Ein Mus­ter mit Wert

Ver­brau­cher sol­len mit neu­en Kla­ge­mög­lich­kei­ten leich­ter zu ih­rem Recht kom­men

Göttinger Tageblatt - - WIRTSCHAFT - Von Christiane Jacke und Ste­fan Win­ter

Berlin. Vie­le ge­täusch­te VW­Kun­den ha­ben dar­auf ge­war­tet: Ver­brau­cher sol­len künf­tig durch Mus­ter­pro­zes­se ge­gen Un­ter­neh­men ein­fa­cher zu ih­rem Recht kom­men. Der Bun­des­tag be­schloss am Don­ners­tag die Ein­füh­rung der so­ge­nann­ten Mus­ter­fest­stel­lungs­kla­ge, bei der Ver­bän­de Ver­brau­cher­kla­gen durch­fech­ten kön­nen.

■ Wel­ches Ziel hat das Ge­setz? Bis­her muss in Deutsch­land je­der Ge­schä­dig­te ein­zeln kla­gen. In den USA gibt es schon lan­ge die so­ge­nann­te Sam­mel­kla­ge, bei der das Er­geb­nis ei­nes Pro­zes­ses für al­le Ge­schä­dig­ten gilt. Das neue Ge­setz sucht ei­nen Mit­tel­weg, um Kla­gen für Ver­brau­cher ein­fa­cher und bil­li­ger zu ma­chen.

■ Wer darf kla­gen? Mus­ter­fest­stel­lungs­kla­gen dür- fen künf­tig Ver­brau­cher­schutz­ver­bän­de ein­rei­chen, die seit min­des­tens vier Jah­ren auf der Lis­te je­ner Ver­bän­de ste­hen, die be­reits heu­te Un­ter­las­sungs­kla­gen ein­rei­chen dür­fen. Au­ßer­dem müs­sen sie un­ter an­de­rem min­des­tens 350 Mit­glie­der ha­ben.

■ Wie funk­tio­nie­ren die Kla­gen? In ei­nem ers­ten Schritt muss der Ver­band die Fäl­le von zehn Be­trof­fe­nen auf­ar­bei­ten und auf die­ser Ba­sis ei­ne Kla­ge ein­rei­chen. Hält das Ge­richt die­se Mus­ter­kla­ge für zu­läs­sig, wird sie öf­fent­lich be­kannt ge­macht und ein Kla­ge­re­gis­ter beim Bun­des­amt für Jus­tiz er­öff­net. Dort kön­nen sich wei­te­re Be­trof­fe­ne mel­den.

In­ner­halb von zwei Mo­na­ten müs­sen min­des­tens 50 Men­schen re­gis­triert sein. Kom­men nicht ge­nug Be­trof­fe­ne zu­sam­men, schei­tert die Mus­ter­kla­ge. En­det das Ver­fah­ren mit ei­nem Ur­teil, müs­sen Be­trof­fe­ne ih­re An­sprü­kommt: che in ei­ner an­schlie­ßen­den in­di­vi­du­el­len Kla­ge gel­tend ma­chen.

Das ist dank der „Vor­ar­beit“zwar leich­ter, als den ge­sam­ten Fall al­lein durch­zu­fech­ten. We­sent­lich be­que­mer für Ver­brau­cher ist es aber, wenn es in dem Ver­fah­ren zu ei­nem Ver­gleich Der gilt oh­ne wei­te­ren Pro­zess für al­le, die sich im Kla­ge­re­gis­ter an­ge­mel­det ha­ben.

■ Geht es nur um VW?

Nein, ge­dacht sind sol­che Mus­ter­pro­zes­se für al­le Fäl­le, in de­nen Ver­brau­cher auf glei­che Wei­se Scha­den er­lei­den – zum Bei­spiel bei un­er­laub­ten Strom­preis­er­hö­hun­gen, un­zu­läs­si­gen Bank­ge­büh­ren oder un­gül­ti­gen Ver­si­che­rungs­ver­trä­gen.

Der Fall VW hat die Ein­füh­rung aber be­schleu­nigt, weil er die Gren­zen des al­ten Sys­tems zeigt: Tau­sen­de Au­to­käu­fer kla­gen ein­zeln we­gen ma­ni­pu­lier­ter Mo­tor­soft­ware auf Scha­dens­er­satz, sie müs­sen aber als ge­trenn­te Ver­fah­ren ab­ge­ar­bei­tet wer­den.

Weil An­sprü­che aus dem Ab­gas­skan­dal En­de 2018 ver­jäh­ren, soll das Ge­setz nun zum 1. No­vem­ber in Kraft tre­ten. Di­ver­se Ver­bän­de ste­hen schon in den Start­lö­chern. ■ Was sa­gen Ex­per­ten?

Die „Ei­ne-für-al­le-kla­ge“er­mög­li­che es Ver­brau­chern, schnell und oh­ne Kos­ten­ri­si­ko zu ih­rem Geld zu kom­men, sagt Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley (SPD). Klaus Müller vom Bun­des­ver­band der Ver­brau­cher­zen­tra­len in Berlin spricht von ei­nem „Mei­len­stein“.

Die Op­po­si­ti­on im Bun­des­tag kri­ti­siert hin­ge­gen, dass die Ko­ali­ti­on das Ge­setz im Eil­tem­po und mit hand­werk­li­chen Män­geln durch­ge­peitscht ha­be. Das Pro­ze­de­re sei zu kom­pli­ziert, die An­mel­de­fris­ten beim Kla­ge­re­gis­ter sei­en zu kurz, und die An­schluss­kla­ge für Ver­brau­cher sei un­prak­ti­ka­bel.

Der Deut­sche An­walt­ver­ein warnt, dass es ei­nen Wett­lauf kla­ge­be­fug­ter Ver­bän­de ge­ben wer­de. Die Deut­sche Um­welt­hil­fe wie­der­um, die nicht die Vor­aus­set­zun­gen für Mus­ter­kla­gen er­füllt, spricht von ei­nem „Kla­ge­ver­hin­de­rungs­ge­setz“.

FO­TO: DPA

Ers­te Ver­su­che: Im Vw-ver­fah­ren reich­ten An­wäl­te Tau­sen­de Kla­gen ein – die aber ein­zeln ab­ge­ar­bei­tet wer­den müs­sen.

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