Pe­ter Holtz: Sein glück­li­ches Le­ben er­zählt von ihm selbst

Göttinger Tageblatt - - KULTUR - In dem Pe­ter und Ol­ga ei­nen Ka­putt­ma­cher tref­fen. VON IN­GO SCHUL­ZE SIEBENTES KA­PI­TEL

Es ist schon nach ein­und­zwan­zig Uhr, als Ol­ga und ich im Stadt­teil Pie­schen in ei­ner Hof­durch­fahrt war­ten, in de­ren Bo­den zwei Stahl­schie­nen für Fahr­zeu­ge ein­ge­las­sen sind. Links geht es über ein paar Stu­fen zu ei­ner Me­tall­tür hin­auf. Ol­ga klopft zum drit­ten Mal, was fast nicht zu hö­ren ist, ei­ne Klin­gel exis­tiert nicht.

Im nächs­ten Mo­ment schon sind wir ge­blen­det, als hät­te das Licht selbst die Tür ge­sprengt. Was ich dann zu­erst er­ken­ne, ist die Sil­hou­et­te ei­nes Men­schen. Ein kahl­köp­fi­ger Mann steht vor uns. Er ist ge­klei­det wie ein Di­ri­gent.

»Da sind wir«, sagt Ol­ga, weil sich der Mann nicht rührt. Als wä­re das die Pa­ro­le ge­we­sen, macht er ei­nen Die­ner, noch viel tie­fer als die Be­diens­te­ten der Ba­ro­nes­se, tritt zu­rück und lässt uns ein. Sein Ge­sicht wirkt wäch­sern. Nur sei­ne Na­sen­flü­gel be­ben.

Der Vor­raum ist grell er­leuch­tet, die Wän­de und die Stuck­de­cke sind weiß ge­stri­chen. Al­lein das Par­kett ist stumpf und fast schwarz vor Dreck. Es riecht ölig. Der kahl­köp­fi­ge Herr nimmt Ol­ga den Man­tel ab. Weil ich nicht schnell ge­nug bin, hilft er auch mir aus dem Ano­rak. Die Gar­de­ro­be ist über­füllt, un­se­re Sa­chen ver­schwin­den zwi­schen de­nen der an­de­ren. Ich er­schre­cke. Et­was zer­split­tert hin­ter der Saal­tür – Joh­len, Ge­läch­ter, Ap­plaus.

»Was ist das?«, fragt Ol­ga.

Statt zu ant­wor­ten, geht er auf die Saal­tür zu und öff­net ei­nen Flü­gel.

»Und die Gar­de­ro­ben­mar­ken?«, fra­ge ich. Doch Ol­ga strebt be­reits vor­an.

Der Raum ist groß und hoch wie ei­ne Fa­b­rik­hal­le. Die vie­len Gäs­te, die in klei­nen Grup­pen zu­sam­men­ste­hen, ver­lie­ren sich da­rin. Es riecht nach Zi­ga­ret­ten und war­mem Es­sen. Nie­mand be­ach­tet uns.

Die Fens­ter­grif­fe sind ab­ge­schraubt und nur mit ei­nem Vier­kant zu öff­nen. Al­le sind be­tont fest­lich ge­klei­det. Selbst Ol­ga fällt da­ge­gen ab. Ich kom­me mir vor wie der Be­triebs­klemp­ner.

Die Ein­rich­tung hin­ge­gen ist lieb­los, als stün­de al­les am fal­schen Ort. Alt sind die Mö­bel nicht, auch wenn den Stüh­len und Ses­seln, den Nacht­schränk­chen, Re­ga­len und Lie­gen ihr Ge­brauch an­zu­se­hen ist. Sie wir­ken her­ren­los. Die Fä­cher der Schrank­wand sind leer. »Kennst du je­man­den?«, fra­ge ich. »An­geb­lich soll die gan­ze Ban­de da sein und die­ser Wol­kow auch.«

Sei­net­we­gen sind wir hier. Herr Wol­kow will ein Bild kau­fen, das er bei Ot­to Gärt­ner ge­se­hen hat und das Ol­ga ge­hört.

»Wor­über habt ihr ei­gent­lich ge­spro­chen, Su­san­ne und du?«, fragt Ol­ga.

»Ich hab ihr von Wolf­gang er­zählt und den Na­mi­bi­ern, die sie wie­der zu­rück­ge­schickt ha­ben. Su­san­ne meint, wenn es die so­zia­lis­ti­sche Staa­ten­ge­mein­schaft noch gä­be, wür­den sie in Süd­afri­ka und Na­mi­bia die Berg­wer­ke ent­eig­nen und na­tio­na­li­sie­ren.«

»Ich glaub, die bei­den hät­ten am liebs­ten die Mau­er zu­rück«, sagt Ol­ga.

Ein ha­ge­rer Mann in un­se­rem Al­ter, der braun­wei­ße, spitz zu­lau­fen­de Schu­he trägt, stol­ziert von Grup­pe zu Grup­pe. Er lacht viel da­bei und ver­steht es, die an­de­ren wie zu­fäl­lig zu be­rüh­ren. Als er auf uns zu­kommt, hat er noch das La­chen des vo­ri­gen Ge­sprächs im Ge­sicht.

»Darf ich Sie bit­ten, Ol­ga.« Er bie­tet ihr sei­nen Arm an und macht ei­nen Schritt in der Ge­wiss­heit, sie fol­ge ihm. Ol­ga dreht sich weg, als fürch­te­te sie sei­ne Be­rüh­rung.

»Fol­gen Sie mir, bit­te«, sagt er in ver­bind­li­chem Ton­fall und geht da­von. »Wo­her kennt der dich?«

»Ein rich­ti­ges Gru­sel­ka­bi­nett das«, sagt Ol­ga.

Wir se­hen nur noch Rü­cken, die Ge­sprä­che ver­eb­ben. Plötz­lich geht wie­der et­was in die Brü­che, Ge­läch­ter, Joh­len, Ap­plaus.

»Wis­sen Sie, ob Herr Wol­kow hier ist?«, fragt Ol­ga ei­ne Frau, die an uns vor­über­geht. Sie bleibt ab­rupt ste­hen und sieht uns an. ist

»Ich su­che Herrn Wol­kow«, wie­der­holt Ol­ga.

»Was ist mit Wol­kow?«

»Ich wür­de ihn gern spre­chen.« »Dann tun Sie es doch!«

»Er ist hier?«

»Mein Kind, wir sind in sei­nem Haus, da wird er wohl an­we­send sein«, er­wi­dert die Frau und setzt ih­ren Weg zur Tür fort.

Im sel­ben Mo­ment stre­ben na­he­zu im Gleich­schritt drei Män­ner auf Ol­ga zu – Ka­zi­mir, Martin und ei­ner, den ich nicht ken­ne, ih­re Ma­ler­ban­de. Sie um­ar­men Ol­ga, zwei­mal wird sie da­bei ein paar Zen­ti­me­ter hoch­ge­ho­ben.

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