„Russ­land ist un­ser gro­ßer, sich schlecht be­neh­men­der Nach­bar“

Göttinger Tageblatt - - POLITIK - In­ter­view: Marina Kormbaki

Kürz­lich wa­ren der Au­ßen- und der Wirt­schafts­mi­nis­ter in Russ­land, heu­te reist die Kanz­le­rin dort­hin. Ist das Aus­druck ei­ner Ent­span­nungs­po­li­tik? Nein. Man holt jetzt nach, was we­gen der lan­gen Re­gie­rungs­bil­dungs­pha­se, aber auch we­gen po­li­ti­scher Feh­l­ein­schät­zun­gen un­ter­blieb. Es ist schlicht not­wen­dig, mit Russ­land zu re­den.

Hat die Re­gie­rung ei­ne Stra­te­gie? Ei­ne Stra­te­gie im Um­gang mit Russ­land kann ich nicht er­ken­nen. Es zeich­net sich je­doch ei­ne Ver­schie­bung ab. Im Fall des ver­gif­te­ten Dop­pel­agen­ten Skri­pal hat die Bun­des­re­gie­rung oh­ne Not und oh­ne aus­rei­chen­de Be­le­ge an der Sei­te Groß­bri­tan­ni­ens Sank­tio­nen ver­hängt – auch um den Preis ei­ner Spal­tung der EU. In Sy­ri­en hat sie sich bei ei­nem völ­ker­rechts­wid­ri­gen An­griff an die Sei­te der USA ge­stellt. Au­ßen­mi­nis­ter Maas setzt ei­nen an­de­ren Ak­zent in der Au­ßen- und spe­zi­ell in der Russ­land­po­li­tik als sei­ne Vor­gän­ger. Ich be­zweif­le aber, dass Maas‘ Hal­tung in der Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on und auch in der SPD Kon­sens ist.

Bringt der Bruch des Iran-ab­kom­mens durch die USA Deutsch­land und Russ­land ein­an­der nä­her?

Das kann man so all­ge­mein nicht sa­gen. Wir ha­ben ein ge­mein­sa­mes In­ter­es­se: kein nu­klea­res Wett­rüs­ten im Na­hen Os­ten. Da­zu müs­sen wir das Atom­ab­kom­men er­hal­ten. Die Kanz­le­rin und der rus­si­sche Prä­si­dent müs­sen sich dar­um be­mü­hen, dass die ein­sei­ti­gen Sank­tio­nen der USA nicht den Han­del zwi­schen dem Iran und Eu­ro­pa, Russ­land und Chi­na zum Er­lie­gen brin­gen. Mer­kel und Pu­tin müs­sen ei­nen Weg zum Er­halt des Ab­kom­mens fin­den.

Droht ei­ne Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen Ber­lin und Mos­kau auf der ei­nen und Wa­shing­ton auf der an­de­ren Sei­te? So ein­fach ist es nicht. Aber die Ussank­tio­nen ge­gen Russ­land tref­fen auch deut­sche Un­ter­neh­men. Es kann nicht sein, dass auf­grund will­kür­li­cher Ent­schei­dun­gen Un­ter­neh­men, die sich an gel­ten­des Eurecht hal­ten, be­straft oder von ih­rer Roh­stoff­ver­sor­gung ab­ge­schnit­ten wer­den.

Se­hen Sie die Eu-sank­tio­nen ge­gen Russ­land auch so kri­tisch?

Das ist et­was an­de­res. Die jüngs­ten Us-sank­tio­nen ha­ben nichts mit Russ­lands Ein­mi­schung in der Ukrai­ne zu tun. Sie sind Aus­druck ei­nes Wirt­schafts­krie­ges. Die Eusank­tio­nen da­ge­gen sind die Fol­ge des Ukrai­ne-kon­flikts. Ei­ne Lo­cke­rung kann es nur ge­ben, wenn Russ­land sich an die Ver­ein­ba­run­gen zur Be­frie­dung der Ost­ukrai­ne hält. Da ha­ben wir ei­nen mas­si­ven Kon­flikt mit Russ­land.

Stra­te­gi­scher Part­ner oder Geg­ner – was ist Russ­land? Russ­land ist un­ser gro­ßer, sich schlecht be­neh­men­der Nach­bar. Wir müs­sen mit ihm aus­kom­men. Die Russ­land­po­li­tik muss wer­te­fun­diert und rea­lis­tisch sein.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.