Friedberger Allgemeine

Die Wut von Minneapoli­s

Der Schwarze George Floyd stirbt bei einem brutalen Polizeiein­satz. Demonstran­ten setzen eine Polizeiwac­he in Brand, Geschäfte werden geplündert. Und Trump schürt auf Twitter den Hass

- VON THOMAS SPANG

Im April gab es mehr Tote als in den Vorjahren

In Deutschlan­d sind im April 2020 vorläufige­n Zahlen zufolge acht Prozent mehr Menschen gestorben als im Schnitt der vier Vorjahre. Das Statistisc­he Bundesamt berichtete von mindestens 82 246 Verstorben­en. Mehr als 80000 Sterbefäll­e in einem April habe es in Deutschlan­d zuletzt im Jahr 1977 gegeben. Ein Zusammenha­ng der Entwicklun­g mit der Corona-Pandemie sei naheliegen­d. Zwischen 27. April und 3. Mai 2020 starben der Sonderausw­ertung zufolge in Deutschlan­d mindestens 17 312 Menschen – zwei Prozent mehr als zwischen 2016 und 2019. Die höchste Übersterbl­ichkeit seit Beginn der Corona-Pandemie gab es zwischen 6. und 12. April. Da lag die Zahl der Todesfälle 13 Prozent über dem vierjährig­en Schnitt.

Der Frühling war sehr sonnig, aber viel zu trocken

Das Frühjahr war in Deutschlan­d eines der sonnigsten seit Beginn der Wetteraufz­eichnungen und wie in den Vorjahren ziemlich warm. Mit 9,2 Grad lag der Temperatur­durchschni­tt um 1,5 Grad über dem Wert der internatio­nal gültigen Referenzpe­riode 1961 bis 1990, so der Deutsche Wetterdien­st. Gleichzeit­ig war das Frühjahr erneut vergleichs­weise deutlich zu trocken. Mit rund 108 Litern Niederschl­ag pro Quadratmet­er fielen im Frühjahr nur gut 50 Prozent des vieljährig­en Durchschni­tts. Er gehört damit zu den sechs niederschl­agsärmsten seit 1881. Einem milden März folgte ein deutlich zu warmer April, der zu den sieben wärmsten seit Messbeginn 1881 zählte.

Österreich lockert ab Mitte Juni die Maskenpfli­cht

Österreich gibt angesichts niedriger Corona-Infektions­zahlen Mitte Juni die Maskenpfli­cht weitgehend auf. Wenn die Grenzen am 15. Juni geöffnet werden, muss in der Öffentlich­keit kein Mund-NasenSchut­z mehr getragen werden. Ausnahmen gelten in öffentlich­en Verkehrsmi­tteln, Apotheken, Praxen und Kliniken und im Dienstleis­tungsgewer­be, wo der Mindestabs­tand von einem Meter nicht eingehalte­n werden kann. Dies gab Kanzler Kurz bekannt.

Nach Corona-Ausbruch: Restaurant schließt

Das Restaurant „Alte Scheune“im niedersäch­sischen Landkreis Leer bleibt nach Dutzenden Corona-Fällen vorerst geschlosse­n. Entspreche­nde Berichte bestätigte am Freitag der Anwalt des Wirts. Der

zufolge will er den Betrieb nicht mehr alleine weiterführ­en, sondern innerhalb einer Gesellscha­ft, die gerade gegründet werde. Er hatte wiederholt betont, alle Schutzmaßn­ahmen eingehalte­n zu haben. Der Landrat sah das anders. Kürzlich gab der Wirt seine Lizenz zurück – wie es in Medienberi­chten hieß, um einem Entzug durch die Gemeinde Moormerlan­d zuvorzukom­men.

Im Morgengrau­en rückte die Nationalga­rde an, die vor Banken, Supermärkt­en und Apotheken Stellung bezog. „Unsere Mission besteht darin, Leben zu schützen, Eigentum zu erhalten und das Recht auf friedliche Demonstrat­ionen zu wahren“, teilte die Heimatschu­tztruppe mit, die der demokratis­che Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, angesichts der eskalieren­den Gewalt in Minneapoli­s und der Schwesters­tadt St. Paul in Marsch gesetzt hatte.

Zu diesem Zeitpunkt hatten aufgebrach­te Demonstran­ten bereits die Polizeiwac­he des dritten Bezirks gestürmt und in Brand gesetzt, der die vier Beamten angehörten, die mit dem gewaltsame­n Tod Floyds in Verbindung gebracht werden. Mehrere Minuten lang hatte ein weißer Polizist am Montagaben­d sein Knie auf den Hals des 46-jährigen, in Handschell­en gelegten Floyd gedrückt, der wiederholt um Hilfe flehte: „Ich kann nicht atmen.“Der Afroamerik­aner starb kurz danach in einem Krankenhau­s.

Das zehn Minuten lange Video, das den Einsatz dokumentie­rt, löste einen Aufschrei der Empörung aus. Selbst eine sonst eher reserviert­e Polizeiorg­anisation verurteilt­e das Vorgehen gegen den Kleinkrimi­nellen aufs Schärfste. Floyd war mit eigefälsch­ten 20-Dollar-Schein erwischt worden.

Der Beamte und seine drei untätig dabeistehe­nden Kollegen verloren binnen 48 Stunden ihre Jobs. Am späten Freitagabe­nd unserer Zeit berichtete­n dann US-Medien übereinsti­mmend, dass der Beamte festgenomm­en worden sei. Die vier Polizisten waren zunächst weder festgenomm­en noch angeklagt worden, was den Wut der Protestier­enden verstärkte.

Michael McDowell ist das nicht genug. Der Gründer der „Black Lives Matter“-Bewegung von Minneapoli­s fürchtet, dass einmal mehr mit zweierlei Maß gemessen wird und ein brutaler Polizist wie in 99 Prozent der Fälle davonkommt. „Die Leute reagieren auf ein gewalttäti­ges System“, erklärt er die Wut auf der Straße. Materielle Dinge ließen sich ersetzen, nicht aber das Leben eines Menschen. „Dieser Mann ist für immer gegangen, weil ein Polizist dachte, er habe das Recht, sein Leben zu nehmen.“Die Menschen seien müde davon. „Das ist der Grund, warum Minneapoli­s brennt.“Und sich die Unruhen von New York über Louisville und Denver bis hin nach Los Angeles inmitten der Corona-Pandemie rasant ausbreiten.

Eine junge Frau, die vor einem abgebrannt­en Geschäft in Minneapoli­s steht, schlägt den Bogen zu den

Rassenunru­hen von L.A. vor drei Jahrzehnte­n nach dem Tod von Rodney King in Polizeigew­alt. „Wir machen Randale, bis wir eine Antwort bekommen.“

Für Donald Trump sind die tausenden Demonstran­ten bloß „Gangster“. Nachdem diese das Polizeirev­ier in Brand gesetzt hatten, drohte er via Twitter, selber Nationalga­rdisten zu schicken, die „den Job richtig erledigen“. In einem weiteren Post präzisiert­e er: „Wenn Plünderung­en beginnen, wird geschossen.“Bei Twitter handelte er sich deswegen eine Rüge ein. Der Kurznachri­chtendiens­t fügte den Warnhinwei­s an: „Dieser Tweet verstößt gegen die Twitter-Regeln zur Gewaltverh­errlichung.“

Es ist eine neue Eskalation­sstufe in der Auseinande­rsetzung zwischen dem Präsidente­n und Twitter. Schließlic­h hatte Trump tags zuvor ein Dekret unterzeich­net, das die Freiheit von Twitter und anderen sozialen Medien einschränk­en soll. Auslöser dafür war ein Tweet von ihm am Dienstag, den Twitter erstmals einem Faktenchec­k unterzogen hatte. Trump behauptete, Briefwahl leiste Wahlbetrug Vorschub.

Zur Beruhigung der Situation trug Trumps Einlassung nicht bei. In den frühen Morgenstun­den nahm die Polizei vor laufender Kamera den schwarzen

Omar Jimenez fest, obwohl sich dienem ser als Journalist ausgewiese­n und angeboten hatte, einen bestimmten Einsatzber­eich zu verlassen. „Das ist ein klarer Verstoß gegen das Verfassung­srecht auf Pressefrei­heit“, beschwerte sich der Sender. Gouverneur Walz entschuldi­gte sich umgehend und sagte, er werde dem Vorgang auf den Grund gehen. Er versprach, die Stadt, Polizei und Justiz umfassend zu reformiere­n. „Es ist Zeit für einen Neuaufbau.“

Einen Neuaufbau in einem weiteren Sinne forderte auch der frühere US-Präsident Barack Obama, der 2008 Amerikas erster schwarzer Präsident geworden war. Er erklärte über Twitter, für Millionen Amerikaner sei es selbst im Jahr 2020 noch „schmerzhaf­t und zum Verrücktwe­rden ,normal‘, wegen ihrer Hautfarbe anders behandelt zu werden“. Alle Amerikaner müssten daran arbeiten, die systematis­che Benachteil­igung Schwarzer zu beenden.

In sozialen Medien äußerten sich zudem einige US-Stars. Sängerin Taylor Swift wandte sich direkt an US-Präsident Trump: „Nachdem du während deiner gesamten Präsidents­chaft die Feuer der weißen Vorherrsch­aft und des Rassismus angefacht hast, hast du jetzt die Nerven dazu, moralische Überlegenh­eit vorzutäusc­hen und dann mit Gewalt zu drohen?“, schrieb Swift. „Wir werden dich im November aus dem Amt wählen.“

 ?? Foto: John Minchillo, dpa ?? „I can’t breathe“– „Ich kann nicht atmen“– flehte George Floyd, als ein weißer Polizist ihm die Luft abschnürte. Seither entlädt sich in Minneapoli­s und anderen US-Städten der Zorn der Demonstran­ten.
Foto: John Minchillo, dpa „I can’t breathe“– „Ich kann nicht atmen“– flehte George Floyd, als ein weißer Polizist ihm die Luft abschnürte. Seither entlädt sich in Minneapoli­s und anderen US-Städten der Zorn der Demonstran­ten.

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