Wei­che Tö­ne

Göttinger Tageblatt - - WIRTSCHAFT & BÖRSE -

Der Ba­lan­ce­akt scheint ge­glückt. Als die Be­schlüs­se des EZB-RATS mit­tags ver­öf­fent­licht wur­den, fiel au­gen­blick­lich der Eu­ro-wert, und die Ak­ti­en­kur­se stie­gen. Das an­ge­kün­dig­te En­de der An­lei­he­käu­fe war das drin­gend nö­ti­ge Si­gnal der Nor­ma­li­sie­rung. Aber be­vor je­mand glau­ben konn­te, dass es da­mit zü­gig vor­an­ge­hen wird, schlug Ma­rio Draghi in der an­schlie­ßen­den Pres­se­kon­fe­renz die wei­chen Tö­ne an: Nach­fra­gen zu Zins­er­hö­hun­gen bit­te in ei­nem Jahr. Da re­agier­ten die An­le­ger be­ru­higt, die Draghi of­fen­bar – war­um auch im­mer – schär­fe­re Tö­ne zu­ge­traut hat­ten. Den Dax zog die EZB da­mit sou­ve­rän über 13 000 Punk­te, den Eu­ro hin­ter­ließ sie deut­lich schwä­cher bei gut 1,16 Dol­lar. Die Zer­falls­er­schei­nun­gen der Ber­li­ner Re­gie­rung schei­nen die Märk­te vor­erst nicht zu be­schäf­ti­gen. Bis zur Ezb-mit­tei­lung herrsch­te je­den­falls ge­spann­te Stil­le. Im Han­dels­streit mit den USA hat die EU nun ih­re Ver­gel­tungs­z­öl­le be­schlos­sen, was of­fen­bar zu­min­dest ei­ni­ge USAn­le­ger be­ein­druck­te: Der Dow Jo­nes rutsch­te nach ei­nem gu­ten Start leicht ins Mi­nus.

Die EZB macht Ge­win­ner und Ver­lie­rer. Un­term Strich fährt sie trotz der Kurs­kor­rek­tu­ren wei­ter ei­ne sehr ex­pan­si­ve Geld­po­li­tik. So la­gen im Dax die bei­den Ener­gie­kon­zer­ne vorn, de­nen we­gen ih­res ka­pi­tal­in­ten­si­ven Ge­schäfts nied­ri­ge Zin­sen be­son­ders hel­fen. Auf der an­de­ren Sei­te war die Com­merz­bank der größ­te der we­ni­gen Ver­lie­rer – Bank ver­trägt sich eben nicht so gut mit Null­zins. Die Deut­sche Bank hielt sich fast un­ver­än­dert bei 9,66 Eu­ro.

Air­bus steht im Stau. We­gen der hart­nä­cki­gen Trieb­werks­pro­ble­me ver­stop­fen flug­un­fä­hi­ge Ma­schi­nen die Park­flä­chen in Fin­ken­wer­der. Des­halb wird die ges­tern er­öff­ne­te vier­te Fer­ti­gungs­li­nie für den A320 im Mo­ment wohl nicht gar so drin­gend ge­braucht. Dass der Kurs im M-dax um mehr als 4 Pro­zent stieg, dürf­te eher der mas­si­ven Eu­ro-schwä­che zu­zu­schrei­ben sein. Für ei­nen Kon­zern, der prak­tisch al­les in Dol­lar ver­kauft, ist die zwei­te Stel­le hin­ter dem Kom­ma beim Wech­sel­kurs kei­ne Klei­nig­keit.

Selbst VW war bei den Ge­win­nern. Mor­gens sah es nicht da­nach aus, da stan­den die An­le­ger wohl noch un­ter dem Ein­druck der Mil­li­ar­den­bu­ße vom Vor­tag. An­de­rer­seits: Man ge­wöhnt sich dran, und es ist wie­der ei­ne Bau­stel­le ge­schlos­sen. Um mehr als 2 Pro­zent stieg der Kurs.

Bei ei­ner Ge­winn­war­nung hilft auch die EZB nicht. Cro­pener­gies lei­det un­ter fal­len­den Et­ha­nol­prei­sen und muss die Pro­gno­sen für Um­satz und Er­geb­nis sen­ken. Die Bio­sprit­toch­ter des Süd­zu­cker-kon­zerns ver­lor mehr als 13 Pro­zent an Wert. Der Mut­ter­kon­zern kam mit sta­bi­lem Kurs da­von.

FO­TO: DPA

Die Blo­cka­de scheint auf­ge­löst. Frank­reichs Par­la­ment hat die Re­form der Staats­bahn SNCF mit gro­ßer Mehr­heit be­schlos­sen. Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron hat da­mit ein Schlüs­sel­pro­jekt ge­gen hef­ti­gen – und wei­ter an­hal­ten­den – Wi­der­stand der Ge­werk­schaf­ten...

WIRTSCHAFTSREDAKTION

Ste­fan Win­ter

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