Pe­ter Holtz: Sein glück­li­ches Le­ben er­zählt von ihm selbst

Göttinger Tageblatt - - KULTUR - VON IN­GO SCHUL­ZE

Ich ste­he auf und he­be die Pa­pier­päck­chen auf. Als ich auf das Pe­dal des klei­nen Müll­ei­mers tre­te, ent­strömt dem ein säu­er­li­cher Ge­ruch. Er ist ziem­lich voll. Ich hal­te die Luft an, weil ich die Pa­pier­päck­chen hin­ein­drü­cken muss.

»Lass das!«, ruft Lil­ly. »Was machst du denn!?«

Ich be­gin­ne, mein Glied ab­zu­spü­len. Das Was­ser ist an­ge­nehm lau­warm.

»Du wirkst so an­stän­dig«, sagt Lil­ly. »Bist du in ’ner Sek­te?«

»Sek­te wür­de ich das nicht nen­nen. Ist auch vor­bei jetzt.«

»Was ist vor­bei?«

»Glau­be, Lie­be, Kom­mu­nis­mus, al­les eben.«

»Wie geht ’n das?« Lil­ly fal­tet das gro­ße Hand­tuch zu­sam­men, auf dem wir ge­le­gen ha­ben, und ord­net die Kis­sen. Wenn ich mich auf die Ze­hen­spit­zen stel­le, trifft der Was­ser­strahl di­rekt auf die Ei­chel.

»Ent­we­der glaubt man, oder man glaubt nicht. Ich ha­be dran ge­glaubt. Ich war in der Kir­che und so­gar in der Par­tei!« »Ein gläu­bi­ger Ge­nos­se?«

»Nein, Uni­ons­freund, CDU.«

»Da bist du ja fein raus!«, sagt sie und zieht das La­ken straff. »Dann ge­hörst du ja jetzt zur herr­schen­den Klas­se.«

»Ziehst du dich denn nicht an?«, fra­ge ich und set­ze mich in Un­ter­ho­se ne­ben sie aufs Bett.

»Ich geh du­schen.«

»Darf ich dich zum Es­sen ein­la­den?« »Nee, ich mach wei­ter. Au­ßer­dem geht das nicht gut mit vol­lem Ma­gen.«

»Der Ge­schlechts­ver­kehr? Hab ich dir auf den Bauch ge­drückt?« »Quatsch. Du bist echt schräg.«

Ich zie­he mei­ne So­cken an. »Se­hen wir uns mal wie­der?«

»Wer sol­che Ge­ständ­nis­se macht, kommt meis­tens nicht wie­der.«

»Und mor­gen, fin­de ich dich an der­sel­ben Stel­le?«

»Wenn dir nie­mand zu­vor­kommt …« »Ich ge­be dir zwei­hun­dert Mark, und dann bist du wie­der für mich da?« »War­um nicht?«

»Das ist wirk­lich ab­son­der­lich, fin­dest du nicht?«

»Wie­so ›ab­son­der­lich‹? Was hast du denn ge­dacht?«

»Du hast mich an­ge­spro­chen.« »Na und? Du hast ge­zahlt!« »Weil du es ver­langt hast.«

»Du gibst mir doch kein Geld, weil ich es ver­lan­ge?«

»Na­tür­lich weiß ich, dass es im Ka­pi­ta­lis­mus Pro­sti­tu­ti­on gibt, aber nicht … ich weiß auch nicht. Du warst so … per­sön­lich.«

»Das nehm ich mal als Kom­pli­ment.« »Ich hab mir das an­ders vor­ge­stellt.« »Wie denn?«

»Fin­dest du das nicht ab­son­der­lich, dass ich dir Geld ge­be, und du bist be­reit, mit mir so­fort in­tim zu wer­den?«

»Bist doch auch gleich ›in­tim‹ mit mir ge­wor­den.«

»Na ja, aber sich so hin­zu­ge­ben. Macht dir das Spaß?«

»Frü­her, in mei­nem Be­ruf, hab ich im­mer zwei Schich­ten ge­macht. Aber das bringt hier echt mehr als kell­nern.«

»Und wenn je­mand kommt, der dir un­sym­pa­thisch ist?«

»Kann mir die Leu­te ja aus­su­chen. Zu Ka­na­ken stei­ge ich so­wie­so nie ins Au­to.« »Ka­na­ken?«

»Tür­ken und so. Die ma­chen nur Är­ger oder wol­len dir zei­gen, wie lan­ge sie’s kön­nen …«

»Aber dich zwingt nie­mand da­zu?« »Nee. Ich bin nur faul. Wenn ich nicht hier­her­kom­me, kom­me ich auf blö­de Ge­dan­ken. – Kannst du dich bit­te an­zie­hen.«

Ich ste­he auf.

»Con­ny sagt im­mer, hier wird der Nacht­dienst viel bes­ser be­zahlt als auf Sta­ti­on. Ist ei­gent­lich ’ne gu­te Sa­che, wenn’s läuft.«

»Und wenn ich dir noch mal zwei­hun­dert ge­be, jetzt gleich, was pas­siert dann?«

»Dann kannst du So­cken und Un­ter­ho­se wie­der aus­zie­hen. Musst du wis­sen. Wenn du so schnell wie­der kannst – ist nur für ’ne hal­be St­un­de.«

»Und wenn du dich an­ziehst und mit mir spa­zie­ren gehst? Wür­dest du das für zwei­hun­dert ma­chen?«

»Ist nicht be­son­ders schön für dich. Und für mich auch nicht.«

»Ich fän­de es schön!«

»Ich se­he nicht ge­ra­de aus wie dei­ne Freun­din.«

»Wer sagt das?«

»Das hier?« Sie hebt ih­ren Lack­rock hoch. »Denkst du, ich geh so ins Kino? Mit so was?« Sie stößt mit dem Fuß ge­gen ei­nen der Stie­fel.

»Mir ge­fällt das.«

»Willst du an­ge­ben? Vor dei­nen Kum­pels?«

»Und wenn du auf­hörst, wie gehst du weg von hier?«

»Ich hab die Sa­chen im Au­to. Aber ich hab jetzt echt kei­nen Bock, mich um­zu­zie­hen … Müss­test dich mal ent­schei­den. Ich kann dir dann ei­nen bla­sen, oder du steckst ihn noch mal rein, wenn du kannst.«

»Ich ha­be sechs­hun­dert da­bei. Für wie lang ist das?«

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