End­spiel in Berlin

Der Streit um die Zu­rück­wei­sung von Flücht­lin­gen an der deut­schen Gren­ze mar­kiert ei­nen Tief­punkt im Ver­hält­nis zwi­schen An­ge­la Mer­kel und Horst See­ho­fer. Die CSU droht der Kanz­le­rin mit ei­nem Al­lein­gang. Ei­ne Ei­ni­gung ist nicht in Sicht.

Göttinger Tageblatt - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Rasmus Buchsteiner, Jörg Köpke, Gor­don Repinski und Die­ter Wonka

Horst See­ho­fer ist spät dran. Es ist 11.30 Uhr, die Sit­zung der CSUAb­ge­ord­ne­ten soll­te jetzt ei­gent­lich be­gin­nen, der Par­tei­chef aber be­fin­det sich noch im Un­ter­ge­schoss des Ber­li­ner Reichs­ta­ges. Der Auf­zug kommt, See­ho­fer sucht sich ei­nen Platz in der Ecke, blickt ernst drein. Wie die Stim­mung sei, will ei­ner der an­we­sen­den Re­por­ter wis­sen. Ähn­lich an­ge­spannt wie auf dem Hö­he­punkt der Flücht­lings­kri­se im Som­mer 2015? See­ho­fer sagt nichts, er wirkt für ei­nen Mo­ment sehr nach­denk­lich. Erst als die Tü­ren schon auf­ge­hen, hat der CSUCHEF und Bun­des­in­nen­mi­nis­ter sei­ne Schlag­fer­tig­keit wie­der­ge­fun­den. „Ach“, sagt er, „ich bin ja in­zwi­schen drei Jah­re äl­ter.“

Drei Jah­re äl­ter sagt er, aber was Horst See­ho­fer meint, ist: drei Jah­re klü­ger. Noch ein­mal will er nicht ge­gen­über An­ge­la Mer­kel nach­ge­ben, nicht in der Flücht­lings­po­li­tik. See­ho­fer, der sich be­reits im ver­gan­ge­nen Wahl­kampf ei­nen mo­na­te­lan­gen Streit um die Ober­gren­ze ge­lie­fert hat, will sich dar­an mes­sen las­sen, ob er sei­ne ri­gi­de­re Flücht­lings­po­li­tik durch­set­zen kann – auch ge­gen die Kanz­le­rin. Da­von könn­te auch ab­hän­gen, wie sei­ne Par­tei im Herbst bei den Land­tags­wah­len in Bay­ern ab­schnei­det. Geht die ab­so­lu­te Mehr­heit ver­lo­ren, dann ist auch See­ho­fer den Par­tei­vor­sitz los. An die­sem Don­ners­tag in Berlin sieht es lan­ge so aus, als wür­de es zum Show­down kom­men zwi­schen der Kanz­le­rin und ih­rem In­nen­mi­nis­ter. Zwi­schen der Cduche­fin und dem CSU-CHEF.

See­ho­fer will ei­ne na­tio­na­le Lö­sung und an der Gren­ze Flücht­lin­ge ab­wei­sen kön­nen, wenn sie be­reits ab­ge­lehnt wur­den oder kei­ne Pa­pie­re ha­ben. Mer­kel be­vor­zugt ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung und braucht da­für Zeit für Ver­hand­lun­gen. Doch bei­de Sei­ten sind un­nach­gie­big. Selbst ein Kri­sen­gip­fel im Kanz­ler­amt blieb am Mitt­woch­abend oh­ne Er­geb­nis. Und am Don­ners­tag ver­schärft sich die Kri­se im Bun­des­tag. Das Plenum wird un­ter­bro­chen, Son­der­sit­zun­gen der Frak­tio­nen wer­den ein­be­ru­fen, CDU und CSU ta­gen ge­trennt. Es wird ge­droht und ge­schimpft. Auf den Flu­ren ist von ei­ner Ab­spal­tung der CSU von der Uni­ons­frak­ti­on die Re­de – es wä­re das En­de der Gro­ßen Ko­ali­ti­on.

Als Mar­kus Sö­der am Vor­mit­tag zu den Csu-ab­ge­ord­ne­ten stürmt, die sich im Bun­des­tag be­ra­ten, wirkt sein Ge­sicht wie ver­stei­nert. Drin­nen in Sit­zungs­saal 3N008 war­ten Horst See­ho­fer und die Lan­des­grup­pe be­reits. Will Sö­der in Bay­ern er­folg­reich sein, ist er dar­auf an­ge­wie­sen, dass See­ho­fer in Berlin das Ma­xi­ma­le her­aus­holt. Und See­ho­fer wird kaum CSU-CHEF blei­ben kön­nen, wenn er sich im Rin­gen mit Mer­kel nach­gie­big zeigt. Die Zei­chen ste­hen auf Kra­wall.

Schon die­ses For­mat – See­ho­fer, Sö­der und ih­re Csu-trup­pen hier, An­ge­la Mer­kel und die Cdu-ab­ge­ord­ne­ten dort – wirkt wie ei­ne Il­lus­tra­ti­on des­sen, was kom­men könn­te. Viel ist vom Jahr 1976 die Re­de, als Csu-iko­ne Franz Jo­sef Strauß in Wild­bad Kreuth die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft mit der CDU auf­kün­dig­te, wenn auch nur für kur­ze Zeit. Es heißt, dass Mer­kels Leu­te auf die Idee zu den ge­trenn­ten Sit­zun­gen ge­kom­men sei­en, um die Stim­mung in den Cdu-rei­hen zu dre­hen. An­de­re sa­gen, die CSU ha­be die ge­trenn­ten Sit­zun­gen ge­wollt. Die­ser Don­ners­tag in Berlin ist auch ein Tag der Spin­dok­to­ren.

Da­bei geht es ei­gent­lich vor al­lem um ei­nen ein­zi­gen Streit­punkt – von ins­ge­samt 63, die der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter in sei­nem Mas­ter­plan vor­stel­len woll­te.

Der Plan der Kanz­le­rin ist, die Au­ßen­gren­zen der EU stär­ker zu si­chern, um die Bin­nen­gren­zen wei­ter of­fen hal­ten zu kön­nen. Um die­ses Ziel zu er­rei­chen, soll die Zahl der Mit­ar­bei­ter der Eu-grenz­schutz­be­hör­de Fron­tex von zur­zeit 1000 auf 10 000 stei­gen. Zu­dem sol­len Eu-mit­glieds­staa­ten, die be­son­ders stark un­ter dem Mi­gra­ti­ons­druck lei­den, mit Mil­li­ar­den aus Brüssel ent­schä­digt wer­den.

Ich glau­be, See­ho­fer zielt mit sei­nen Vor­schlä­gen in die rich­ti­ge Rich­tung. BERNF ALTHESLDNN, Vor­sit­zen­der der nie­der­säch­si­schen CDU

Doch ge­nau bei die­ser Fra­ge der Zu­rück­wei­sung von Asyl­be­wer­bern an deut­schen Au­ßen­gren­zen ge­hen die An­sich­ten aus­ein­an­der. CSU und CDU strei­ten seit Ta­gen dar­über, ob auch Asyl­be­wer­ber oh­ne Pa­pie­re so­wie be­reits ab­ge­scho­be­ne Be­wer­ber – wie von der CSU ge­for­dert – nicht mehr über die deut­sche Gren­ze ge­lan­gen dür­fen. Im ver­gan­ge­nen Jahr wä­ren es 64 000 Fäl­le ge­we­sen. Doch das ist eu­ro­pa­recht­lich äu­ßerst schwie­rig und al­len­falls mög­lich, wenn das Nach­bar­land Ös­ter­reich zu­stimmt und die zu­rück­ge­wie­se­nen Asyl­be­wer­ber wie­der auf­nimmt. An­dern­falls, war­nen Ex­per­ten, ent­ste­he die Si­tua­ti­on, dass sich Flücht­lin­ge im Schen­genraum oh­ne Auf­ent­halts­recht be­fin­den.

Es ist ein Streit, bei dem es mo­men­tan kei­ne Lö­sung zu ge­ben scheint. Die Kanz­le­rin sieht die Gr­und­fes­ten ih­rer Flücht­lings­po­li­tik in Ge­fahr und will das Pro­blem nach wie vor auf der gro­ßen eu­ro­päi­schen Büh­ne lö­sen: Mer­kel setzt auf den Eu-gip­fel am 28. und 29. Ju­ni in Brüssel.

Ges­tern bat die Kanz­le­rin, flan­kiert von Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le, in der Son­der­sit­zung ih­rer Frak­ti­on um Ver­trau­en für ih­ren Kurs. Bis zum Gip­fel wol­le sie tief­grei­fen­de Fort­schrit­te für ei­ne ge­mein­sa­me Asyl­re­ge­lung in der EU er­rei­chen. Sie weiß: Knickt sie ge­gen­über der CSU ein, lässt sie in Deutsch­land ein Grenz­re­gime nach un­ga­ri­schem Vor­bild zu. Je­de eu­ro­päi­sche Lö­sung wä­re wo­mög­lich hin­fäl­lig. Der Cdu-eu­ro­pa­po­li­ti­ker El­mar Brok for­mu­liert es ge­gen­über dem Redaktionsnetzwerk Deutsch­land (RND) so: „Wenn sich See­ho­fer durch­setzt, fliegt in Brüssel die EU in die Luft. Dann kön­nen wir den La­den dicht­ma­chen.“Doch Mer­kel spürt auch Ge­gen­wind in der ei­ge­nen Par­tei. De­mons­tra­tiv un­ter­stützt Nie­der­sach­sens CDU-CHEF Bernd Al­t­hus­mann die For­de­run­gen der Schwes­ter­par­tei. „Ich glau­be, See­ho­fer zielt mit sei­nen Vor­schlä­gen in die rich­ti­ge Rich­tung“, sagt der Wirt­schafts­mi­nis­ter in Han­no­ver.

„Ei­ne his­to­ri­sche Si­tua­ti­on“sei das jetzt, sagt Csu-lan­des­grup­pen­chef Alex­an­der Do­brindt in

Berlin den Ka­me­ras und be­schwört den Ernst der La­ge. „Wir sind im End­spiel um die Glaub­wür­dig­keit. Die Men­schen ha­ben die Ge­duld ver­lo­ren. Die CSU steht“, sagt Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent Mar­kus Sö­der am Don­ners­tag Teil­neh­mern zu­fol­ge vor den Csu-ab­ge­ord­ne­ten und er­höht aber­mals den Druck. „Wir müs­sen jetzt durch Hand­lung be­wei­sen, dass wir für un­se­re Hal­tung ste­hen.“Die CSU müs­sen nun „zei­gen, dass un­ser Land han­deln will und han­deln kann.“Deutsch­land ste­he an ei­ner „his­to­ri­schen Weg­ga­be­lung“. Do­brindt ruft so­gar da­zu auf, die Be­den­ken der Kanz­le­rin zu igno­rie­ren. Tei­le des Mas­ter­pla­nes von Horst See­ho­fer stün­den „in der di­rek­ten Ver­ant­wor­tung des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters“und soll­ten da­her um­ge­setzt wer­den, oh­ne erst auf ei­ne Ei­ni­gung auf Eu-ebe­ne zu war­ten. Es sei drin­gend nö­tig, be­reits in an­de­ren Eu-staa­ten re­gis­trier­te Flücht­lin­ge an der deut­schen Gren­ze ab­zu­wei­sen, „um wie­der Ord­nung an den Gren­zen zu schaf­fen“, sagt Do­brindt.

Recht­lich be­trach­tet könn­te See­ho­fer als Bun­des­in­nen­mi­nis­ter durch­aus die Bun­des­po­li­zei ei­gen­mäch­tig an­wei­sen, be­stimm­te Flücht­lin­ge an der Gren­ze ab­zu­wei­sen. Er bräuch­te da­für nicht die Zu­stim­mung

der Kanz­le­rin oder des Ka­bi­netts.

Für Mer­kel und ih­re Ko­ali­ti­on wür­de dies aber fak­tisch das En­de der Re­gie­rung be­deu­ten. Die Kanz­le­rin könn­te, wenn sie den Al­lein­gang ver­hin­dern woll­te, See­ho­fer das Ver­trau­en ent­zie­hen und ihn als Mi­nis­ter ent­las­sen. Bei ei­nem Bruch zwi­schen den Uni­ons-par­tei­en hät­te die schwarz-ro­te Ko­ali­ti­on aber kei­nen Be­stand mehr.

Do­brindt sagt, die Csu-lan­des­grup­pe wol­le ih­re Po­si­ti­on nun am

Mon­tag in den Csu-par­tei­vor­stand tra­gen, um dort zu ei­ner Ent­schei­dung zu kom­men. Da­mit setzt er Mer­kel prak­tisch ein Ul­ti­ma­tum.

Viel­leicht muss man tat­säch­lich in die Ver­gan­gen­heit bli­cken, um die­se ein­zig­ar­ti­ge Zu­spit­zung zu be­grei­fen. Und zwar ins Jahr 2008. Da­mals bang­te die CSU wie heu­te um die ab­so­lu­te Mehr­heit in Bay­ern, die Wie­der­ein­füh­rung der Pend­ler­pau­scha­le soll­te die Wen­de im Wahl­kampf brin­gen. Doch es war An­ge­la Mer­kel, die sich quer­stell­te und erst ein Ver­fas­sungs­ge­richts­ur­teil ab­war­ten woll­te. Die ge­mein­sa­me Klau­sur­ta­gung mit der CDU da­mals in Er­ding wur­de zum Fi­as­ko.

Die CSU ist ei­ne Par­tei, die nie ver­gisst. Mar­kus Sö­der ist in die­sen Wo­chen viel in baye­ri­schen Bier­zel­ten un­ter­wegs. Und trifft da­bei im­mer wie­der Men­schen, die ihn zwar per­sön­lich super fin­den, aber dies­mal ihr Kreuz eben nicht bei der CSU ma­chen wol­len: „Weil ihr in Berlin die Mer­kel un­ter­stützt!“Es ist das, was Sö­der, See­ho­fer und Co. in die­sen Ta­gen um­treibt und ih­re Bra­chi­al­stra­te­gie auf der Ber­li­ner Büh­ne prägt. In ge­nau vier Mo­na­ten wird in Bay­ern ge­wählt.

Am Don­ners­tag­nach­mit­tag ge­hen die Schwes­ter­par­tei­en CDU und CSU in Berlin oh­ne Kom­pro­miss aus­ein­an­der. Bun­des­in­nen­mi­nis­ter See­ho­fer will nicht zu­rück­wei­chen, doch auch die Kanz­le­rin kann es nicht. Am Tag, an dem in Mos­kau die Fuß­ball-welt­meis­ter­schaft be­ginnt, wird in Berlin das End­spiel um die Macht in der Uni­on noch ein­mal ver­scho­ben. Ge­löst ist es des­halb noch nicht.

Mer­kel ge­gen See­ho­fer – die­ses Du­ell könn­te über Deutsch­lands Zu­kunft mit­ent­schei­den. Zwei gro­ße Po­li­ti­ker­kar­rie­ren, grund­ver­schie­den in ih­rem Ver­ständ­nis von Po­li­tik, die sich nun ge­gen­über­ste­hen und nicht wei­chen wol­len. Für See­ho­fer geht es um die Glaub­wür­dig­keit sei­ner Ver­spre­chen. Für Mer­kel um ih­re Au­to­ri­tät – und auch um ih­re Kanz­ler­schaft. Wür­de sie auf die Csu-li­nie ein­schwen­ken, wür­de sie ei­nen voll­stän­di­gen Au­to­ri­täts­ver­lust er­lei­den. In Mer­kels La­ger hof­fen die Stra­te­gen noch im­mer auf ei­nen Kom­pro­miss. Und wenn es ihn nicht gibt? „Das will ich mir gar nicht aus­den­ken“, heißt es un­ter ih­ren Un­ter­stüt­zern.

„Wie­der ein­mal zeigt sich, dass gro­ße Per­sön­lich­kei­ten über ei­nen Maul­wurfs­hü­gel stol­pern“, frot­zelt FDP-VI­ZE Wolf­gang Ku­bi­cki, „und nicht beim Be­stei­gen ei­nes gro­ßen Ber­ges.“Der FDP-MANN hat leicht re­den. Für die An­grif­fe auf die Bun­des­re­gie­rung muss­te er die­ses Mal nicht sor­gen. Da­für wa­ren die ei­ge­nen Rei­hen in­ner­halb der Uni­on zu­stän­dig. Das letz­te Ge­fecht dau­ert an.

FO­TO: DPA

Setzt auf die EU: Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel.

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Setzt auf die EU: Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel.

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