen her­vor: Hel­mut New­ton, Pe­ter Lind­bergh, Andre­as Gurs­ky, Bernd und Hil­la Be­cher und vie­le mehr. Sie al­le schrie­ben Fo­to­ge­schich­te – ob im Gen­re der Porträt-, Re­por­ta­ge- oder Mo­de­fo­to­gra­fie. Und doch sticht ei­ner be­son­ders her­vor – ein Fo­to­graf, des­sen Werk ei­ne un­mess­ba­re Be­deu­tung für die Fo­to­gra­fie dar­stellt. Ein Vor­rei­ter nicht nur in Deutsch­land, son­dern welt­weit: Au­gust Sander.

Die Fo­to­gra­fie steck­te noch in ih­ren Kin­der­schu­hen, als der 1876 in der Nä­he von Sie­gen ge­bo­re­ne Sander be­gann, ihr ei­nen nicht un­we­sent­li­chen Stem­pel auf­zu­drü­cken. Da­bei soll­te er es ei­gent­lich sei­nem Va­ter gleich­tun und Berg­ar­bei­ter wer­den, doch die Be­geg­nung mit ei­nem Fo­to­gra­fen, der die dor­ti­gen Ar­bei­ten do­ku­men­tier­te, ver­än­der­te sein Le­ben. Sander rich­te­te sich ein klei­nes Fo­to­la­bor ein und be­gann, ers­te ei­ge­ne Auf­nah­men von Fa­mi­li­en­mit­glie­dern und Berg­leu­ten auf­zu­neh­men. Die Por­trät­fo­to­gra­fie soll­te ihn seit­dem be­glei­ten. Als As­sis­tent ei­nes Mi­li­tär­fo­to­gra­fen er­lern­te er das Hand­werk an­schlie­ßend von der Pi­ke auf. Um 1910 be­gann er schließ­lich, an sei­nem le­gen­dä­ren Pro­jekt „Men­schen des 20. Jahr­hun­derts“zu ar­bei­ten – ei­ner Map­pe Hun­der­ter ein­drucks­vol­ler Por­trät­fo­tos. Er ver­folg­te das Ziel, ein Spie­gel­bild der da­ma­li­gen Ge­sell­schaft zu er­stel­len. Und ging re­gel­recht ka­ta­lo­gi­sie­rend vor. Er fo­to­gra­fier­te Bau­ern, In­tel­lek­tu­el­le, Kin­der, aber auch Grei­se und Kran­ke. Bis heu­te fas­zi­nie­ren sei­ne Bil­der durch ih­re Au­then­ti­zi­tät, ih­re fo­to­gra­fi­sche Bril­lanz und zeit­ge­schicht­li­che Be­deu­tung.

Kriegs­jah­re: Fo­to­gra­fen auf der Flucht

Der Zwei­te Welt­krieg hin­ter­ließ tie­fe Fur­chen – auch und ge­ra­de bei Künst­lern und In­tel­lek­tu­el­len, die den wi­der­wär­ti­gen Gräu­el­ta­ten der Na­zi­schaft aus­ge­lie­fert wa­ren. Auch Tei­le von San­ders Wer­ken wur­den be­schlag­nahmt und Druck­ge­rä­te zer­stört – schlim­mer aber war der Tod sei­nes Soh­nes, der nach jah­re­lan­ger Ge­fan­gen­schaft im Zucht­haus ver­starb. Um sich zu schüt­zen, blieb vie­len Fo­to­gra­fen nur die Flucht.

So er­ging es auch dem jun­gen Hel­mut Neu­städ­ter, bes­ser be­kannt als Hel­mut New­ton. New­tons Bio­gra­fie liest sich wie ein Spiel­film: 1920 in Ber­lin ge­bo­ren, be­ginnt er als 16-Jäh­ri­ger ei­ne As­sis­tenz bei ei­ner

Mo­de­fo­to­gra­fin. We­nig spä­ter tritt Deutsch­land in den Krieg. New­ton flieht. Per Schiff reist er nach Chi­na und wei­ter nach Sin­ga­pur, wo er für zwei Jah­re als Zei­tungs­fo­to­graf ei­ne An­stel­lung fin­det, ehe es ihn wei­ter nach Aus­tra­li­en führt. Hier än­dert er sei­nen Na­men, trifft sei­ne spä­te­re Frau Ju­ne und be­ginnt ei­ne Welt­kar­rie­re, wie sie in der Fo­to­gra­fie nur al­le Ju­bel­jah­re pas­siert. In Aus­tra­li­en fo­to­gra­fiert er für die „Vo­gue“und wird zu ei­nem der ge­frag­tes­ten Fo­to­gra­fen sei­ner Zeit. Ero­tik, Mo­de und Akt wa­ren stets sei­ne The­men. New­ton war ein her­vor­ra­gen­der Fo­to­graf – in sei­nen meist schwarz­wei­ßen Bil­dern er­kennt man, wie er die Tech­nik per­fekt be­herrsch­te und mit Licht und Schat­ten spiel­te. Trotz­dem wur­den und wer­den sei­ne Auf­nah­men hin­ter­fragt. Ist er der Meis­ter des künst­le­ri­schen Akts oder be­die­nen sei­ne Ab­bil­dung schlicht Män­ner­phan­ta­si­en? Sei­nen Nach­ruf stört das nicht – bis heu­te.

Deutsch­land im Wan­del

In den Jah­ren nach dem Zwei­ten Welt­krieg galt es, die zahl­rei­chen zer­stör­ten Ge­bäu­de und Fa­b­ri­ken müh­se­lig wie­der auf­zu­bau­en. Was­ser­tür­me, Hoch­öfen oder Gas­be­häl­ter wur­den wie­der­her­ge­stellt oder neu er­rich­tet. In die­ser nüch­ter­nen In­dus­trie­ar­chi­tek­tur sa­hen das Fo­to­gra­fen­duo Bernd und Hil­la Be­cher kunst­vol­le Ob­jek­te, die sie ab den Sech­zi­ger­jah­ren akri­bisch fo­to­gra­fier­ten. Da­bei ana­ly­sier­ten sie Li­ni­en, Mus­ter und For­men, um die Bil­der an­schlie­ßend zu sor­tie­ren und in Werk­grup­pen zu präsentieren. Mit den Auf­nah­men schu­fen sie nichts we­ni­ger als ei­nes der be­deu­tends­ten Pro­jek­te in der Fo­to­ge­schich­te.

Das We­sen der ge­sam­ten Fo­to­gra­fie ist do­ku­men­ta­ri­scher Art. AU­GUST SANDER Fo­to­graf

Düs­sel­dor­fer Schu­le

1976 er­hielt Bernd Be­cher an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf ei­ne Pro­fes­sur, die er 20 Jah­re lang in­ne­hat­te. Zu­sam­men mit sei­ner Frau Hil­la un­ter­rich­te­te er spä­te­re Fo­to­grö­ßen wie Andre­as Gurs­ky, Tho­mas Ruff, Can­di­da Hö­fer oder Tho­mas St­ruth und be­grün­de­te da­mit die noch im­mer welt­be­kann­te „Düs­sel­dor­fer Fo­to­schu­le“, die vor al­lem die Neun­zi­ger und 2000er-Jah­re be­ein­fluss­ten. Ein ty­pi­sches Merk­mal war, au­gen­schein­lich in­spi­riert von der Bild­spra­che der Be­chers, die nüch­ter­ne Äs­t­he­tik ih­rer Fo­tos. Es dau­er­te ei­ne Wei­le, ehe sich die Be­cher-Schü­ler von ih­ren Pro­fes­so­ren eman­zi­pier­ten und ei­ne ei­ge­ne Hand­schrift fan­den. Be­son­ders Gurs­ky, des­sen Werk fort­an stark von der Bild­ma­ni­pu­la­ti­on leb­te, sorg­te da­für, dass Fo­to­gra­fie zu Re­kord­prei­sen ver­kauft wur­de. Sei­ne über­di­men­sio­na­len Dru­cke, die er für den Be­trach­ter nicht sicht­bar aus vie­len Ein­zel­fo­tos zu ei­nem Bild kom­bi­niert, wur­den und wer­den zu hor­ren­den Sum­men an­ge­bo­ten und sind be­gehr­te Samm­ler­ob­jek­te.

Tillmans und Co.

Wäh­rend Gurs­ky und die Mit­glie­der der Düs­sel­dor­fer Schu­le den Fo­to-Kunst­markt über Jah­re so­zu­sa­gen al­lein be­herrsch­ten, war es für an­de­re Fo­to­gra­fen schwer, aus de­ren rie­si­gen Schat­ten zu tre­ten. Fo­to­gra­fisch ak­tiv wa­ren deut­sche Fo­to­gra­fen aber trotz­dem – und er­folg­reich.

Es scheint fast na­he­lie­gend, dass auf den re­gel­recht mo­nu­men­ta­len Bil­der­fluss Gurs­kys mit Wolfgang Tillmans ein Künst­ler her­vor­ge­tre­ten ist, der kon­trär ar­bei­tet und Bil­der er­stellt, die auf den ers­ten Blick als be­lang­lo­se Schnapp­schüs­se gel­ten könn­ten. Doch ge­nau hier­in liegt die Poe­tik sei­ner Wer­ke. Tillmans ist ein Do­ku­men­ta­rist des All­täg­li­chen. Er fin­det Mo­ti­ve, die an­de­re nicht ein­mal als se­hens­wert de­fi­nie­ren wür­den. Fast er­hält man den Ein­druck, er fo­to­gra­fiert al­les: Zim­mer­pflan­zen, Nah­rungs­mit­tel, ge­tra­ge­ne Klei­dung. Aber auch abs­trak­te Bil­der, die oh­ne Ka­me­ra ent­ste­hen und ein­zig den fo­to­gra­fi­schen Pro­zess als Grund­la­ge ha­ben, oder le­dig­lich ge­fal­te­tes Fo­to­pa­pier fin­den sich in sei­nem OEu­vre. Sein Werk ist da­hin­ge­hend be­deu­tend, da es Tür­öff­ner für nach­fol­gen­de Ge­ne­ra­tio­nen war. Jun­ge Bil­der­ma­cher, die aus Deutsch­land das Me­di­um Fo­to­gra­fie in die Welt tra­gen und da­für sor­gen, dass die künst­le­ri­sche deut­sche Fo­to­gra­fie bis heu­te als Gü­te­sie­gel welt­weit be­kannt ist. Wo­hin sich die deut­sche Fo­to­gra­fie ent­wi­ckeln wird und in­wie­weit neue di­gi­ta­le Me­di­en und Platt­for­men ei­ne Rol­le spie­len wer­den, wird sich zei­gen. Fest steht: Krea­tiv war die deut­sche Fo­to­gra­fie schon im­mer und wird es im­mer blei­ben.

Hel­mut New­ton fo­to­gra­fier­te pro­vo­ka­tiv – im­mer auf dem schma­len Grat zwi­schen se­xy und se­xis­tisch.

Be­kannt wur­de das Künst­ler­paar Bernd und Hil­la Be­cher mit ih­ren schwarz­wei­ßen Fo­tos von In­dus­trie­bau­ten. Vor al­lem das Ruhr­ge­biet bot ih­nen ei­ne Viel­zahl an Mo­ti­ven.

Tho­mas St­ruth muss mit sei­ner Groß­for­mat-Ka­me­ra un­schwer zu über­se­hen ge­we­sen sein, als er die­ses Bild 1990 im Art In­sti­tu­te of Chi­ca­go mach­te – und doch schei­nen ihn die Be­su­cher nicht wahr­zu­neh­men.

Den Fo­to­gra­fen Wolfgang Tillmans ei­nem Gen­re zu­zu­ord­nen ist un­mög­lich. Sein Werk um­fasst nüch­ter­ne Por­träts eben­so wie Fo­to­ex­pe­ri­men­te, die oh­ne Ka­me­ra ent­ste­hen – oder auch „nur“ge­fal­te­tes Fo­to­pa­pier, das er fo­to­gra­fier­te.

Andre­as Gurs­ky ist si­cher der be­kann­tes­te deut­sche Ge­gen­warts­fo­to­graf. Er ist Schü­ler der be­kann­ten Be­cher-Klas­se. Sei­ne und wei­te­re Wer­ke die­ser Klas­se wur­den Mit­te 2017 in ei­ner gro­ßen Aus­stel­lung im Stä­del Mu­se­um Frank­furt ge­zeigt.

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