Im Die­selskan­dal wächst jetzt der Druck

Göttinger Tageblatt - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Thoralf Cleven

Am Mitt­woch noch hat­te die Kanz­le­rin im Bun­des­tag ge­sagt, der Be­trug am Kun­den im Die­selskan­dal sei zwar schlimm. Die Po­li­tik dür­fe die Au­to­bau­er aber nicht all­zu sehr be­las­ten, denn die Fir­men soll­ten ge­nü­gend Luft be­hal­ten, um in die Zu­kunft der Mo­bi­li­tät zu in­ves­tie­ren.

24 St­un­den spä­ter ver­klag­te die Eu-kom­mis­si­on Deutsch­land vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof.

Das jetzt ein­ge­lei­te­te Ver­fah­ren ist das Er­geb­nis ei­ner sträf­li­chen Lang­sam­keit in Deutsch­land – eben­je­ner Po­li­tik, die in Ber­lin seit Jah­ren be­trie­ben wird und die An­ge­la Mer­kel in der Haus­halts­de­bat­te so treff­lich skiz­zier­te: Prio­ri­tät ha­ben Wirt­schaft und Jobs, al­les an­de­re muss sich un­ter­ord­nen. Im Prin­zip ist das auch nicht falsch, und die Re­kord­ge­win­ne der Un­ter­neh­men kom­men auch dem Staat zu­gu­te. Die Fra­ge ist nur, an wel­cher Stel­le im Rest­pos­ten „al­les an­de­re“zum Bei­spiel die Ge­sund­heit auf­taucht.

Die Luft­qua­li­tät hat sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten er­heb­lich ver­bes­sert. Das heißt je­doch nicht, dass sie so gut ist, wie es den Mög­lich­kei­ten ent­spricht – und wie es die Grenz­wer­te ver­lan­gen. Der Zu­sam­men­hang von Stick­oxi­den in Ab­ga­sen

Selbst wenn es die Kanz­le­rin ver­mei­den will: Nach­rüs­tun­gen der Fahr­zeu­ge sind noch nicht vom Tisch.

und der Luft­ver­schmut­zung ist schon lan­ge nach­ge­wie­sen. Eben­falls, dass Stick­oxi­de in ho­hem Maß zu Atem­weg­sin­fek­tio­nen bei­tra­gen. Asth­ma und chro­ni­sche Lun­gen­er­kran­kun­gen sind auf dem Vor­marsch, sie zäh­len laut Ro­bert-kochin­sti­tut zu den häu­figs­ten Ur­sa­chen von Ar­beits­un­fä­hig­keit. Al­lein de­ren Be­hand­lungs­kos­ten be­lie­fen sich schon vor zehn Jah­ren be­reits auf rund 15 Mil­li­ar­den Eu­ro jähr­lich.

Da­mals üb­ri­gens – 2008 – wur­de die Eu-richt­li­nie zur Luft­qua­li­tät mit Zu­stim­mung Deutsch­lands ver­öf­fent­licht, die dar­in fest­ge­leg­ten Grenz­wer­te gel­ten seit 2010. Ge­nü­gend Zeit, um zu re­agie­ren, möch­te man mei­nen. Das al­ler­dings gilt nicht al­lein für die nun ver­klag­ten Mit­glieds­län­der. Es gilt auch für die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on selbst. Sie hat al­les zu lan­ge lau­fen las­sen, viel ge­droht und we­nig ge­tan. Und wenn man be­denkt, wie lan­ge sich das nun fol­gen­de Ver­fah­ren noch hin­zie­hen kann, stellt sich schnell der Ein­druck ein, hier zei­ge nur ein Pa­pier­ti­ger sei­ne Zähn­chen.

Doch man soll­te die Macht Brüs­sels nicht un­ter­schät­zen. Fakt ist, dass durch die Kla­ge und de­ren mög­li­che fi­nan­zi­el­le Fol­gen der in­nen­po­li­ti­sche Druck wächst, et­was ge­gen die zu ho­hen Schad­stoff­wer­te in deut­schen Städ­ten und ge­gen die zu schmut­zi­gen Die­sel zu un­ter­neh­men. Und selbst wenn es die Kanz­le­rin ver­mei­den will: Nach­rüs­tun­gen be­trof­fe­ner Fahr­zeu­ge sind noch nicht vom Tisch. Denn bei al­lem Ver­ständ­nis für die Zu­kunfts­plä­ne der In­dus­trie: Der be­tro­ge­ne Die­sel­fah­rer möch­te heu­te und mor­gen mit sei­nem Au­to von A nach B – oh­ne Zwi­schen­stopps durch Fahr­ver­bo­te und oh­ne drauf­zah­len zu müs­sen.

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