Der Glau­bens­krie­ger

Zum 500. Re­for­ma­ti­ons­tag zeigt das ZDF ei­nen Schwer­punkt mit Lu­ther in al­len La­gen

Göttinger Tageblatt - - MEDIEN & WETTER - Von Jan Frei­tag

Der Trick, mit Angst Po­li­tik zu ma­chen, ist we­ni­ger neu, als man­cher Po­pu­list denkt. Das Co­py­right auf die­se Form der Macht­er­grei­fung hat dem­nach we­der Do­nald Trump noch Vik­tor Or­ban, ge­schwei­ge denn Björn Hö­cke oder Alex­an­der Gau­land. Ein­ge­reicht wur­de es von der Re­li­gi­on, be­vor der Ka­tho­li­zis­mus den Macht­fak­tor Furcht zur Per­fek­ti­on trieb. Wie ihm dies ge­lang, zeigt die heu­ti­ge Krö­nung ei­nes The­men­schwer­punkts zum 500. Re­for­ma­ti­ons­tag: Mit Blitz und Don­ner gar­niert ein Kir­chen­agent (dia­bo­lisch: Ar­min Roh­de) zu Be­ginn des Zdf-dra­mas „Zwi­schen Him­mel und Höl­le“die Dro­hung vom Fe­ge­feu­er, dem man al­lein per Ablass ent­kom­me.

Be­ein­druckt vom Bu­den­zau­ber gibt der Pö­bel sein letz­tes Geld, auf dass dem Papst der Pe­ters­dom er­wach­se und dem Bi­schof fet­tes Fleisch zum Mit­tag. In Got­tes Na­men. Doch den führt auch ei­ner vom sel­ben Glau­ben, aber and­rem Holz im Schil­de: Mar­tin Lu­ther. Nach­dem der te­le­ge­ne Mönch zu­letzt im Ers­ten von De­vid Strie­sow eher feist ver­kör­pert wur­de, ist nun der fei­ne­re Ma­xi­mi­li­an Brück­ner dran. Zum Ju­bel­tag stellt ihm das Zwei­te statt der üb­li­chen 90 Mi­nu­ten fast das Dop­pel­te an Prime­time zur Ver­fü­gung, um das Bild des Re­for­ma­tors zu ver­fei­nern. Das Er­geb­nis: Es ge­rät noch opu­len­ter, noch au­then­ti­scher, noch viel­schich­ti­ger als die Dut­zen­de Bio­pics mit Darstel­lern von Ro­bert Shaw über Ben Be­cker bis St­a­cy Keach.

„Zwi­schen Hid­del inw Höl­leg | ZDF Mit Ma­xi­mi­li­an Brück­ner und Joa­chim Król heu­te, 20.15 Uhr ★★★★★

Be­vor er sei­ne 95 The­sen am Kir­chen­tor zu Wit­ten­berg be­fes­tigt, spielt der Film-lu­ther da­her ei­ne Par­tie Rug­by im Schlamm, Schieds­rich­ter­be­lei­di­gung in­klu­si­ve. Die Ku­lis­se, der All­tag, das Elend – Re­gis­seur Uwe Jan­son will die Zeit spür­bar in ih­rer Kom­ple­xi­tät zei­gen und zugleich quo­ten­taug­li­ches His­to­ry­tain­ment. Al­so auch ei­nen Mit­tel­al­ter-pro­mi, den Ul­rich Thein 1983 noch zum Defa-so­zia­lis­ten ge­macht hat und Ralph Fi­en­nes 20 Jah­re spä­ter zum se­xy Gr­üb­ler. Brück­ner hin­ge­gen in­ter­pre­tiert sei­nen Lu­ther als emo­tio­na­len Glau­bens­krie­ger, dem beim Worm­ser Reichs­tag die Stim­me ver­sagt, be­vor er mit Gleich­ge­sinn­ten die Mensch­heit um­krem­pelt.

Gut, wie Mar­tin Lu­ther und Tho­mas Münt­zer (Jan Krau­ter) mit ih­ren Frau­en Kat­ha­ri­na von Bo­ra (Fri­dalo­vi­sa Ha­mann) und Ot­ti­lie von Ger­sen (Ay­lin Te­zel) durchs welt­li­che Reich des gott­lo­sen Kle­rus rei­sen, wur­de na­tür­lich an­ge­mes­sen mo­der­ni­siert. Es spricht folg­lich nie­mand Nie­der­deutsch und das Mit­tel­al­ter bleibt bei al­ler Akri­bie doch ver­gleichs­wei­se rein. Den­noch: wäh­rend die Lu­thers der Film- und Fern­seh­ge­schich­te bis­lang eher Wunsch­vor­stel­lun­gen als ge­schichts­wis­sen­schafts­fest wa­ren, kommt die­se Darstel­lung dem Su­per­star der deut­schen Ge­schich­te ver­mut­lich am nächs­ten. Im Ju­bi­lä­ums­jahr steht halt selbst dem Un­ter­hal­tungs­fern­se­hen der Sinn nach Band­brei­te.

Des­halb be­schränkt sich das ZDF nicht auf den top­be­setz­ten Hoch­glanz­film, son­dern flan­kiert ihn mit ei­nem um­fas­sen­den Rah­men­pro­gramm. Zur bes­ten Sen­de­zeit et­wa kon­zen­triert sich „Das Lu­ther-tri­bu­nal“da­bei am Fei­er­tag auf „Zehn Ta­ge im April“, wie der Un­ter­ti­tel des Do­ku­dra­mas den Ver­such der ka­tho­li­schen Kir­che um­schreibt, in Worms ih­re Macht zu si­chern. Ro­man Kniž­ka gibt den Ti­tel­held hier zwar ein we­nig pri­vat­fern­seh­taug­li­cher, und all die fil­mi­schen Mätz­chen zwi­schen den His­to­ri­ker­aus­sa­gen sind eher Ef­fekt­ha­sche­rei als ziel­füh­rend. Aber so wird Ge­schich­te heut­zu­ta­ge ver­ab­reicht. Für krea­ti­ven Tief­gang sorgt dem­nach der Zdf­in­fo-schwer­punkt ab 11. No­vem­ber, in dem Fil­me wie „God’s Cloud“vom Ein­fluss Lu­thers auf un­se­re Zeit be­rich­ten. Kind­ge­recht ver­ar­bei­tet wird das The­ma hin­ge­gen am am 31. Ok­to­ber ab 15 Uhr beim Kika, be­vor „Das Pro­jekt der 1000 Stimmen“um 22 Uhr im ZDF ein „Pop-ora­to­ri­um“zeigt, bei dem al­ler­lei Chö­re die Re­for­ma­ti­on ver­to­nen.

All den Sen­dun­gen im Zdf-kos­mos (von den grö­ße­ren Ka­nä­len wid­met sich nur 3sat Lu­thers Epo­che, al­ler­dings mit Fil­men wie „Der Na­me der Ro­se“oder „Die Pil­ge­rin“) ist vor al­lem ei­nes ge­mein­sam: So wie der Re­vo­luz­zer einst die Angst sei­ner Mit­men­schen be­siegt hat, ver­mag es sei­ne Bot­schaft vom frei­en Ge­wis­sen auch heu­te. Das wä­re mal ei­ne Leh­re aus dem Re­for­ma­ti­ons­over­kill im Ju­bel­jahr 2017.

FO­TO: ZDF

Kon­tra­hen­ten: Mar­tin Lu­ther (Ma­xi­mi­li­an Brück­ner, links) trifft auf dem Worm­ser Reichs­tag Erz­bi­schof Al­brecht (Joa­chim Król).

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.