Weih­nach­ten

Friedberger Allgemeine - - Feuilleton - VON MICHA­EL SCHREINER

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at man je ge­hört, dass es fa­schingt, os­tert oder pfings­tet? Früh­lingt und som­mert?

Um­so be­mer­kens­wer­ter ist die in die­sen Ta­gen in­fla­tio­när auf­tre­ten­de Wen­dung: Es weih­nach­tet, na­he­zu re­flex­haft er­gänzt um ein „sehr“. Wir sind im Ad­vent, aber nie­mand lässt sich ver­neh­men: Ich muss euch sa­gen, es ad­ven­tet sehr. All­ge­gen­wär­tig aber weih­nach­tet es – sehr.

Der Du­den spricht von ei­nem schwa­chen Verb, in der Be­deu­tung: „Auf Weih­nach­ten zu­ge­hen [und ei­ne weih­nacht­li­che At­mo­sphä­re ver­brei­ten].“Liegt es an der be­son­ders lan­gen Stre­cke, an dem mit Er­war­tun­gen über­la­de­nen Weg, dass den Wo­chen vor Weih­nach­ten ein ei­ge­nes Zu­gangs­verb zu­ge­stan­den wird? Je­den­falls ist es nicht die Re­gel, dass ein Vor­spiel mit ei­nem Tä­tig­keits­wort be­dacht ist. Nicht ein­mal Kin­der, die ih­re Ge­burts­ta­ge kaum er­war­ten kön­nen, sa­gen: Es ge­burts­tagt sehr.

Doch die­ses schwa­che Verb mit star­ker Ver­brei­tung wird ger­ne her­an­ge­zo­gen. Un­über­schau­bar sind die Be­leg­stel­len. Von „Hil­fe,

Es weih­nach­tet auch in Wa­ckers­dorf

es weih­nach­tet! Was Män­ner an Weih­nach­ten nervt“über „Es weih­nach­tet sehr in Os­na­brück“und „Es weih­nach­tet in den Mu­se­en“bis hin zur Va­ri­an­te „Es weih­nach­tet mehr.“Und na­tür­lich: „Es weih­nach­tet auch in Wa­ckers­dorf“so­wie im Bier­kö­nig auf Mallor­ca. Es weih­nach­tet drin­nen und drau­ßen.

Mer­ke: Das un­be­stimm­te Pro­no­men „es“, das ei­ne Art Wal­ten und We­sen meint, steckt hin­ter den Um­trie­ben. ist ei­ne hö­he­re Macht, die so arg weih­nach­tet. Er weih­nach­tet? Sie weih­nach­tet? Ihr weih­nach­tet? Nichts da. Für das Weih­nach­ten an sich lässt sich kein kon­kre­ter Ur­he­ber ver­ant­wort­lich ma­chen. Es kommt viel­mehr über uns, es weih­nach­tet so, wie es däm­mert oder müf­felt.

Wenn es weih­nach­tet, wirkt ei­ne kol­lek­ti­ve Zwangs­läu­fig­keit. Wir sind dem Pro­zess des Weih­nach­tens aus­ge­setzt wie dem Wet­ter, wenn es win­det. Er­wei­tern wir den Wort­schatz: Wenn es nach dem Fest zwi­schen­jahrt, kommt bald Sil­ves­ter und man wird sich da­mit ab­fin­den, wie sehr es dann wie­der vor­sätzt.

Es

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