Lie­ber Harald Noack,

Göttinger Tageblatt - - GÖTTINGEN -

Sie lehn­ten letz­te Wo­che mit der Kreis­tags­mehr­heit von CDU und SPD den An­trag ab, zu­sätz­lich 50 Flücht­lin­ge (An­ge­hö­ri­ge von be­reits hier le­ben­den Flücht­lin­gen mit sub­si­diä­rem Schutz) zum zu­ge­wie­se­nen Land­kreis-kon­tin­gent auf­zu­neh­men, ob­wohl der ent­spre­chen­de An­trag zu­vor im So­zi­al­aus­schuss ei­ne Mehr­heit fand, auch weil Ih­re Par­tei­kol­le­gin Ka­rin Wo­de dort zu­ge­stimmt hat­te, die üb­ri­gens be­mer­kens­wert lei­den­schaft­lich zu ih­rer Über­zeu­gung stand. Sie be­grün­de­ten Ih­re Ab­leh­nung mit dem State­ment „Wir kön­nen das Elend der Welt nicht lin­dern.“

Selbst­ver­ständ­lich ha­ben Sie da­mit völ­lig Recht; aber es ging ja gar nicht dar­um, das Elend der Welt zu lin­dern, son­dern nur das von 50 Men­schen, die sich der­zeit an der sy­risch­tür­ki­schen Gren­ze be­fin­den, al­so an ei­nem ganz schreck­li­chen Ort. Es ging al­so um ei­ne ganz kon­kre­te und im Ver­hält­nis zum Elend der Welt ziem­lich klei­ne Tat. Und ich den­ke, die­se Ges­te hät­te un­se­rem Land­kreis gut zu Gesicht ge­stan­den. Denn in ei­ner Zeit, in der Ret­tungs­schif­fe in der EU oh­ne recht­li­che Grund­la­ge am Aus­lau­fen ge­hin­dert wer­den, weil es der gro­ßen Po­li­tik lie­ber ist, dass Men­schen er­trin­ken, als dass man sie ret­tet, sind sol­che lo­ka­len State­ments ein wich­ti­ges Zei­chen ge­gen die all­ge­gen­wär­ti­ge po­li­ti­sche Ver­ro­hung. Au­ßer­dem er­klär­ten Sie in dem Zu­sam­men­hang, dass Po­li­tik nicht nur „aus christ­li­cher Ver­ant­wor­tung“ge­macht wer­de. Ich als Nicht­christ wün­sche mir al­ler­dings sehr, dass die Po­li­ti­ker, die das „C“im Par­tei­na­men tra­gen, mal an­fin­gen, Po­li­tik auch aus christ­li­cher Ver­ant­wor­tung zu ma­chen und nicht nur aus Kal­kül. Vi­el­leicht wür­de der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter es dann un­ter­las­sen, täg­lich mit neu­en Un­ge­heu­er­lich­kei­ten das po­li­ti­sche Kli­ma zu ver­gif­ten. Und vi­el­leicht hät­te Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Klöck­ner das zy­ni­sche Wort vom „Asyl­tou­ris­mus“(das man frü­her nur von der NPD kann­te) nicht mit der Be­grün­dung nach­ge­plap­pert, man dür­fe es nicht den Rech­ten über­las­sen. Und vi­el­leicht hät­te der Cdu-be­zirks­ver­band Hil­des­heim (zu dem auch der Kreis­ver­band Göttingen-os­tero­de ge­hört) dann An­fang Sep­tem­ber nicht aus­ge­rech­net den ehe­ma­li­gen nie­der­säch­si­schen In­nen­mi­nis­ter Uwe Schü­ne­mann zum neu­en Vor­sit­zen­den ge­wählt, der in sei­ner Amts­zeit vor al­lem durch sei­ne er­schre­cken­de Herz­lo­sig­keit auf­fiel. Da scheint mir ein „christ­li­ches Ge­wis­sen“, wie Sie es Frau Wo­de be­schei­nigt ha­ben, doch­kei­ne so schlech­te Richt­schnur für po­li­ti­sches

Han­deln zu sein.

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