Ein paar Kri­sen zu viel

Göttinger Tageblatt - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Mat­thi­as Koch

Die Kund­ge­bun­gen un­ter dem Mot­to „Wir sind mehr“ha­ben sich wie­der zer­streut. Das Kon­zert ge­gen rechts in Chem­nitz ist ver­klun­gen. All die­se Si­gna­le ge­gen den Rechts­ex­tre­mis­mus wa­ren gut und rich­tig, kei­ne Fra­ge. Doch was nun? Die Deut­schen aus der de­mo­kra­ti­schen Mit­te müs­sen sich ein­las­sen auf ei­ne un­be­que­me Er­kennt­nis. Ein­mal Fei­ne Sah­ne Fisch­fi­let ge­nügt nicht. Die lang­fris­ti­ge Ab­wehr von Na­tio­na­lis­mus und Po­pu­lis­mus er­for­dert weit mehr als nur die ei­ne oder an­de­re punk­tu­el­le Kraft­pro­be.

Als Ers­tes müs­sen Deutsch­lands De­mo­kra­ten wie­der et­was en­ger zu­sam­men­rü­cken. Scheu­chen wir doch mal je­ne zur Sei­te, die stän­dig auf­ge­regt mit ih­ren La­bels han­tie­ren: „Lin­ker“, „Rech­ter“, „Gut­mensch“, „Neo­na­zi“. Das Letz­te, was wir jetzt brau­chen, ist ei­ne neue deut­sche Tei­lung. Nö­tig sind da­ge­gen ei­ne neue Nach­denk­lich­keit und die Be­reit­schaft, sich auf die Sicht­wei­sen des an­de­ren ein­zu­las­sen.

In ei­nem gna­den­lo­sen Sie­ben-jah­retakt wur­de das Selbst­ver­trau­en der Men­schen im­mer wie­der er­schüt­tert.

Es ist leicht, auf Rechts­ex­tre­me zu schimp­fen. Auf ih­re be­schränk­te Welt­sicht. Auf ih­ren Ruf nach Ver­ein­fa­chung. Auch auf ih­ren zu­tiefst kind­li­chen Wunsch, vor­aus­set­zungs­los auf­ge­nom­men zu wer­den in ei­ne Ge­mein­schaft – ein­fach schon des­halb, weil man so aus­sieht, wie man aus­sieht, und weil man dort ge­bo­ren ist, wo man ge­bo­ren ist. Doch Hand aufs Herz: Ist die­ser Wunsch nicht auch zu­tiefst men­sch­lich?

Es ist die sü­ße Ver­hei­ßung von Si­cher­heit in un­si­che­ren Zei­ten, mit der die na­tio­na­lis­ti­schen Si­re­nen die Leu­te nach Rechts­au­ßen lo­cken. Die­ser Ef­fekt ist nicht neu, Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und So­zio­lo­gen ken­nen ihn seit mehr als 100 Jah­ren, als ein­drucks­volls­tes Bei­spiel blie­ben die 30er-jah­re des vo­ri­gen Jahr­hun­derts in Er­in­ne­rung.

Auch heu­te wach­sen vie­len Men­schen neue Ängs­te über den Kopf. Di­gi­ta­li­sie­rung? Glo­ba­li­sie­rung? Al­ters­ar­mut? Plötz­lich er­schei­nen dann Rechts­ra­di­ka­le wie vom Schim­mer neu­er Hoff­nung um­glänz­te Er­lö­ser, die fro­he Bot­schaf­ten ver­kün­den: Komm zu uns, dei­ne Her­kunft stimmt, dei­ne Haut­far­be stimmt, du ge­hörst zu uns, wir ver­tei­di­gen dich ge­gen die an­de­ren, ge­gen al­le un­kal­ku­lier­ba­ren Ein­wir­kun­gen aus der grau­sen und krau­sen Welt da drau­ßen.

Hät­ten die Men­schen in den west­li­chen De­mo­kra­ti­en mehr Zu­ver­sicht, hät­ten die Rech­ten kei­ne Chan­ce. Doch in ei­nem gna­den­lo­sen Sie­ben-jah­re-takt wur­de das Selbst­ver­trau­en, der Glau­be an ei­ne ste­tig bes­se­re Zu­kunft, im­mer wie­der er­schüt­tert: World Tra­de Cen­ter 2001, Fi­nanz­kri­se 2008, Flücht­lings­kri­se 2015. Vi­el­leicht wa­ren das ein­fach ein paar Kri­sen zu viel. Un­se­re De­mo­kra­tie hat zwar noch kei­nen To­tal­scha­den er­lit­ten, aber wir sind seit­her in ei­nem ziem­lich zer­beul­ten Wa­gen un­ter­wegs. Und uns zit­tern noch im­mer die Knie. Die­se Ge­mein­sam­keit ein­an­der ein­zu­ge­ste­hen wä­re bes­ser, als neue Feind­se­lig­kei­ten zu kul­ti­vie­ren.

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