Be­hör­de in der Kri­se

Das Bamf kämpft bis heu­te mit den Fol­gen der Flücht­lings­kri­se

Göttinger Tageblatt - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Dirk Schma­ler

Jut­ta Cordt hat­te da­mals kei­nen leich­ten Start. Die Che­fin des Bun­des­am­tes für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge (Bamf) war ge­ra­de ein paar Mo­na­te im Amt, als im April ver­gan­ge­nen Jah­res be­kannt wur­de, dass sich der rechts­ra­di­ka­le Sol­dat Fran­co A. als Syrer ge­tarnt und Asyl be­kom­men hat­te. Es war ei­ne mas­si­ve Fehl­ent­schei­dung, die Miss­stän­de in den Ab­läu­fen der Asy­l­ent­schei­dun­gen of­fen­leg­te und die Über­for­de­rung der Be­hör­de in der Flücht­lings­kri­se ein­mal mehr in den Blick­punkt rück­te.

Seit dem Be­ginn der Mi­gra­ti­ons­wel­le vor al­lem aus den ara­bi­schen Län­dern und aus Afri­ka las­tet auf kaum ei­ner an­de­ren Be­hör­de so viel Druck wie auf dem Bamf. Als 2015 täg­lich Tau­sen­de Men­schen nach Deutsch­land ka­men, ge­riet die Be­hör­de an ih­re Gren­zen. Weil we­der Per­so­nal noch Struk­tu­ren für den An­sturm aus­ge­legt wa­ren, konn­ten die Ge­flüch­te­ten nicht schnell re­gis­triert und ih­re Asyl­an­trä­ge nicht ge­prüft wer­den. Hun­dert­tau­sen­de An­trä­ge blie­ben zu­nächst un­be­ar­bei­tet.

Seit­dem ar­bei­tet das Bun­des­amt un­ter Hoch­druck und un­ter neu­em Ef­fi­zi­enz­druck – im­mer zwi­schen dem An­spruch, Recht und Ge­setz wal­ten zu las­sen und ei­ner­seits kei­ne il­le­ga­le Ein­wan­de­rung zu­zu­las­sen, an­de­rer­seits aber der Hu­ma­ni­tät zu ih­rem Recht zu ver­hel­fen. Die „Zeit“nann­te das Bamf vor ei­nem Jahr ei­ne „Be­hör­de auf Speed“.

Das Amt wur­de per­so­nell auf­ge­stockt – von rund 2000 auf rund 10 000 Mit­ar­bei­ter. Heu­te ar­bei­ten rund 1900 Ent­schei­der für die Be­hör­de. Zum Ver­gleich: Im Ja­nu­ar 2015 wa­ren es nur 370. Bis En­de 2016 hat­te sich beim Bun­des­amt ein Berg von un­er­le­dig­ten Asyl­an­trä­gen an­ge­häuft. Mi­nis­te­ri­en, die Bun­des­wehr und an­de­re Be­hör­den lie­hen dar­auf­hin Mit­ar­bei­ter aus ih­ren Rei­hen an das Bamf aus, um die Fäl­le zu be­ar­bei­ten. Auch Quer­ein­stei­ger wur­den ein­ge­stellt. 2017 hat das Bun­des­amt über 600 000 Asyl­an­trä­ge ent­schie­den.

Im­mer wie­der wur­de aber auch Kri­tik laut: Un­ter der Mas­se der Asy­l­ent­schei­dun­gen und dem un­er­fah­re­nen Per­so­nal lei­de die Qua­li­tät. An­wäl­te und Flücht­lings­or­ga­ni­sa­tio­nen be­kla­gen in­kon­sis­ten­te Asyl­be­schei­de und ober­fläch­li­che Über­prü­fun­gen. Auch an den Dol­met­schern gab es Kri­tik. 2100 von ih­nen muss­ten seit 2017 ge­hen, weil sie den ge­stie­ge­nen sprach­li­chen oder in­halt­li­chen An­for­de­run­gen nicht ge­nüg­ten.

Die of­fen­bar nicht im­mer fach­kun­di­ge Ar­beit man­cher Bam­fMit­ar­bei­ter ist auch ein Grund für die ge­stie­ge­ne Zahl von Asyl­ver­fah­ren an den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten. Mitt­ler­wei­le kla­gen rund 90 Pro­zent der ab­ge­lehn­ten Asyl­be­wer­ber ge­gen ih­ren Ent­scheid. Knapp die Hälf­te die­ser Kla­gen hat Er­folg – zu­min­dest in der ers­ten In­stanz. Bei Flücht­lin­gen aus Sy­ri­en und Af­gha­nis­tan ist die Er­folgs­quo­te vor Ge­richt mit je­weils mehr als 60 Pro­zent noch hö­her.

FO­TO: DPA

„Be­hör­de auf Speed“: Das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge in Nürn­berg.

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