Über­ra­schung aus der Jungstein­zeit

Archäo­lo­gen fin­den 7000 Jah­re al­te Ke­ra­mik hin­ter dem Gotha­er Haus am nörd­li­chen Rand der Göt­tin­ger In­nen­stadt

Göttinger Tageblatt - - ERSTE SEITE - Von Ul­rich Schu­bert

Bei Ar­bei­ten am Nor­d­rand der Göt­tin­ger In­nen­stadt ha­ben Archäo­lo­gen um Gra­bungs­lei­ter Eber­hardt Kett­litz (Fo­to) Feu­er­stei­ne und Ke­ra­mik aus der Jungstein­zeit vor 7000 Jah­ren ge­fun­den. Und das ist nicht die ein­zi­ge Über­ra­schung auf dem Ge­län­de des so­ge­nann­ten Gotha­er Hau­ses.

Göt­tin­gen. Bei Aus­gra­bun­gen am Nor­d­rand der Göt­tin­ger In­nen­stadt ha­ben Archäo­lo­gen Feu­er­stei­ne und Ke­ra­mik aus der Jungstein­zeit vor 7000 Jah­ren ge­fun­den. Und das ist nicht die ein­zi­ge Über­ra­schung auf dem Ge­län­de des so­ge­nann­ten Gotha­er Hau­ses.

Sie sind ganz un­schein­bar: klei­ne dunk­le St­ein­scher­ben mit schar­fen Kan­ten. Für den Archäo­lo­gen Eber­hardt Kett­litz von der Fir­ma Gold­schmidt Archäologie & Denk­mal­pfle­ge aus Dü­ren ist den­noch klar, dass die­se Feu­er­stei­ne einst als Schneid­werk­zeu­ge dien­ten, mit de­nen zum Bei­spiel Fell von er­leg­ten Tie­ren ab­ge­zo­gen wur­de. Die­se St­ei­ne gibt es in die­ser Re­gi­on gar nicht – „und das spricht für frü­he Han­dels­be­zie­hun­gen mit an­de­ren“, er­gänzt Göt­tin­gens Stadt­ar­chäo­lo­gin Bet­ty Arndt.

In ei­ner Gru­be hin­ter dem Gotha­er Haus an der Ecke We­en­der Stra­ße / Jü­den­stra­ße ha­ben Kett­litz und sein Gra­bungs­team die Feu­er­stei­ne ge­fun­den. Da­ne­ben ei­ne stei­ner­ne Ge­trei­de­müh­le mit Schie­be­me­cha­nis­mus und Ke­ra­mik­scher­ben. Scher­ben mit gro­ber Struk­tur und ein­fa­chen Ritz­mo­ti­ven, die der Mit­te der Li­ni­en­band­ke­ra­mik zu­zu­ord­nen sei­en – al­so et­wa 5300 vor Chris­tus.

Sol­che Fun­de ha­be es in Göt­tin­gen zwar auch schon in Gro­ne auf dem Ge­län­de des heu­ti­gen „Kauf Parks“, der neu­en Uni-bi­b­lio­thek und am Wil­helms­platz ge­ge­ben, „über­rascht hat es uns trotz­dem“, sagt Arndt. Auch, weil es bis­her kaum Gra­bun­gen und Fun­de am Nord­aus­gang der In­nen­stadt gab.

Eben­so über­ra­schend: Ei­ne klar ab­ge­setz­te dunk­le Bo­den­schicht in gut ei­nem Me­ter Tie­fe mit deut­lich er­kenn­ba­rer geo­me­tri­scher Form. Die Archäo­lo­gen sind sich fast si­cher, dass es die Um­ris­se ei­nes Gru­ben­hau­ses sind, das in den Bo­den nach unten ge­baut wur­de und nicht in die Hö­he. Sol­che Häu­ser dien­ten meis­tens als ei­ne Art Werk­statt. Wei­te­re Ke­ra­mik­scher­ben (un­ter an­de­rem ei­ne Ofen­ka­chel) las­sen dar­auf schlie­ßen, dass das Haus im 12. bis 13. Jahr­hun­dert als Hof­ge­bäu­de an der Jü­den­stra­ße ge­stan­den hat. Es stammt al­so „aus der frü­hen Zeit der Göt­tin­ger Stadt­ent­wick­lung“, er­klärt Arndt. So et­was zu fin­den „ist schon schön“.

Noch un­klar ist, wel­che Be­deu­tung frei­ge­leg­te, eng bei­ein­an­der lie­gen­de Kalk­stei­ne ha­ben. Kett­litz ver­mu­tet, dass sie als Stem­pel­fun­da­men­te für Ge­bäu­de­eck­pfos­ten dien­ten.

Die drit­te Über­ra­schung ist ei­ne ne­ga­ti­ve: Ei­gent­lich hat­te Arndt ge­hofft, auf dem et­wa 40 mal 100 Me­ter gro­ßen Ge­län­de im hin­te­ren Be­reich Res­te der eins­ti­gen in­ne­ren Stadt­mau­er Göt­tin­gens zu fin­den. Ihr Ver­lauf in an­de­ren Be­rei­chen hat­te dar­auf schlie­ßen las­sen. Er­geb­nis: nichts.

Dass al­ler­dings über­haupt an die­ser Stel­le noch ge­gra­ben und nach zeit­ge­schicht­li­chem Ma­te­ri­al ge­sucht wer­den kann, ist ein Glück. Fast der ge­sam­te Be­reich sei in den ver­gan­ge­nen 50 Jah­ren neu be­baut und der Un­ter­grund durch tie­fe Bau­gru­ben zer­stört wor­den – frü­her oh­ne ar­chäo­lo­gi­sche Be­glei­tung. Das gel­te auch für das al­te Gotha­er Haus in­klu­si­ve Tief­ga­ra­ge, das jetzt ab­ge­ris­sen wer­den soll, so Arndt. Nur ei­ne al­te Park­platz­flä­che an der Jü­den­stra­ße hin­ter dem mas­si­gen Ge­bäu­de sei im Un­ter­grund noch weit­ge­hend in­takt. Und dort kann un­ter Auf­sicht der Stadt­ar­chäo­lo­gie noch et­wa drei Wo­chen ge­gra­ben wer­den – auf Kos­ten des In­ves­tors. Da­zu ist er ver­pflich­tet.

Auch wenn es bis­her kei­ne spek­ta­ku­lä­ren Fun­de gibt, ist das Pro­jekt ein Ge­winn, sagt Arndt. Mit die­sen und an­de­ren Puz­zel­stein­chen aus an­de­ren Gra­bun­gen las­se sich die Sied­lungs­ent­wick­lung Göt­tin­gens im­mer wei­ter re­kon­stru­ie­ren: „So wis­sen wir im­mer mehr, wann was in der Stadt pas­siert ist und wie die Men­schen hier ge­lebt ha­ben.“

FO­TO: HEL­LER

Auf der Aus­gra­bungs­flä­che hin­ter dem Gotha­er Haus: Stadt­ar­chäo­lo­gin Bet­ty Arndt (Mit­te) mit Gra­bungs­lei­ter Eber­hardt Kett­litz (links) und Gra­bungs­tech­ni­ke­rin Fran­zis­ka Klose.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.