Auf­re­ger-ge­setz im Schat­ten der WM

Heu­te soll die Par­tei­en­fi­nan­zie­rung neu ge­re­gelt wer­den – hel­fen wird das vor al­lem SPD und Uni­on

Göttinger Tageblatt - - POLITIK - Von Georg Ismar

Berlin. Diet­mar Nie­t­an hat er­staun­lich gu­te Lau­ne so früh am Mor­gen, um 7.30 Uhr beim Früh­stück im Bun­des­tags­re­stau­rant. Der Schatz­meis­ter der SPD grü­belt seit Mo­na­ten über Spar­plä­ne. Al­lein die kom­pli­zier­te Re­gie­rungs­bil­dung mit Son­der­par­tei­ta­gen und dem SPDMit­glie­der­vo­tum hat rund 4 Mil­lio­nen Eu­ro ex­tra ge­kos­tet.

Noch so ein Son­der­par­tei­tag und Nie­t­an hät­te wohl in die Tisch­kan­te ge­bis­sen. Ihm feh­len we­gen des Ab­stur­zes auf 20,5 Pro­zent bei der Bun­des­tags­wahl auch noch jähr­lich 1,6 Mil­lio­nen aus der staat­li­chen Par­tei­en­fi­nan­zie­rung – die wich­tigs­te Ein­nah­me­quel­le der Par­tei.

Als Rhein­län­der kennt Nie­t­an das köl­sche Grund­ge­setz. Ar­ti­kel 3 lau­tet: „Et hätt noch im­mer jot je­jan­ge“(„Es ist noch im­mer gut ge­gan­gen“). Dass er vor­erst nicht ans Ta­fel­sil­ber ran­muss – die So­zia­lis­ten in Frank­reich muss­ten so­gar die Par­tei­zen­tra­le ver­kau­fen –, liegt auch am Ein­satz von Par­tei- und Frak­ti­ons­che­fin Andrea Nah­les.

Die hat in klei­ner Run­de mit ih­ren Ko­ali­ti­ons­kol­le­gen Vol­ker Kau­der (CDU) und Alex­an­der Do­brindt (CSU) be­schlos­sen, dass die Geld­sor­gen ge­lin­dert wer­den – auf Kos­ten der Steu­er­zah­ler. Die bei­den größ­ten Wahl­ver­lie­rer – Uni­on und SPD – wol­len die Par­tei­en­fi­nan­zie­rung aus­wei­ten. Von 165 Mil­lio­nen Höchst­gren­ze auf 190 Mil­lio­nen Eu­ro.

Da­von pro­fi­tie­ren auch die Op­po­si­ti­ons­par­tei­en, aber in der Sum­me be­son­ders Uni­on und SPD. Ein Auf­schlag um 15 Pro­zent sind die­se 25 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr mehr. Die Zu­wen­dun­gen rich­ten sich nach Wah­l­er­geb­nis­sen und an­tei­lig auch nach den selbst er­wirt­schaf­te­ten Mit­teln, et­wa Mit­glieds­bei­trä­gen, Spen­den und Zah­lun­gen der Man­dats­trä­ger. Zu­letzt wur­de die Höchst­gren­ze nicht ganz aus­ge­schöpft. Der durch­schnitt­li­che An­teil der staat­li­chen Zu­schüs­se an den Ein­nah­men ei­ner Par­tei lag 2017 bei fast 35 Pro­zent.

20 Par­tei­en be­ka­men Zu­schüs­se, von CDU bis Tier­schutz­par­tei, rund 110 Mil­lio­nen Eu­ro ent­fie­len auf Bun­des- und Lan­des­ebe­ne 2017 al­ler­dings auf CDU (48,3 Mil­lio­nen Eu­ro), CSU (11,8 Mil­lio­nen Eu­ro) und SPD (49,2 Mil­lio­nen Eu­ro).

Nie­t­an be­tont: „Es ist nicht so, dass uns das al­ler fi­nan­zi­el­len Pro­ble­me ent­le­digt.“Ge­spart wer­den muss trotz­dem, zum Bei­spiel könn­ten Par­tei­ta­ge et­was spar­ta­ni­scher aus­fal­len. „Wir wol­len mit In­hal­ten über­zeu­gen statt mit tol­ler Tech­nik und schö­nen Bil­dern.“Nie­t­an be­rich­tet, dass er ei­nen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag seit 2013 al­lein in die Di­gi­ta­li­sie­rung ge­steckt ha­be.

Be­grün­det wird die Re­kord­er­hö­hung der Zu­schüs­se von Uni­on und SPD denn auch pri­mär mit ge­stie­ge­nen Aus­ga­ben für so­zia­le Me­di­en – die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Ka­nä­len wie Face­book, Twit­ter und Youtu­be ist viel auf­wen­di­ger ge­wor­den, zu­dem stei­gen Aus­ga­ben zum Schutz ge­gen Ha­cker­an­grif­fe.

Und: In Zei­ten, in de­nen die De­mo­kra­tie un­ter Druck ge­rät, ist ei­ne ver­nünf­ti­ge, weit­ge­hend un­ab­hän­gi­ge Aus­stat­tung der Par­tei­en wich­tig, es ist ein an­de­res Fi­nan­zie­rungs­sys­tem als in den USA, wo Mil­lio­nä­re mit Spen­den mas­siv die Po­li­tik be­ein­flus­sen. Aus dem Cdu-vor­stand heißt es, oh­ne mehr Mit­tel wer­de auch die Ver­an­ke­rung in der Flä­che mit ei­ge­nen Ge­schäfts­stel­len schwie­ri­ger, da man mehr Haupt­amt­li­che be­zah­len muss, Eh­ren­amt­li­che wer­den we­ni­ger.

Aber sel­ten ist ein nicht drin­gend not­wen­di­ges Ge­setz mit so viel Tem­po durch den Bun­des­tag ge­peitscht wor­den. Ver­gan­ge­ne Wo­che wur­de das von FDP, AFD, Lin­ken und Grü­nen scharf kri­ti­sier­te Hau­ruck-vor­ha­ben pu­blik und in den Bun­des­tag ein­ge­bracht – ge­ra­de mal ei­ne Wo­che spä­ter soll es nun am Frei­tag be­schlos­sen wer­den. Die Lin­ke prüft be­reits ei­ne Nor­men­kon­troll­kla­ge da­ge­gen.

Soll im Schat­ten der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft das Pro­jekt zü­gig durch­ge­zo­gen wer­den? Der Zeit­plan ist je­den­falls auch des­halb so eng ge­tak­tet, weil bis An­fang Ju­li der Haus­halt ver­ab­schie­det wer­den soll, das ab An­fang 2019 ge­plan­te Plus für die Par­tei­en muss noch ein­ge­preist wer­den.

FO­TO: IMAGO

Der Bun­des­tag will heu­te über die Par­tei­en­fi­nan­zie­rung ent­schei­den – am En­de sol­len al­le Par­tei­en mehr Geld be­kom­men.

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