Ba­rock­mu­sik im Kran­ken­haus

Neu­es For­mat bei den Hän­del-fest­spie­len

Göttinger Tageblatt - - KULTUR - Von Udo Hinz

Göt­tin­gen. Die Hän­del-fest­spie­le über­ra­schen je­des Jahr. Für ih­re neue Rei­he „Hän­del am­bu­lant“ha­ben die Fes­ti­val­ma­cher ei­nen be­son­de­ren Spiel­ort ent­deckt: die klei­ne Ka­pel­le im Kran­ken­haus Ne­u­ma­ria­hilf. Sie ver­fügt über ei­ne ganz her­vor­ra­gen­de Akus­tik, ei­nen au­ßer­ge­wöhn­li­chen Flü­gel und ein schö­nes Am­bi­en­te. Der Te­nor Paul Hop­wood er­öff­ne­te das neue Kon­zert­for­mat zu­sam­men mit dem Pia­nis­ten Fer­nan­do Agua­do.

Über­all Kon­flik­te: Krie­ge und Frie­den, In­tri­gen am kö­nig­li­chen Ho­fe und emo­tio­na­le Ver­zweif­lung. Hop­wood hat für sein Ge­s­angsre­zi­tal Lie­der und Ari­en zu­sam­men­ge­tra­gen, die in­ne­re und äu­ße­re Kämp­fe the­ma­ti­sie­ren – ganz im Sin­ne des dies­jäh­ri­gen Mot­tos „Kon­flik­te“der Hän­del-fest­spie­le. Der Sän­ger, der in der dies­jäh­ri­gen Oper „Ar­mi­nio“den Va­ro ver­kör­pert, zeigt sich an die­sem Abend von ei­ner emo­tio­nal sehr wand­lungs­fä­hi­gen Sei­te. Hän­dels Arie „Sound an Alarm“aus Ju­das Macca­ba­eus geht er en­er­gie­voll und fest­lich an. Den von Ben­ja­min Brit­ten ar­ran­gier­ten Folk­song „The Sol­dier and the Sailor“singt er mit ei­nem ver­schmitz­ten Lä­cheln und zeigt sei­ne hu­mor­vol­le Sei­te. Die „Ele­gie“von Hen­ri Du­parc durch­dringt der Sän­ger emo­tio­nal vol­ler Trau­er. Richard Strauss’ Ge­dicht­ver­to­nung „Al­ler­see­len“ver­leiht er mit sei­ner Stim­me ei­ne auf­wüh­len­de Dra­ma­tik.

Hop­woods Aus­druck im Ge­sang ist im in­ti­men Am­bi­en­te der Ka­pel­le un­mit­tel­bar zu er­le­ben. Der Zu­hö­rer spürt die Nä­he und ist von der Mu­sik und ih­ren Emo­tio­nen gera­de­zu um­hüllt. Die hu­mor­vol­le Mo­de­ra­ti­on des Sän­gers aus Lon­don lässt er­ah­nen, wel­che Freu­de ihm die­ser Abend be­rei­tet – und si­cher auch der Kon­trast zur Oper im gro­ßen Deut­schen Thea­ter.

Be­glei­tet wird er von dem Pia­nis­ten Fer­nan­do Agua­do. Der in Ma­drid ge­bo­re­ne und in En­g­land auf­ge­wach­se­ne Mu­si­ker be­glei­tet den Sän­ger tem­pe­ra­ment­voll mit oft leuch­ten­dem Aus­druck. Da­bei weiß er ei­ge­ne Ak­zen­te zu set­zen und spielt im­mer wie­der auf Au­gen­hö­he mit dem So­lis­ten. Da­durch, dass er die ba­ro­cken Wer­ke auf ei­nem Flü­gel in­ter­pre­tiert, ver­leiht er der al­ten Mu­sik et­was Mo­der­nes – ja, er zeigt die Zeit­lo­sig­keit der Mu­sik Hän­dels auf.

Mit zwei ro­man­ti­schen Wer­ken stellt sich der Pia­nist als groß­ar­ti­ger So­list vor. Bei Ro­bert Schu­mann „In­ter­mez­zo op. 26 Nr. 4“prä­sen­tiert er sich als Künst­ler, der ei­nem Werk Kraft und Schwung ver­leiht. Bei Franz Liszts vor­im­pres­sio­nis­ti­schem „Nua­ges Gris“schlägt er die Kla­vier­tas­ten mit Be­dacht an, schafft At­mo­sphä­ren und be­en­det das Stück mit Tö­nen, die im Hall ver­klin­gen – fast wie ein fra­gen­des of­fe­nes En­de. Dass der Pia­nist die­ses Liszt-werk an ei­nem sel­ten zu hö­ren­den his­to­ri­schen Bech­stein-flü­gel mit sei­nem war­men Klang spielt, gibt dem Abend noch et­was Be­son­de­res. Schließ­lich hat­te Liszt in sei­ner Woh­nung in Wei­mar auch ei­nen Flü­gel von Bech­stein. Sel­ten hat man die­sen Kom­po­nis­ten klang­lich so au­then­tisch ge­hört.

Das Pu­bli­kum be­dank­te sich für den in­ti­men Lie­der­abend mit viel Ap­plaus. Ne­ben den Kon­zert­be­su­chern wur­de die Mu­sik noch von mehr Men­schen ge­se­hen und ge­hört: Das Kon­zert wur­de per Vi­deo und Live-stream in die Kran­ken­zim­mer des Kran­ken­hau­ses über­tra­gen.

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