„Re­det mit­ein­an­der!“

In den 1980er-jah­ren ge­hör­te Axel Mor­gen­roth zur Göt­tin­ger Haus­be­set­zer­sze­ne / Ein Schlüs­sel­er­leb­nis mit ei­nem Po­li­zis­ten ließ ihn über vier Jahr­zehn­te zum Ver­mitt­ler zwi­schen den Fron­ten wer­den

Göttinger Tageblatt - - THEMA DES TAGES - Von Mar­kus Scharf

Göt­tin­gen. Als die Göt­tin­ger Po­li­zei am Mor­gen des 7. Mai 2018 das be­setz­te Wohn­heim am Goe­the-in­sti­tut räumt, ist ein Mann vor Ort, der vor knapp 40 Jah­ren selbst zur Haus­be­set­zer­sze­ne zähl­te. Seit da­mals ver­sucht er zwi­schen der Po­li­zei und lin­ker Sze­ne zu ver­mit­teln.

Es war im Früh­ling 1984, als sechs Göt­tin­ger Stu­den­ten das Haus Num­mer 5 an der Reit­stall­stra­ße be­setz­ten. Sie hat­ten sich zu der Grup­pe „Ge­walt­freie Ak­ti­on Göt­tin­gen“zu­sam­men­ge­schlos­sen, um zu zei­gen, dass Pro­test auch fried­lich ver­lau­fen kann. In Zei­ten von Groß­de­mons­tra­tio­nen bei­spiels­wei­se in Brok­dorf mit 100 000 Men­schen und meh­re­ren Hun­dert Ver­letz­ten auf­sei­ten der De­mons­tran­ten und der Po­li­zei woll­te die Grup­pe ein Zei­chen set­zen. Auch ge­gen die spür­ba­re Ge­walt­be­reit­schaft in der Göt­tin­ger Sze­ne.

„Es war ein schö­nes Haus“, er­zählt Axel Mor­gen­roth, der sich da­mals ei­ni­ge Mo­na­te in der Reit­stall­stra­ße 5 ein­quar­tiert hat­te. Die Im­mo­bi­lie soll­te wie vie­le in Göt­tin­gen „lu­xus­sa­niert“wer­den. Um das zu ver­hin­dern, zo­gen die Stu­den­ten bei der letz­ten ver­b­lie- be­nen Mie­te­rin ein. „Wir ha­ben dann an­ge­fan­gen zu re­no­vie­ren, ob­wohl wir wuss­ten, dass das Haus ab­ge­ris­sen wer­den soll“, er­in­nert sich Mor­gen­roth la­chend. Er war es auch, der aus der Grup­pe aus­ge­wählt wur­de, als es am Tag der Räu­mung dar­um ging, mit der Po­li­zei zu ver­han­deln.

Und so stan­den sich der schlak­si­ge Re­li­gi­ons­stu­dent mit den lan­gen blon­den Haa­ren und der spä­te­re In­spek­ti­ons­lei­ter Ot­to Kno­ke in Uni­form und mit dunk­ler Son­nen­bril­le am Mor­gen vor dem Haus ge­gen­über. Für Mor­gen­roth ei­ne prä­gen­de Be­geg­nung. Denn was ihm sei­ne Mut­ter schon in frü­hen Jah­ren bei­ge­bracht hat­te, be­stä­tig­te sich an die­sem Tag: Es lohnt sich, mit­ein­an­der zu spre­chen – auch wenn das Ge­gen­über ein Po­li­zist ist.

Das Er­geb­nis: Nach­dem der ei­ne be­teu­er­te, von ih­nen ge­he kei­ne Ge­walt aus, wies der an­de­re sei­ne Kol­le­gen an, Hel­me und Schlag­stö­cke weg­zu­pa­cken. Die Stu­den­ten lie­ßen sich me­di­en­wirk­sam aus dem Haus tra­gen und konn­ten an­schlie­ßend ge­hen. „Die ha­ben nicht mal un­se­re Per­so­na­li­en ver­langt“, er­in­nert sich der heu­te 62-jäh­ri­ge Mor­gen­roth.

Ein für da­ma­li­ge Zei­ten nicht selbst­ver­ständ­li­cher Aus­gang ei­ner Haus­be­set­zung,

Ich ha­be mich für bei­de Sei­ten ent­schie­den. Axel Mor­gen­roth. auf die Fra­ge, auf wel­cher Sei­te er steht

die durch­aus auch in di­rek­ter Kon­fron­ta­ti­on aus­ge­hen konn­ten. In Spit­zen­zei­ten wa­ren in Göt­tin­gen mehr als 50 Häu­ser be­setzt. Auf den Trans­pa­ren­ten der Zeit wa­ren Slo­gans wie „Wohn­raum muss her, sonst gibt es kei­ne Ru­he mehr“oder „Frie­de den Hüt­ten, Krieg den Pa­läs­ten“zu le­sen. Die fes­te Über­zeu­gung, dass es auch oh­ne Krieg funk­tio­nie­ren muss, ließ Mor­gen­roth in der Fol­ge im­mer häu­fi­ger in die Rol­le des Ver­mitt­lers zwi­schen den Fron­ten schlüp­fen.

Wäh­rend er sich ei­ner­seits ak­tiv an den Pro­tes­ten ge­gen den Bau der Start­bahn West in Frank­furt be­tei­lig­te oder sich der An­ti-atom­kraft-be­we­gung im Wend­land an­schloss, stand er in Göt­tin­gen in stän­di­gem Kon­takt zur Po­li­zei­füh­rung. Ein für ihn nicht im­mer un­ge­fähr­li­cher Spa­gat. Als am 25. No­vem­ber 1989 nach dem Tod von Con­ny Wess­mann 10000 De­mons­tran­ten durch Göt­tin­gen mar­schier­ten, stand der Pa­zi­fist plötz­lich un­er­war­tet mit dem Rü­cken an der Wand. Auch hier hat­te er im Vor­feld Kon­takt zur Po­li­zei ge­hal­ten. Am En­de stand der Vor­wurf im Raum, er ha­be die De­mons­tran­ten ver­ra­ten und sich dann ver­drückt.

„Tat­säch­lich bin ich da­mals zu mei­ner schwan­ge­ren Frau nach Hau­se ge­fah­ren. Es war mit der Ein­satz­lei­tung ver­ein­bart, dass ich mich ab­mel­de.“Die­se Nachricht wur­de ab­ge­fan­gen und ge­gen ihn ver­wen­det. „Na­tür­lich ha­be ich kein Si­gnal ge­ge­ben.“Noch heu­te lä­chelt er bit­ter, wenn er da­von er­zählt. In der Fol­ge war lan­ge Jah­re der Spruch „Tö­tet Axel Mor­gen­roth“am Göt­tin­ger Ju­zi zu le­sen. Aber auch das hielt ihn nicht da­von ab, bei den fol­gen­den De­mons­tra­tio­nen da­bei zu sein – im­mer zwi­schen schwar­zem Block und der Po­li­zei.

Die Ab­leh­nung sei greif­bar ge­we­sen. Es ge­hö­re zu sei­ner Ge­schich­te mit Au­to­no­men, dass er „Ver­piss dich“zu hö­ren be­kom­me. Gleich­zei­tig sei er sich im­mer si­cher ge­we­sen, dass die St­ei­ne nicht in sei­ne Rich­tung flie­gen. Er soll­te recht be­hal­ten. Zwi­schen­zeit­lich ha­be für ei­ni­ge Jah­re so­gar ein Ver­trau­ens­ver­hält­nis in bei­de Rich­tun­gen be­stan­den. Erst als der po­li­ti­sche Wil­le aus dem In­nen­mi­nis­te­ri­um in Han­no­ver die­se Zu­sam­men­ar­beit un­mög­lich mach­te, zo­gen sich die be­tei­lig­ten Ak­teu­re zu­rück.

So auch Mor­gen­roth. Erst vor we­ni­gen Jah­ren kehr­te er zu­rück. Die Kund­ge­bun­gen rechts­ra­di­ka­ler Grup­pen und die zum Teil es­ka­lie­ren­den Ge­gen­de­mons­tra­tio­nen lie­ßen ihn wie­der ak­tiv wer­den. Aus den lan­gen blon­den sind kur­ze graue Haa­re ge­wor­den, aus dem Re­li­gi­ons­stu­den­ten ein Bä­cker­meis­ter mit ei­ge­nem Be­trieb. An sei­ner Über­zeu­gung hat sich nichts ge­än­dert. Auch die Kon­tak­te zur Po­li­zei wa­ren bald wie­der her­ge­stellt. Und sein Platz ist im­mer noch zwi­schen den Fron­ten.

Er er­zählt, wie der ak­tu­el­le Pi-lei­ter Tho­mas Rath mit ihm ge­mein­sam Was­ser in ei­nem De­mons­tran­ten­camp am Bahn­hof ver­teil­te, statt es ge­walt­sam auf­lö­sen zu las­sen. Oder wie sich Po­li­zei­prä­si­dent Uwe Lüh­rig zu­sam­men mit ihm zwi­schen ver­mumm­te De­mons­tran­ten und ei­ne Po­li­zei­hun­dert­schaft stell­te, um die Ge­mü­ter zu be­ru­hi­gen. Auf wel­cher Sei­te steht Axel Mor­gen­roth? „Ich ha­be mich für bei­de Sei­ten ent­schie­den.“

So auch bei der jüngs­ten Haus­be­set­zung in Göt­tin­gen. Er ha­be viel Sym­pa­thie für die Ak­ti­on. Vie­les ha­be ihn an die 1980er-jah­ren er­in­nert – auch die Ab­leh­nung, die ihm schließ­lich ent­ge­gen­ge­schla­gen sei. „Die hal­ten mich für ei­nen Vol­l­idio­ten, aber das ist egal.“Er selbst wer­de das nicht ewig wei­ter­ma­chen kön­nen, so Mor­gen­roth, aber er hofft auf Nach­ah­mer. Sein Ap­pell: „Re­det mit­ein­an­der!“

FO­TO: OT­TO

Ers­tes Zu­sam­men­tref­fen von Axel Mor­gen­roth und Ot­to Kno­ke vor dem be­setz­ten Haus an der Reit­stall­stra­ße.

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