Als Ja­son Vo­ron al­les ver­lor

Göttinger Tageblatt - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Ste­fan Koch und Kris­ti­an Teetz

Es war der Ab­sturz der ame­ri­ka­ni­schen Mit­tel­klas­se und die St­un­de null der Po­pu­lis­ten: Vor zehn Jah­ren stürz­te die Plei­te der Us-bank Leh­man Bro­thers die Fi­nanz­welt ins Cha­os. Bis heu­te prä­gen die Fol­gen gan­ze Le­bens­läu­fe – und die Ex­per­ten war­nen vor ei­nem neu­en Crash.

Die Ge­dan­ken wan­dern nur noch sel­ten zu­rück. An gu­ten Ta­gen, wenn Ja­son Vo­ron auf sei­ner Bau­stel­le gut vor­an­kommt, blickt er mit Stolz auf das Ge­schaf­fe­ne. Auf das, was er sich wie­der auf­ge­baut hat. Sein Haus, das lang­sam wächst, die höl­zer­ne Ter­ras­se, sein Stück Land. Wie es ein­mal war, da­mals, vor dem gro­ßen Knall am 15. Sep­tem­ber 2008, in­ter­es­siert ihn dann nicht.

„Es ist ein lan­ger Weg“, sagt Ja­son Vo­ron. „Aber ich kom­me vor­an.“

Vo­ron zählt zu den vie­len Mil­lio­nen Ame­ri­ka­nern, de­ren Le­ben bis heu­te von dem ei­nen gro­ßen Er­eig­nis, der Plei­te der Leh­man Bro­thers, ge­prägt ist. Der gut be­zahl­te Job, das ei­ge­ne Haus in ei­ner Sied­lung mit See, das ab­ge­si­cher­te Le­ben, so­gar die Ehe – al­les ging da­mals, vor zehn Jah­ren, in­ner­halb we­ni­ger Wo­chen zu Bruch.

Die Ge­schich­te von Ja­son Vo­ron ist ei­ne sehr ame­ri­ka­ni­sche Ge­schich­te. Ei­ne Ge­schich­te vom Hin­fal­len, Auf­ste­hen, Schüt­teln, Wei­ter­ge­hen. Ei­ne Ge­schich­te aber auch von der Zer­stö­rungs­kraft des Maß­lo­sen, des Un­kon­trol­lier­ten, der Gier. Dem Nähr­bo­den des Po­pu­lis­mus.

Die Zeit da­mals hat ihn al­tern las­sen. 52 ist Ja­son Vo­ron erst, doch sein Gesicht wirkt mü­de, die Fal­ten ge­hen tief, das spär­li­che Haar ver­steckt sich un­ter der Kap­pe. Und doch: Ge­blie­ben ist die Zu­ver­sicht. Der Wil­le, sich nicht un­ter­krie­gen zu las­sen.

Mit dem we­ni­gen, was ihm blieb, kauf­te der ge­lern­te Bau­ar­bei­ter sich in den Ap­pa­la­chen ein ab­ge­le­ge­nes Stück Wald in­klu­si­ve Bau­ge­neh­mi­gung. Zwei St­un­den von Washington ent­fernt baut er sich seit­her in­mit­ten der ein­sa­men Berg­welt mit ei­ge­nen Hän­den ein neu­es Zu­hau­se auf. In den ers­ten zwei Jah­ren hat­te er nicht ein­mal flie­ßend Was­ser. Die ein­zi­ge Hil­fe, die die Ge­mein­de ge­währ­te, war ei­ne Über­land­lei­tung für die Strom­ver­sor­gung. „Je­den Dol­lar, den ich üb­rig ha­be, ste­cke ich in das Haus“, sagt Vo­ron.

Sein ein­zi­ger Ge­fähr­te ist Prin­ce. Der klei­ne Hund wacht über das Haus, das noch im­mer ei­ner Roh­bau­stel­le gleicht, so­bald sein Herr­chen zur ma­ger ent­lohn­ten Ar­beit fährt.

Vo­ron er­zählt gern von je­dem Bau­ab­schnitt und lacht die Mü­hen sei­nes Alltags weg. Nur wenn die Spra­che auf die Ban­ken und Au­to­kon­zer­ne kommt, kippt die Stim­mung: „Die Gro­ßen wur­den mit un­zäh­li­gen Mil­li­ar­den an Steu­er­geld ge­ret­tet. Wer aber ret­tet mich?“

Vo­ron hat­te in den Tur­bu­len­zen der Fi­nanz­kri­se sei­nen Job bei ei­ner Bau­fir­ma ver­lo­ren. Er war nur für kur­ze Zeit oh­ne Ar­beit, aber das reich­te für den fi­nan­zi­el­len Zu­sam­men­bruch: Er konn­te sei­ne Zin­sen und Kre­di­te nicht mehr be­die­nen, in kür­zes­ter Zeit wur­de das Fa­mi­li­en­haus zwangs­ver­stei­gert. Der Er­lös je­doch reich­te nicht, um sei­ne Schul­den zu be­zah­len. „So rutsch­te ich in­ner­halb von we­ni­gen Mo­na­ten in die Pri­vat­in­sol­venz.“

Zu al­lem Un­glück ging dann auch sein lang­jäh­ri­ger Ar­beit­ge­ber plei­te. Da­mit ver­lor er die Pen­si­ons­an­sprü­che – und das Ver­trau­en in ei­ne Wirt­schafts­ord­nung, die ihm bis da­hin so selbst­ver­ständ­lich er­schien.

An den Ka­ta­stro­phen­tag, den 15. Sep­tem­ber 2008, er­in­nert sich Ja­son Vo­ron nur noch sche­men­haft. Das Fern­se­hen über­trug Bil­der von Ban­kern in Frei­zeit­klei­dung, die an die­sem Tag ih­re Bü­ros an der Wall Street räum­ten und kei­nes­wegs so wirk­ten, als wä­ren sie am Bo­den zer­stört. Man­che zeig­ten sich ge­gen­über den Re­por­tern si­cher, schon bald in den nächs­ten gut be­zahl­ten Job zu wech­seln. Man­cher Fonds- ma­na­ger freu­te sich so­gar auf ei­ne klei­ne Tour mit sei­nem Se­gel­boot. Et­was Ent­span­nung vor der nächs­ten gro­ßen Auf­ga­be.

Die re­nom­mier­te und 150 Jah­re al­te In­vest­ment­bank Leh­man Bro­thers mel­de­te an die­sem Tag In­sol­venz an. Vie­le ver­meint­li­che Pro­fis gin­gen fest da­von aus, dass le­dig­lich ei­ne klei­ne­re Im­mo­bi­li­en­bla­se ge­platzt war. Kei­ne gro­ße Sa­che. Auch Vo­ron hat­te an die­sem Tag kei­ne Ah­nung da­von, was das Be­ben an der Wall Street mit sei­nem Le­ben zu tun ha­ben könn­te.

Doch an den Bör­sen griff Pa­nik um sich. Als be­kannt wur­de, wie leicht­fer­tig Kre­di­te ver­ge­ben, ge­bün­delt und wei­ter­ver­kauft wor­den wa­ren, wuchs das Miss­trau­en un­ter den Ban­kern. Über Jah­re hin­weg hat­ten Ra­ting­agen­tu­ren Wert­pa­pie­re mit Best­no­ten ver­se­hen, hin­ter de­nen sich fau­le Im­mo­bi­li­en­kre­di­te ver­bar­gen. Selbst mil­li­ar­den­schwe­re In­ves­to­ren muss­ten sich die Fra­ge stel­len, was sie ei­gent­lich im Be­stand hat­ten.

In­ner­halb we­ni­ger Ta­ge tra­ten die Geld­häu­ser mas­siv auf die Brem­se und ge­währ­ten sich ge­gen­sei­tig kaum noch Kre­di­te. Das Ver­trau­en war da­hin, kein In­vest­ment­ban­ker trau­te mehr dem an­de­ren. Letzt­lich brach die Kre­dit­ver­ga­be weit­ge­hend ein – und die Re­zes­si­on be­gann.

An War­nun­gen hat­te es nicht ge­man­gelt. Be­reits im Vor­jahr war die gro­ße ame­ri­ka­ni­sche In­vest­ment­bank Be­ar Stearns ins Tru­deln ge­ra­ten. We­ni­ge Wo­chen spä­ter kün­dig­ten Mer­rill Lynch und Mor­gan St­an­ley Mil­li­ar­den­ver­lus­te an – und der Hy­po­the­ken­markt kri­sel­te.

Selbst bei Leh­man Bro­thers hat­ten sich die ers­ten Mah­ner zu Wort ge­mel­det, die auf das dro­hen­de Plat­zen der Im­mo­bi­li­en­bla­se hin­wie­sen, da un­zäh­li­ge Kun­den Kre­di­te er­hal­ten hat­ten, die kaum über Ei­gen­ka­pi­tal ver­füg­ten. Nicht we­ni­ger be­droh­lich hat­te sich der Han­del mit mil­li­ar­den­schwe­ren Kre­dit­pa­ke­ten ent­wi­ckelt: Selbst die in­ter­nen Ab­tei­lun­gen, die für das Ri­si­ko­ma­nage­ment zu­stän­dig wa­ren, konn­ten das Ge­schäfts­ge­ba­ren kaum noch über­bli­cken.

Schock­wel­len ras­ten durch die Fi­nanz­welt und krach­ten bald in den All­tag von Fir­men und Pri­vat­leu­ten. Als sich der Ab­grund auf­tat, ei­nig­ten sich die größ­ten Volks­wirt­schaf­ten auf Hilfs­pa­ke­te, die in der Wirt­schafts­ge­schich­te ein­ma­lig wa­ren. Et­wa 800 Mil­li­ar­den Eu­ro wand­ten die USA und die Eu-staa­ten auf, um ei­ne Kern­schmel­ze des

Die Gro­ßen wur­den mit Mil­li­ar­den an Steu­er­geld ge­ret­tet. Wer aber ret­tet mich?

Ja­son Vo­ron, Hand­wer­ker, Ge­schä­dig­ter der Leh­man-plei­te

Fi­nanz­sys­tems zu ver­hin­dern. Al­les wur­de dem Ziel un­ter­ge­ord­net, den glo­ba­li­sier­ten Wirt­schafts­kreis­lauf nicht kol­la­bie­ren zu las­sen. Wie nach ei­nem Un­fall, bei dem die Ärz­te den Schwer­ver­letz­ten mit ei­ner Blut­kon­ser­ve nach der an­de­ren ver­sor­gen, pump­ten die Zen­tral­ban­ken die Mil­li­ar­den ins Zah­lungs­sys­tem. Im Zen­trum der Be­mü­hun­gen stan­den die in­ter­na­tio­nal tä­ti­gen Bank­häu­ser, Ver­si­che­rungs­häu­ser und Au­to­kon­zer­ne.

Tat­säch­lich konn­te der Ab­sturz ins Bo­den­lo­se für die gro­ßen Ak­teu­re ver­hin­dert wer­den. Aus dem Blick ge­rie­ten aber die ra­sant stei­gen­den Schul­den­stän­de der Staats­haus­hal­te – und die Schick­sa­le un­zäh­li­ger Pri­vat­haus­hal­te. So wie der Hand­wer­ker Vo­ron fand die Mehr­zahl der Ar­beits­lo­sen in den USA zwar über­ra­schend schnell wie­der ei­nen Job. We­nig be­ach­tet wur­de al­ler­dings, dass die­se Tä­tig­kei­ten teu­er er­kauft wa­ren: Vie­le er­hiel­ten dras­tisch nied­ri­ge­re Löh­ne. Vor al­lem aber walz­te die Fi­nanz­kri­se die viel­fäl­ti­ge Land­schaft der Us-al­ters­ver­sor­gung platt: Men­schen, die über 20, 30 oder 40 Jah­re in ih­re pri­vat or­ga­ni­sier­te Ren­ten­vor­sor­ge ein­ge­zahlt hat­ten, stan­den plötz­lich vor dem Nichts. Ein Be­hand­lungs­feh­ler mit gra­vie­ren­den Fol­gen – die bis heu­te zu spü­ren sind.

In der so­ge­nann­ten Tea-par­ty­und der Oc­cu­py-be­we­gung fan­den Men­schen zu­ein­an­der, die auch Jah­re nach dem Crash schlech­ter da­ste­hen als vor 2008. Nur: Die bei­den Grup­pen ste­hen sich un­ver­söhn­lich ge­gen­über. Und zie­hen ganz un­ter­schied­li­che Leh­ren aus dem Zu­sam­men­bruch.

Micha­el Werz, Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler an der Wa­shing­to­ner Denk­fa­brik Cen­ter for Ame­ri­can Pro­gress, sieht in die­sen Ver­wer­fun­gen die tie­fe­ren Ur­sa­chen für den Auf­stieg po­pu­lis­ti­scher Be­we­gun­gen in den

USA: „Bei den Ar­bei­tern gab es über zwei Jahr­zehn­te hin­weg ei­ne Sta­gna­ti­on bei den Löh­nen. Dann setz­ten die Ban­ken das Land un­ter Was­ser und wur­den mit Steu­er­gel­dern ge­ret­tet. Na­tür­lich sorgt das für Frus­tra­ti­on.“Oh­ne die Fi­nanz­kri­se von 2008, da ist sich Werz si­cher, wä­re Do­nald Trump nie­mals Prä­si­dent ge­wor­den.

Der bri­ti­sche Wirt­schafts­his­to­ri­ker Adam Too­ze, ei­ner der re­nom­mier­tes­ten Ex­per­ten der Fi­nanz­kri­se, hat in die­ser Wo­che sein Buch „Cras­hed“über ih­re Fol­gen ver­öf­fent­licht. Er ist sich si­cher, dass das Schlimms­te längst noch nicht über­stan­den ist – nicht nur in den USA. „Zehn Mil­lio­nen ame­ri­ka­ni­sche Fa­mi­li­en ha­ben ih­re Häu­ser ver­lo­ren. Schau­en Sie sich Spa­ni­en, Ita­li­en oder Grie­chen­land an, dort hat ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on jun­ger Eu­ro­pä­er kei­nen Zu­gang zum Ar­beits­markt. Das ist ei­ne Ent­wick­lung, die lang­fris­ti­ge Fol­gen ha­ben wird“, sagt der Pro­fes­sor der New Yor­ker Co­lum­bia Uni­ver­si­tät dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land.

Ro­bert Reich, der un­ter Bill Cl­in­ton als Ar­beits­mi­nis­ter dien­te, be­fürch­tet gar, dass der nächs­te Crash nicht mehr all­zu lan­ge auf sich war­ten lässt: „Das Un­gleich­ge­wicht in der Ge­sell­schaft ist die ei­gent­li­che Ur­sa­che.“Nied­rig­löh­ner, aber auch die Mit­tel­klas­se wür­den im­mer wei­ter zu­rück­fal­len. 40 Pro­zent der ame­ri­ka­ni­schen Fa­mi­li­en hät­ten be­reits Schwie­rig­kei­ten, das Geld für Es­sen, Woh­nen und Ge­sund­heits­ver­sor­gung auf­zu­brin­gen. Vie­le kä­men nur über die Run­den, in­dem sie im­mer hö­he­re Schul­den auf­neh­men. Wie ei­ne Un­ter­su­chung der Us-no­ten­bank Fe­deral Re­ser­ve zeigt, han­geln sich 80 Pro­zent der Ame­ri­ka­ner gera­de so von ei­nem Ge­halts­scheck zum nächs­ten. Spa­ren ist un­mög­lich, die Not­gro­schen sind längst auf­ge­braucht.

Wirt­schafts­his­to­ri­ker Too­ze hält ei­ne Wie­der­ho­lung der Kri­se von 2008 für sehr un­wahr­schein­lich – an­de­re Ar­ten von Fi­nanz­welt-ka­ta­stro­phen sei­en da­ge­gen durch­aus rea­lis­tisch. Chi­na sei da­bei „das ei­gent­li­che Pro­blem für die Welt­wirt­schaft“– denn Chi­nas Wirt­schaft ist mitt­ler­wei­le sehr stark mit der des Wes­tens ver­floch­ten. Wie ei­ne künf­ti­ge Kri­se in Chi­na ge­meis­tert wird, das ist für Too­ze „ei­ne gro­ße Fra­ge der Zu­kunft“.

Ja­son Vo­ron hat sich mit den Ur­sa­chen der frü­he­ren Kri­sen nicht in­ten­siv aus­ein­an­der­ge­setzt. Aber er hat sich ge­schwo­ren: nie wie­der Kre­di­te! In sei­nem Stre­ben nach Un­ab­hän­gig­keit setzt er auf Re­zep­te sei­nes Groß­va­ters: Auf sei­nem Grund­stück will er als Fei­er­abend­bau­er ei­ne klei­ne Vieh­zucht auf­bau­en. Der An­fang ist ge­macht, mit ei­ner klei­nen Zie­gen­her­de. „Vi­el­leicht kann ich schon bald meh­re­re Tie­re pro Jahr ver­kau­fen.“Ein Zu­satz­ver­dienst, den ihm kei­ne Bank die­ser Welt mehr neh­men soll.

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Die Mas­ke war ihr Mar­ken­zei­chen: Die Pro­test­be­we­gung Oc­cu­py Wall Street for­der­te 2011 ei­ne stär­ke­re Kon­trol­le des Ban­ken- und Fi­nanz­we­sens.

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In der Fi­nanz­kri­se wur­de sein al­tes Haus zwangs­ver­stei­gert – jetzt baut sich Ja­son Vo­ron im Wald ein neu­es.

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Ab­gang nach der Plei­te: Ein Leh­man-mit­ar­bei­ter ver­lässt 2008 die Bank. Vie­le glaub­ten da­mals, es han­de­le sich nur um ei­ne kur­ze Stö­rung der Ge­schäf­te.

FO­TO: MALENE KORSGAARD LAURITSEN

Warnt vor „lang­fris­ti­gen Fol­gen“: Der Wirt­schafts­his­to­ri­ker Adam Too­ze, Au­tor des Bu­ches „Cras­hed. Wie zehn Jah­re Fi­nanz­kri­se die Welt ver­än­dert ha­ben“.

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