Rein­gold gibt’s nicht

Göttinger Tageblatt - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Wla­di­mir Ka­mi­ner Wla­di­mir Ka­mi­ner ist ge­bür­ti­ger Mos­kau­er und Au­tor in Berlin.

Wir wer­den in ei­ne vor­ge­fer­tig­te Welt ge­bo­ren. Die El­tern, die Leh­rer, der Staat ste­hen Schlan­ge, um das Neu­ge­bo­re­ne ab­zu­stem­peln. Sei­ne Per­so­na­li­en wer­den in ei­nen Pass ein­ge­tra­gen. Da­bei ha­ben Per­so­na­li­en mit Per­so­nen we­nig zu tun. Ge­burts­jahr, Ge­burts­ort, Na­me – dar­auf ha­ben wir kei­nen Ein­fluss. Aber wir sind Gei­seln un­se­rer Per­so­na­li­en.

In der hie­si­gen Wahr­neh­mung wer­de ich mit zwei wei­te­ren Wla­di­mirs as­so­zi­iert, dem Bo­xer, der nicht mehr boxt, und dem ewi­gen rus­si­schen Prä­si­den­ten, den ich nicht mag. Die Men­schen fra­gen mich stän­dig, wie es den an­de­ren bei­den geht, als wä­ren wir ei­ne Gang.

Ich war im Som­mer auf Sylt, mein Gast­ge­ber dort hieß Gui­do Gosch, sei­ne El­tern ha­ben das nord­deut­sche Fisch­bröt­chen neu er­fun­den. Der Mann trägt den Fluch des Bröt­chens durch sein Le­ben, er wur­de be­reits in der Schu­le als „Fisch­gosch“ge­hän­selt. Da­bei isst er kei­nen Fisch. Im Wes­ter­wald traf ich ei­nen Russ­land­deut­schen aus Ka­sachs­tan, er hieß in der So­wjet­uni­on Rein­gold mit Vor­na­men. In Russ­land galt er als ko­mi­scher Frem­der. In Deutsch­land hoff­te er, end­lich an­de­re Rein­golds zu tref­fen. Auf dem Amt er­fuhr er je­doch, die­sen Na­men ge­be es nicht. Jetzt heißt er Rein­hard.

Vor 100 Jah­ren, nach der Re­vo­lu­ti­on, ha­ben sich die Rus­sen zu Tau­sen­den um­be­nannt. Sie woll­ten in ih­rem Na­men Sinn und Ziel ih­res Le­bens tra­gen. Mein Groß­va­ter müt­ter­li­cher­seits nann­te sich Kim – Kom­mu­nis­ti­scher In­ter­na­tio­na­ler der Ju­gend. Sein Bru­der gab sich den Na­men So­rik, kurz für „Voll­ende­te Be­frei­ung der Ar­bei­ter und Bau­ern“. Bei­de sind im Krieg ge­stor­ben.

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