Das Haus, in dem Hass kei­nen Zu­tritt hat­te

Das Fridtjof-nan­sen-haus in Göt­tin­gen – Treff­punkt drei­er Men­schen, die sich nach dem Zwei­ten Welt­krieg der Völ­ker­ver­stän­di­gung ge­wid­met ha­ben: Odd Nan­sen, Tho­mas Bu­er­gen­thal und Olav Brenn­hovd

Göttinger Tageblatt - - THEMA DES TAGES - Von Sven Grü­ne­wald

Göt­tin­gen. Wäh­rend an Nan­sen das gleich­na­mi­ge Haus er­in­nert und 2008 das Ge­bäu­de der Stadt­bi­blio­thek zum Bu­er­gen­thal-haus wur­de, ist von Brenn­hovd nur ein Eck in Nord-ween­de ge­blie­ben. Da­bei hat Brenn­hovd mit dem Nan­sen-haus 1948 ein Zei­chen der Völ­ker­ver­stän­di­gung ge­setzt, das von Göt­tin­gen welt­weit aus­ge­strahlt hat.

Nach dem Aus­zug des Goe­the-in­sti­tuts aus dem Nan­sen-haus in der Mer­kel­stra­ße stellt sich der­zeit ei­ne Fra­ge, die Göt­tin­gen vor ge­nau 70 Jah­ren schon ein­mal in­ten­siv be­schäf­tigt hat: Was wird aus der ehe­ma­li­gen Le­vinschen Vil­la? Heu­te je­doch mit ganz an­de­rem Vor­zei­chen. Wäh­rend das Ge­bäu­de zum Kriegs­en­de die letz­te Na­zi-zen­tra­le der Stadt be­her­bergt hat­te, geht es heu­te dar­um, was man mit dem geis­ti­gen Er­be an­fängt, wel­ches das Ge­bäu­de seit 1948 an­ge­sam­melt hat.

Die­ses Er­be hat ei­nen Na­men: Völ­ker­ver­stän­di­gung und, wenn man sich die Bio­gra­fi­en und das Wir­ken von Brenn­hovd, Nan­sen und Bu­er­gen­thal an­schaut, auch Hil­fe für die Hilf­lo­sen. Al­le drei ha­ben das KZ- und Haft­re­gime der Na­zis mit Fol­ter, Hun­ger und Er­nied­ri­gung über­lebt, doch statt ver­bit­tert nach Ge­nug­tu­ung zu su­chen, ha­ben sie das Ge­gen­teil ge­tan und sich für den Dia­log ein­ge­setzt, der sie in Göt­tin­gen zu­sam­men­brach­te.

Odd Nan­sen war der Sohn des nor­we­gi­schen „Na­tio­nal­hei­li­gen“Fridtjof Nan­sen, Po­lar­for­scher, ers­ter Hoch­kom­mis­sar für Flücht­lings­fra­gen des nach dem Ers­ten Welt­krieg ge­grün­de­ten Völ­ker­bunds. Sein Sohn Odd grün­de­te 1936 die Nan­sen­hil­fe für Flücht­lin­ge und Staa­ten­lo­se und wirk­te 1946 bei der Grün­dung des Kin­der­hilfs­werks der UNO, Unicef, mit.

Nor­we­gen wur­de 1940 von den Na­zis be­setzt, 1942 wur­de Odd Nan­sen ver­haf­tet und schließ­lich nach Deutsch­land ins KZ de­por­tiert. Als die ro­te Ar­mee sich Au­schwitz nä­her­te, wur­den die In­haf­tier­ten auf To­des­mär­schen gen Wes­ten ge­trie­ben. Auf die­sem Marsch war es Odd Nan­sen, der sich des da­mals zehn­jäh­ri­gen Tho­mas Bu­er­gen­thal an­nahm. Des­sen Va­ter war in Au­schwitz ver­gast wor­den, die Mut­ter in ein an­de­res KZ ver­schleppt.

1947 hau­te Bu­er­gen­thal aus ei­nem pol­ni­schen Wai­sen­haus ab und ging nach Göt­tin­gen, weil die Groß­mut­ter hier ge­lebt hat­te und weil sei­ne Mut­ter und er ver­ein­bart hat­ten, dass, soll­ten sie ge­trennt wer­den, sie sich in Göt­tin­gen wie­der­tref­fen soll­ten. Tat­säch­lich – die Mut­ter war hier. Hier fand auch Odd Nan­sen sei­nen „Tom­my“wie­der – und schick­te zwei nor­we­gi­sche Sol­da­ten mit ei­ner gro­ßen Kis­te Le­bens­mit­tel und ei­nem Gruß vor­bei.

Olav Brenn­hovd hat­te ein ähn­li­ches Schick­sal wie Odd Nan­sen. Auch er war Nor­we­ger, ge­bo­ren 1912, stu­dier­te Theo­lo­gie, teil­wei­se auch in Deutsch­land. Nach der Be­set­zung Nor­we­gens wur­de er ei­ner der drei füh­ren­den Köp­fe des Wi­der­stands. Er half vie­len Ju­den, An­ders­den­ken­den, Ver­folg­ten da­bei, über die Gren­ze ins neu­tra­le Schwe­den zu ent­kom­men – dar­un­ter auch der spä­te­re Bun­des­kanz­ler Wil­ly Brandt. Brenn­hovd wur­de bei ei­nem die­ser Grenz­gän­ge ge­fasst, dann ver­hört, ge­fol­tert. Zwölf­mal, so schreibt Brenn­hovd, muss­te man ihn ohn­mäch­tig aus dem Ver­hör­saal tra­gen.

„Der Mann hat ei­nen un­wahr­schein­lich star­ken Glau­ben be­ses­sen“, er­klärt Hel­ga-ma­ria Kühn. Sie war von 1974 bis 1996 Lei­te­rin des Göt­tin­ger Stadt­ar­chivs und ar­bei­tet der­zeit an ei­ner Bio­gra­fie über Olav Brenn­hovd.

Nach den Ver­hö­ren soll­te er zum To­de ver­ur­teilt wer­den. „Auf den Vor­wurf, er wür­de die Deut­schen has­sen, soll Brenn­hovd ge­ant­wor­tet ha­ben: Ich kann nicht has­sen. Ich ver­eh­re Deutsch­land als das Land von Goe­the, Schil­ler und Bach. Aber ich lie­be mein Va­ter­land, so wie Sie Ih­res lie­ben. Mei­ne Lie­be muss sich so aus­drü­cken. Wir weh­ren uns ge­gen ei­ne Be­sat­zung, nicht ge­gen Deutsch­land. Das hat den Staats­an­walt of­fen­bar sehr be­ein­druckt“, sagt Kühn. Brenn­hovd je­den­falls wur­de zu acht Jah­ren Zucht­haus „be­gna­digt“und kam nach Bran­den­burg.

Im dor­ti­gen Zucht­haus be­gann er sei­ne heim­li­chen Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen, in­dem er die Stich­wor­te in ei­ne Aus­ga­be des Neu­en Tes­ta­ments

Hel­ga-ma­ria Kühn Hel­ga-ma­ria Kühn, 1974 bis 1996 Lei­te­rin des Göt­tin­ger Stadt­ar­chivs

hin­ein­krit­zel­te, die er im­mer bei sich trug. „Ha­be heu­te 16-mal das Fall­beil ge­hört. 16 Freun­de ver­lo­ren. Je­der Schlag ein to­ter Mensch. Ich bin fast ver­rückt ge­wor­den“, schrieb Brenn­hovd. Der 1,90 Me­ter gro­ße Nor­we­ger, mit 85 Ki­lo Ge­wicht ein­ge­lie­fert, ver­ließ das Zucht­haus in den letz­ten Kriegs­ta­gen mit 45 Ki­lo, ge­ret­tet wie an­de­re auch vom Schwe­di­schen Ro­ten Kreuz, das ihn nach Schwe­den brach­te.

Zu­rück in Nor­we­gen hielt es ihn dort nicht lan­ge, sei­ne Ehe zer­brach, und er ging als Seel­sor­ger in ei­nem Ge­fan­ge­nen­la­ger für Deut­sche. „Für sei­ne Idee: Ich kann nicht has­sen“, be­schreibt es Hel­ga-ma­ria Kühn. Bald wur­de er vom Schwe­di­schen Ro­ten Kreuz ge­be­ten, in Deutsch­land ei­ne nach­hal­ti­ge Struk­tur der Ver­stän­di­gung auf­zu­bau­en. So kam Brenn­hovd 1948 nach Göt­tin­gen und grün­de­te zu­sam­men mit ei­ni­gen pro­gres­si­ven Pro­fes­so­ren der Uni­ver­si­tät die Ge­sell­schaft in­ter­na­tio­na­ler Stu­den­ten­freun­de, die Trä­ge­rin des spä­te­ren Nan­sen­hau­ses.

Die ers­ten Stu­den­ten ka­men aus den west­li­chen Län­dern und sie al­le pack­ten mit an, um die stark sa­nie­rungs­be­dürf­ti­ge Le­vin­sche Vil­la wie­der wohn­lich zu ma­chen. Bau­schutt wur­de raus­ge­karrt, Fens­ter ein­ge­baut. Brenn­hovd selbst war welt­weit, vor­ran­gig je­doch in den USA un­ter­wegs, um Spen­den ein­zu­sam­meln und den Be­trieb des Hau­ses da­durch auf­recht­zu­er­hal­ten. Zu­sätz­li­che Hil­fe kam vom Schwe­di­schen Ro­ten Kreuz, und auch die Stadt be­zu­schuss­te das Haus. Ob­wohl es zeit­wei­se ein har­tes Un­ter­fan­gen war – Brenn­hovd schaff­te es, sei­ne Idee am Lau­fen zu hal­ten.

Hier tra­fen denn auch An­fang der 50er-jah­re Olav Brenn­hovd, Odd Nan­sen und der jun­ge Tho­mas Bu­er­gen­thal zu­sam­men. „Bu­er­gen­thal sag­te von sich da­mals: Ich hät­te mich am liebs­ten mit ei­nem Schnell­feu­er­ge­wehr auf den Bal­kon ge­stellt und al­le Deut­schen ab­ge­schos­sen. So war er ge­stimmt“, sagt Hel­ga-ma­ria Kühn. Doch das Tref­fen mit Nan­sen und Brenn­hovd schien bei ihm ei­nen nach­hal­ti­gen Sin­nes­wan­del zu be­wir­ken.

Auch Bu­er­gen­thal mach­te sich die Idee der an­de­ren bei­den zu ei­gen: Nächs­ten­lie­be ist Re­al­po­li­tik – ein Mot­to, das Fridtjof Nan­sen ge­prägt hat­te. Er ging in die USA, wur­de Ju­rist und brach­te es bis zum Rich­ter am In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof in Den Haag. Brenn­hovd hielt es auch nur be­dingt in Göt­tin­gen – er reis­te mit sei­nen Stu­den­ten viel, auch durch den Ost­block und er­warb sich dort An­er­ken­nung für sei­ne Ar­beit.

De­ren Kern blieb je­doch das Nan­sen-haus. Hier woll­te er Stu­den­ten al­ler Na­tio­nen zu­sam­men­füh­ren, männ­lich, weib­lich, oh­ne Be­rück­sich­ti­gung von Haut­far­be oder Kon­fes­si­on; er woll­te die geis­ti­ge Eli­te wie­der auf­bau­en und ge­sell­schafts­po­li­ti­sche The­men dis­ku­tie­ren las­sen.

„Er hat ver­sucht, Brü­cken zu bau­en und Freund­schaf­ten zu schaf­fen“, sagt Hel­ga-ma­ria Kühn, die die­sen of­fe­nen Geist des „Ver­söh­nungs­hau­ses“selbst er­lebt hat, als sie 1955 im Rah­men ei­ner His­to­ri­ker-de­le­ga­ti­on aus Leip­zig für ein paar Ta­ge im Nan­sen-haus wohn­te. „Ich ha­be die Per­son Brenn­hovd nicht mehr vor Au­gen, aber wir ha­ben sehr viel dis­ku­tiert. Das Nan­sen-haus war für mich wie ei­ne Öff­nung in ei­ne an­de­re Welt, die für Men­schen aus al­ler Welt of­fen war.“

1972 war Schluss, Brenn­hovd ging in den Ru­he­stand und in die Schweiz, das Goe­the-in­sti­tut zog in das Nan­sen­haus ein. Die Ge­sell­schaft in­ter­na­tio­na­ler Stu­den­ten­freu­de lös­te sich bald da­nach auf. Ih­re Ur­sprungs­idee war Wirk­lich­keit, die Welt of­fe­ner, in­ter­na­tio­na­ler Aus­tausch selbst­ver­ständ­li­cher ge­wor­den. Und doch: „Ver­söh­nung und En­ga­ge­ment für Ver­folg­te: Das kann man nicht hoch ge­nug schät­zen, wenn man sieht, wie viel Hass ge­ra­de auch heu­te wie­der ge­gen Flücht­lin­ge ent­steht“, sagt Hel­ga-ma­ria Kühn.

Die Ar­beit an der Brenn­hovd-bio­gra­fie sieht sie als ih­ren Bei­trag ge­gen das Ver­ges­sen. „Dass wir die Auf­ga­be der drei Män­ner als Ansporn neh­men, dass sich Göt­tin­gen nicht nur freund­lich er­in­nert, son­dern es auch als Ver­pflich­tung an­sieht. Und da­mit jun­ge Men­schen ler­nen, dass wir auf zwei Bei­nen ste­hen: dem lus­ti­gen und dem der Ver­gan­gen­heit. Wir kön­nen nur lau­fen, wenn wir bei­de nut­zen.“

Tau­zie­hen um ein Haus – 1948

Wie konn­te es nur sein, dass die frisch ge­grün­de­te, oh­ne Fi­nanz­mit­tel und si­che­re Fi­nan­zie­rung da­her­kom­men­de Ge­sell­schaft in­ter­na­tio­na­ler Stu­den­ten­freun­de den Zu­schlag der Stadt Göt­tin­gen für die da­mals noch Le­vin­sche Vil­la, das teu­ers­te Ge­bäu­de der Stadt, er­hal­ten hat­te? Das war der Te­nor ei­nes Zei­tungs­ar­ti­kels aus dem Jahr 1948, in wel­chem der Au­tor un­ter der Über­schrift „Tau­zie­hen um ein Haus“sei­ner Ver­wun­de­rung dar­über Aus­druck ver­lieh, dass die viel fi­nanz­kräf­ti­ge­re Film­auf­bau das Nach­se­hen hat­te.

„Die Über­win­dung des so un­sag­bar ge­fähr­li­chen Na­tio­na­lis­mus“und das Ziel der Völ­ker­ver­söh­nung, de­nen sich die Stu­den­ten­freun­de ver­schrie­ben hät­ten, sei ja durch­aus löb­lich, aber es gä­be doch kein – in heu­ti­gen Wor­ten – trag­fä­hi­ges Fi­nan­zie­rungs­kon­zept, nur Ver­spre­chun­gen, dass das al­les mit Spen­den schon ir­gend­wie wer­den wür­de. Dem ge­gen­über sei die Film­auf­bau ein ech­ter und so drin­gend be­nö­tig­ter Wirt­schafts­fak­tor, der ja schließ­lich auch im Kul­tur­be­reich tä­tig sei. Für die Stu­den­ten­freun­de lie­ße sich doch auch et­was Klei­ne­res fin­den.

Dis­kus­sio­nen und Ar­gu­men­te, die ei­nem heu­te noch sehr ver­traut sind. 70 Jah­re sind seit­dem ver­gan­gen, das Nan­sen-haus konn­te sei­ne fi­nan­zi­el­le Über­le­bens­fä­hig­keit be­wei­sen – auch und vor al­lem dank der Tat­kraft sei­nes mu­ti­gen Grün­ders, Olav Brenn­hovd.

Der Mann hat ei­nen un­wahr­schein­lich star­ken Glau­ben be­ses­sen.

Er hat ver­sucht, Brü­cken zu bau­en und Freund­schaf­ten zu schaf­fen.

FO­TOS: R

Olav Brenn­hovd, Grün­der des Nan­sen-hau­ses, war mit sei­nen Stu­den­ten viel in Eu­ro­pa un­ter­wegs, um sich für Völ­ker­ver­stän­di­gung ein­zu­set­zen. Da­mit war er gleich­zei­tig und in­di­rekt auch ein Bot­schaf­ter der Stadt Göt­tin­gen.

Olav Brenn­hovd lieb­te es, zu dis­ku­tie­ren. Hier ei­ne Auf­nah­me aus dem Jahr 1965.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.