Ein Ad­a­gio für Lie­be und Men­sch­lich­keit

Fi­gu­ren­thea­ter Fa­vo­let­ta spielt zu Vi­val­dis „Vier Jah­res­zei­ten“das Mär­chen „Der Streit im Wal­de“in Drans­feld und Göt­tin­gen

Göttinger Tageblatt - - AUS DER REGION - Von Mar­kus Rie­se

Drans­feld. Das Fi­gu­ren­thea­ter Fa­vo­let­ta aus Os­te­ro­de gas­tier­te am 17. Mai ge­mein­sam mit dem Eu­ro­pean Uni­on Ba­ro­que Orches­tra in der Stadt­hal­le Drans­feld und in der Wal­dorf­schu­le Göt­tin­gen. Das Stück „Con­cer­ta­tio in Sil­va – Der Streit im Wal­de“ver­mit­tel­te dem jun­gen Pu­bli­kum gleich meh­re­re lehr­rei­che Bot­schaf­ten.

Die wich­tigs­te Leh­re für die vor­nehm­lich jun­gen Zu­schau­er dürf­te sein, dass ge­mein­sam vie­les bes­ser geht und Ego­is­mus we­nig er­stre­bens­wert ist, ja im schlimms­ten Fall so­gar zer­stö­re­ri­sche Kraft ent­wi­ckeln kann. Ein­ge­bet­tet in die auch den meis­ten mu­si­ka­li­schen Lai­en wohl ver­trau­ten Klän­ge aus den „Vier Jah­res­zei­ten“von An­to­nio Vi­val­di – pri­ma dar­ge­bo­ten vom neun­köp­fi­gen Orches­ter un­ter der Lei­tung von Bo­jan Ci­cic – ent­wi­ckelt Er­zäh­ler und Pup­pen­spie­ler Micha­el Schnei­der an der Sei­te sei­ner Kol­le­gen And­rey Schnei­derz­as­lavs­kij und Bil­al Al­had­dad ei­ne rüh­ren­de Ge­schich­te, die er zu­dem kind­ge­recht dar­zu­bie­ten weiß. War­um Schnei­der gleich zu Be­ginn er­wähnt, dass sei­ne Mit­spie­ler einst als Flücht­lin­ge nach Deutsch­land ka­men, er­klärt sich im fi­na­len Akt. Die Auf­füh­run­gen sind Teil der Rei­he „Hän­del 4 Kids“der In­ter­na­tio­na­len Hän­del-fest­spie­le Göt­tin­gen.

Ge­mein­sam statt ein­sam

Die Ge­schich­te: In ei­nem klei­nen Wald ge­ra­ten ver­schie­de­ne Bäu­me in ei­nen Streit dar­über, wel­cher von ih­nen der Bes­te sei – und je­der glaubt, dies für sich und sei­ne „Art“in An­spruch neh­men zu kön­nen. Des­halb be­schlie­ßen sie, je­weils ei­nen ganz ei­ge­nen Wald an­zu­le­gen, in dem kein an­de­rer Baum zu ste­hen hat. Doch als ein mäch­ti­ger Sturm auf­zieht, fal­len al­le Wäl­der der Kraft der Na­tur zum Op­fer. Und den zu­vor strei­ten­den Bäu­men wird klar: Mit den an­de­ren Ar­ten an ih­rer Sei­te hät­ten sie das Un­wet­ter ge­mein­sam über­ste­hen kön­nen. Selbst die stol­ze Ei­che ge­langt zu die­ser Er­kennt­nis: „Ging es uns nicht gut, als wir mit al­len Un­ter­schie­den bei­ein­an­der wa­ren? War­um lie­ßen wir un­se­re Kin­der nicht bei­ein­an­der ste­hen?“Spä­tes­tens an die­ser Stel­le wird die Ak­tua­li­tät die­ses mo­der­nen Mär­chens of­fen­sicht­lich.

De­tail­rei­che Ins­ze­nie­rung

Das ver­ste­hen au­gen­schein­lich auch die vie­len Kin­der im Pu­bli­kum, selbst wenn die­se sich zwi­schen­zeit­lich von ei­ni­gen lie­be­voll in­sze­nier­ten De­tails ab­len­ken las­sen. So keimt kurz Ge­läch­ter auf, als ei­ne Hund-pup­pe in der schön ge­stal­te­ten Sze­ne­rie ober­halb des Orches­ters an ei­ner Blu­me das Bein hebt oder ei­ner der Bäu­me kunst­voll sei­ne Augen ver­dreht. Die vol­le Auf­merk­sam­keit der Schü­ler er­zeu­gen zwei Ei­cheln, die wild tan­zen­de Eich­hörn­chen wie zu­fäl­lig von ei­nem Baum und so­dann auch von der Büh­ne pur­zeln las­sen. Das ist ein biss­chen scha­de für das Orches­ter, das ge­gen das auf­kom­men­de Stim­men­ge­wirr an­zu­spie­len hat – es hilft aber auch da­bei, das jun­ge Pu­bli­kum über die vol­len 75 Mi­nu­ten Spiel­dau­er bei Lau­ne zu hal­ten.

„Die Idee hin­ter mei­ner Er­zäh­lung ist die Ein­heit hin­ter den Ge­gen­sät­zen und die Viel­falt, oh­ne die nichts exis­tie­ren kann“, be­schreibt Schnei­der selbst sein Stück, das sich an Er­wach­se­ne und Kin­der ab acht Jah­ren rich­tet. Vi­val­dis Mu­sik wirkt fast so, als wä­re sie spe­zi­ell für die­ses Mär­chen ge­schrie­ben wor­den – Orches­ter, Büh­nen­bild, Schau­spie­ler und Fi­gu­ren bil­den ei­ne stim­mi­ge Ein­heit. Und wer die Bot­schaf­ten beim Zu­se­hen doch nicht ver­in­ner­licht hat, be­kommt sie am En­de noch ein­mal auf gro­ßen Ban­nern in Schrift­form dar­ge­bo­ten: „Ein Ad­a­gio für Lie­be und Men­sch­lich­keit, ein Len­to für Ver­ständ­nis und Herz­lich­keit, ein Al­le­gro für Freu­de und Zu­ver­sicht, ein Tut­ti für ei­ne fried­li­che Zu­kunft.“

FO­TO: RIE­SE

Das Fi­gu­ren­thea­ter Fa­vo­let­ta und das Eu­ro­pean Uni­on Ba­ro­que Orches­tra prä­sen­tie­ren das Stück „Der Streit im Wal­de“, hier in der Stadt­hal­le Drans­feld.

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