Re­vo­lu­tio­nä­rer Schwung mit kon­ser­va­ti­vem Er­geb­nis

Haus­be­set­zun­gen in Göt­tin­gen: Jür­gen Trit­tin er­in­nert sich

Göttinger Tageblatt - - THEMA DES TAGES - Von Mat­thi­as Hein­zel

Göt­tin­gen. Die Hoch-zeit der Haus­be­set­zun­gen wa­ren die 1980er-jah­re. Ei­ne ers­te Wel­le be­gann gleich im Jahr 1980, als im De­zem­ber die Jü­den­stra­ße 35 und die Pra­ger Schu­le be­setzt wur­den. Sie wer­den am 4. Fe­bru­ar des fol­gen­den Jah­res ge­räumt.

Doch schon drei Mo­na­te spä­ter be­set­zen Stu­den­ten und Sym­pa­thi­san­ten Häu­ser an der Goß­ler und an der We­en­der Land­stra­ße. Im Ok­to­ber 1981 wird die ehe­ma­li­ge Zahn­kli­nik an der Geist­stra­ße be­setzt.

Ei­ne zwei­te, noch in­ten­si­ve­re Wel­le der Haus­be­set­zun­gen be­ginnt 1986. Im No­vem­ber wer­den die Häu­ser Burg­stra­ße 7 und Thea­ter­platz 7 be­setzt. Doch schon drei Ta­ge spä­ter räumt die Po­li­zei die Häu­ser, wie auch das schon seit Mit­te Ok­to­ber be­setz­te Haus Schie­fer Weg 29.

En­de März 1987 drin­gen Be­set­zer in das „Ro­sa Haus an der Bür­ger­sta­ße 12“ein. Es folgt die ehe­ma- li­ge Lui­sen­schu­le an der Bau­ra­tGer­ber-stra­ße 10. Dort wird ein selbst­ver­wal­te­tes Ju­gend­zen­trum ein­ge­rich­tet. Ein Grund für die Be­set­zung ist laut Flug­blatt, dass „Spe­ku­lan­ten, Haus­be­sitz­er­ge­sell­schaf­ten und Bau­un­ter­neh­mer (sich) auf un­se­rem Rü­cken … ei­ne gol­de­ne Na­se“ver­die­nen.

„Zwei Bau­sün­den“

Dies ist nur ein klei­ner Aus­schnitt der Göt­tin­ger Haus­be­set­zun­gen in die­ser Zeit. Ei­ner, der ganz nah dran war an der Haus­be­set­zer­sze­ne in den 1980er-jah­ren, war Jür­gen Trit­tin, da­mals Stu­dent in der Stadt. „Als ich 1973 das ers­te Mal nach Göt­tin­gen kam“, er­in­nert sich der spä­te­re Bun­des­um­welt­mi­nis­ter und heu­ti­ge Göt­tin­ger Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te, „fie­len mir gleich zwei Bau­sün­den auf: Die Stadt­hal­le, die heu­te im­mer noch steht. Und das frisch ab­ge­ris­se­ne Reit­stall­vier­tel.“Das, so Trit­tin, „wur­de ab­ge­ris­sen, nach­dem die Be­set­zer ge­räumt wur­den. Er­setzt durch ei­nen Bau, der einst Her­tie und heu­te das Car­ré be­her­bergt. Aus ma­le­ri­schen Stäl­len wur­de ein Be­ton­klotz.“

Der da­ma­li­gen Haus­be­set­zer­sze­ne schreibt Trit­tin ei­ne aus­ge­spro­chen wich­ti­ge Rol­le zu: „Das Stadt­bild und die Stadt­ent­wick­lung Göt­tin­gens sind oh­ne den Häu­ser­kampf, oh­ne Räu­mun­gen, oh­ne Be­set­zun­gen nicht zu ver­ste­hen.“So sei­en Häu­ser an der Ro­ten Stra­ße nur we­gen er­folg­ter Be­set­zun­gen Wohn­hei­me ge­wor­den. Trit­tin: „Doch es wur­de nicht nur Wohn­raum ge­schaf­fen, son­dern wert­vol­le his­to­ri­sche Stadt­sub­stanz er­hal­ten.

Bühl­stra­ße, Kreuz­berg­ring – durch all die­se Vier­tel woll­te ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on ei­ne vier­spu­ri­ge Stra­ße bau­en. Wer sich das vor­stel­len will, den­ke sich die Orts­um­ge­hung Waa­ke quer durch das Ost­vier­tel.“Dies hät­ten Haus­be­set­zer ver­hin­dert: „Sie ha­ben da­bei ge­gen Ge­set­ze ver­sto­ßen, Rechts­bruch be­gan­gen – aber sie hat­ten Er­folg. Die Häu­ser blie­ben ste­hen, wur­den sa­niert, sind be­wohnt.“

FO­TO: AR­CHIV

Jür­gen Trit­tin En­de der 1980er-jah­re.

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