„Wich­tig ist, dass die Re­for­ma­ti­on wei­ter geht“

Bi­lanz des Lu­ther-jah­res: Mehr als 300 Ver­an­stal­tun­gen mit 25000 Be­su­chern

Göttinger Tageblatt - - THEMA DES TAGES - Von Brit­ta Bie­le­feld

Göt­tin­gen. 278 Ver­an­stal­tun­gen zum 500. Jah­res­tag sind im Kir­chen­kreis Göt­tin­gen im Re­for­ma­ti­ons­jahr aus­ge­rich­tet wor­den. Al­lei­ne da­mit, so sagt Ko­or­di­na­tor Andre­as Over­dick, ha­be man rund 25 000 Men­schen er­reicht. Ei­ni­ge Ver­an­stal­tun­gen fol­gen noch, am En­de wer­den es mehr als 320 sein.

Nach An­sicht des Or­ga­ni­sa­tors im Evan­ge­li­schen Kir­chen­kreis Göt­tin­gen ha­be das Re­for­ma­ti­ons­jahr „her­aus­ra­gen­de öku­me­ni­sche Im­pul­se” ge­lie­fert. Mit den zahl­rei­chen Ver­an­stal­tun­gen ha­be man vie­le Men­schen er­reicht, auch die, die sonst nicht zu den treu­en „Schäf­chen” der Kir­che zäh­len. Was er be­ob­ach­tet hat, ist, dass vor al­lem die Ver­an­stal­tun­gen in der In­nen­stadt gut be­sucht wa­ren. Bis zu 400 Gäs­te ka­men zu ei­ni­gen be­son­de­ren Got­tes­diens­ten. Kon­zer­te, die Aus­stel­lung im Städ­ti­schen Mu­se­um und Füh­run­gen zur Re­for­ma­ti­ons­ge­schich­te in der Stadt nennt Over­dick als be­son­ders be­lieb­te For­ma­te. Ganz per­sön­lich ha­be ihn die Nacht der Chö­re emo­tio­nal be­rührt, eben­so wie ei­ni­ge der Ti­sch­re­den, bei­spiels­wei­se im Feu­er­wehr­haus Her­ber­hau­sen. Vie­le ganz un­ter­schied­li­che Leu­te zu tref­fen und die Ver­bin­dung der Kir­che mit an­de­ren ge­sell­schaft­li­chen Ak­teu­ren zu er­le­ben, das sei für ihn ein wich­ti­ger Teil des Ju­bi­lä­ums­jah­res. Ge­mein­sam mit an­de­ren Men­schen die Re­for­ma­ti­on zu ent­de­cken, „das wä­re sonst nicht pas­siert”, sagt er. Ob sich der Schwung des Re­for­ma­ti­ons­jah­res auch in den re­gu­lä­ren Got­tes­diens­ten wi­der­spie­gelt, dort al­so mehr Men­schen als sonst teil­neh­men, sei noch nicht zu sa­gen. Noch lau­fe das Ju­bi­lä­ums­jahr ja.

Das Re­for­ma­ti­ons­jahr war ein Jahr, das nicht nur Pro­tes­tan­ten, son­dern auch Ka­tho­li­ken be­gin­gen. Su­per­in­ten­dent Fried­rich Sel­ter, Chef des evan­ge­li­schen Kir­chen­krei­ses und Wig­bert Schwar­ze, Dechant des ka­tho­li­schen De­ka­na­tes Göt­tin­gen ha­ben zu Be­ginn des Ju­bi­lä­ums­jah­res auf die Be­deu­tung der Re­for­ma­ti­on hin­ge­wie­sen. Die­se Bi­lanz zie­hen sie nun:

Hat das Re­for­ma­ti­ons­jahr die Bür­ger be­wegt ?

Schwar­ze: Ja, auf je­den Fall.

Das Re­for­ma­ti­ons­jahr war ja om­ni­prä­sent auf ver­schie­de­nen Ebe­nen. Gera­de auch in Göt­tin­gen war es fast ei­ne Flut oder ei­ne In­fla­ti­on von Ver­an­stal­tun­gen ver­schie­dens­ter Art.

Ja. Und zwar wört­lich in die­sem ge­sell­schaft­li­chen Be­zug: Bür­ger nicht al­lein Mit­glie­der un­se­rer Kir­che. Da hat un­ser Ober­bür­ger­meis­ter bei un­se­rer Auf­takt­ver­an­stal­tung im Al­ten Rat­haus mit sei­nem Gruß­wort ein star­kes Si­gnal ge­setzt. Ich den­ke auch an die vie­len al­ten und neu­en Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner wie das Jun­ge Thea­ter, den Li­te­ra­tur­herbst und das Städ­ti­sche Mu­se­um mit sei­ner tol­len Aus­stel­lung zur Re­for­ma­ti­on.

Wel­che Ver­an­stal­tung ist Ih­nen aus dem ver­gan­ge­nen Jahr be­son­ders in Er­in­ne­rung ge­blie­ben?

Schwar­ze: Im Rück­blick kommt mir der Jo­han­nis­emp­fang des Evan­ge­li­schen Kir­chen­krei­ses ins Ge­dächt­nis. Dort ha­ben die bei­den Kir­chen - Evan­ge­li­sche und Ka­tho­li­sche - ge­mein­sam ein­ge­la­den und noch ein­mal be­ein­dru­ckend den Got­tes­dienst „Hea­ling of Me­mo­ries“ge­fei­ert.

Sel­ter: Bei der Fül­le von Ver­an­stal­tun­gen fällt es mir schwer, ein­zel­ne be­son­ders her­aus­zu­he­ben. Ich bin dank­bar, dass in den Ge­mein­den land­auf land­ab so vie­le Ak­tio­nen ge­lau­fen sind. Denn gera­de die Viel­falt der In­hal­te und For­men ist ei­nes der Kenn­zei­chen un­se­rer Kir­che. Wei­ter­füh­rend wa­ren auch die öku­me­ni­schen Schwer­punk­te: Der öku­me­ni­sche Auf­takt, den Dechant Wig­bert Schwar­ze und ich ge­mein­sam ge­stal­tet ha­ben, und vi­el­leicht mehr noch der öku­me­ni­sche Ver­söh­nungs­got­tes­dienst. Da­bei ha­ben vie­le Be­tei­lig­te aus den Ge­mein­den ei­ne le­ben­di­ge Öku­me­ne ab­ge­bil­det, die uns über Kon­fes­si­ons­gren­zen hin­weg ver­bin­det.

Hat sich durch das Jahr in den Kir­chen et­was ge­än­dert? Sind mehr Men­schen in ih­re Kir­chen ge­kom­men?

Schwar­ze: Ei­ne hoch in­ter­es­san­te Fra­ge, die ei­gent­lich nur dia­lek­tisch be­ant­wor­tet wer­den kann. Der „Stan­dard“der Öku­me­ne ist in Göt­tin­gen sehr hoch. Des­halb sind nicht mehr Leu­te in die Kir­che ge­kom­men, aber das In­ter­es­se an öku­me­ni­schen Fra­gen ist sehr ge­stei­gen.

Sel­ter: Das Re­for­ma­ti­ons­jahr hat uns da­zu ge­führt, über un­ser pro­tes­tan­ti­sches Profil in­ten­si­ver nach­zu­den­ken und die­ses be­wuss­ter zu ge­stal­ten. Das Be­son­de­re da­bei: Wir ha­ben das nicht in Ab­gren­zung ge­tan, son­dern in ei­nem qua­li­fi­zier­te­ren Mit­ein­an­der. Ei­ne Mas­sen­be­we­gung ha­ben wir si­cher­lich nicht aus­ge­löst. Aber ich möch­te mich auch nicht dar­auf

ein­las­sen, al­les in Zah­len zu mes­sen. Es gibt an­de­re Wer­te, als die Sum­me der li­kes.

Hät­te man es bes­ser ma­chen kön­nen?

Schwar­ze: Das kön­nen an­de­re si­cher­lich bes­ser be­ur­tei­len…

Sel­ter: Da sa­ge ich fröh­lich „Ja“. Das wer­den wir auch ehr­lich re­flek­tie­ren. Aber oh­ne Gram. Sie wis­sen doch: So­la gra­tia! Ge­recht, oh­ne Ver­dienst, al­lein aus Gna­de.

Was bleibt vom Re­for­ma­ti­ons­jahr?

Schwar­ze: Na­tür­lich muss es im­mer wei­ter ge­hen mit der Öku­me­ne. Und der An­satz von Mar­tin Lu­ther: „Eccle­sia sem­per re­for­man­da“, das heißt, die Kir­che muss sich im­mer wie­der von in­nen und au­ßen er­neu­ern, trifft auch heu­te noch zu. Von da­her: Re­for­ma­ti­on und Öku­me­ne muss im­mer krea­tiv und in fes­ten Bah­nen ver­lau­fen.

Sel­ter:

Es wä­re schön, wenn sich vie­le Men­schen noch lan­ge an ih­re per­sön­li­chen High­lights er­in­nern. Aber wirk­lich wich­tig ist, dass Re­for­ma­ti­on wei­ter­geht. Nur dann blei­ben wir als Kir­che na­he bei den Men­schen und an­ge­sichts ak­tu­el­ler The­men hilf­reich und ge­sell­schaft­lich re­le­vant.

FO­TO: RICH­TER

Mit Lu­ther-bier: Fest­akt im Sep­tem­ber zum Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um in Du­der­stadt

FO­TO: HINZMANN

Fried­rich Sel­ter

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Wig­bert Schwar­ze

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