Ho­lo­gram­ma­ti­ca

Göttinger Tageblatt - - KULTUR - VON TOM HILLENBRAND

6. Fort­set­zung

Der Di­ckie ist ein ho­lo­gra­phi­scher An­zug, je­nen matt­wei­ßen Din­gern, die in die­sem Schrank über mei­nem Kopf bau­meln, nicht un­ähn­lich. Statt je­doch ei­ne im We­sent­li­chen sta­ti­sche Ho­lo­tex­tur zu pro­ji­zie­ren – das Schwarz ei­nes Smo­kings, ein Hah­nen­tritt­mus­ter –, än­dert sich das ge­zeig­te Bild stän­dig. Nicht nur die Klei­dung, auch Ge­sichts­zü­ge und Fri­sur chan­gie­ren un­auf­hör­lich. Dies ge­schieht lang­sam und flie­ßend, da­mit es dem flüch­ti­gen Be­trach­ter nicht auf­fällt. Die Pro­jek­tio­nen stam­men aus ei­ner Da­ten­bank, wel­che die Ho­los von Mil­lio­nen Per­so­nen ent­hält – da­her der Na­me Je­der­mann-an­zug. Die Soft­ware des Di­ckie be­rück­sich­tigt da­bei die De­mo­gra­fie der lo­ka­len Be­völ­ke­rung. Wer den An­zug in Peking trägt, wird zu fünf­und­neun­zig Pro­zent asia­ti­sche Ge­sichts­zü­ge auf­wei­sen. Wer dar­in durch Mos­kau spa­ziert, wirkt meis­ten­teils kau­ka­sisch.

In Städ­ten ist der Je­der­mann die per­fek­te Tar­nung. Er macht sei­nen Trä­ger zum Mann in der Men­ge, zu ei­ner Er­schei­nung, an die sich nie­mand rich­tig er­in­nern kann. Je­der­mann-an­zü­ge sind ziem­lich rar – sie sind qua­si mi­li­tä­ri­sche Aus­rüs­tung. Es dürf­te ein­fa­cher sein, ein Sturm­ge­wehr zu kau­fen, als ei­nen Di­ckie. Spe­zi­al­ein­hei­ten des Eu­rus-in­nen­mi­nis­te­ri­ums be­nut­zen so et­was, Pro­fi­spio­ne und vi­el­leicht die Tu­nicht­gu­te von der Solnt­sevs­ka­ya Brat­va.

Ich be­trach­te die Um­ris­se der Frau. Zu wem ge­hörst du wohl? Sie ist im­mer noch mit dem Block zu­gan­ge, schreibt et­was. Was macht sie da bloß? Als ich ver­ste­he, was sie tut, spü­re ich ei­ne Mi­schung aus Scham und Är­ger. Dass mir das nicht selbst ein­ge­fal­len ist. Miss Di­ckie wen­det ei­nen der äl­tes­ten Schnüff­ler­tricks an. Er funk­tio­niert heut­zu­ta­ge nur noch sel­ten, weil die meis­ten Men­schen ho­lo­gra­phi­sches Pa­pier ver­wen­den. Aber ne­ben die­sem Block la­gen Stif­te. Und Stif­te hin­ter­las­sen beim Schrei­ben Druck­stel­len auf der Sei­te dar­un­ter. Sie schraf­fiert des­halb mit ei­nem Blei­stift das lee­re Pa­pier, um zu se­hen, was auf dem dar­über stand.

Es scheint, dass sie fün­dig ge­wor­den ist. Sie reißt das obers­te Blatt ab und lässt es in ei­ner Ta­sche ver­schwin­den. Da­nach steht sie auf und geht. Ich hö­re die Vor­der­tür zu­schla­gen. Das Licht er­lischt.

Ich blei­be noch ei­ni­ge Mi­nu­ten in mei­nem Schrank­ver­steck, be­vor ich her­aus­krie­che. So­bald ich wie­der im Schlaf­zim­mer ste­he, neh­me ich mir eben­falls den Block vor, in der schwa­chen Hoff­nung, dass der Schraf­fier­trick auch beim nächs­ten Blatt noch funk­tio­niert. Viel kommt da­bei nicht her­aus:

Ame­da

An­dro­me­da? Achmed am ir­gend­was? Es könn­te vie­les be­deu­ten.

Das Schlaf­zim­mer ent­hält an­sons­ten nichts In­ter­es­san­tes – ich hat­te auf Sex­spiel­zeu­ge oder Por­nos ge­hofft, um et­was über Per­rot­tes Prä­fe­ren­zen zu er­fah­ren, aber lei­der Fehl­an­zei­ge. Ver­mut­lich ist sie he­te­ro, so zu­min­dest ist mein Ein­druck. Das ist ei­ne et­was dürf­ti­ge Er­kennt­nis. Se­xu­el­le Vor­lie­ben sind ei­ner der bes­ten Da­ten­punk­te, vor al­lem, wenn sie aus­ge­fal­len sind. Ich muss mehr über ih­re So­zi­al­kon­tak­te her­aus­fin­den. Ein wei­te­rer Grund, heu­te Abend auf die­se Par­ty zu ge­hen.

Es wird hell. Die Pa­tis­se­rie im Erd­ge­schoss hat al­ler­dings noch nicht of­fen. Be­dau­er­lich, denn mein Ma­gen knurrt ver­nehm­lich. Ich ru­fe mir die Adres­se des Ho­tels auf, das der Ama­nu­en­sis ge­bucht hat. Es liegt nicht all­zu weit ent­fernt, ir­gend­wo in der Nä­he des Place des Vos­ges. Kann man lau­fen. Vi­el­leicht macht mich das wa­cher. Ich spa­zie­re ver­las­se­ne Stra­ßen ent­lang. In Lon­don wä­ren um die­se Zeit schon re­la­tiv vie­le Men­schen un­ter­wegs, aber hier nicht. Wie die meis­ten eu­ro­päi­schen Groß­städ­te hat Pa­ris in den letz­ten Jahr­zehn­ten mas­siv Ein­woh­ner ver­lo­ren – nicht nur we­gen der Seu­che. Al­les strebt nach Os­ten, ins Ge­lob­te Land. Die Leu­te wol­len nach Si­bi­ri­en, ihr Glück ma­chen oder zu­min­dest kei­nen Hit­ze­schlag krie­gen. Ich war ver­gan­ge­nes Jahr in ein paar mit­tel­gro­ßen Städ­ten im Sü­den und in der Zen­tral­re­gi­on von EU­RUS. Auf den Stra­ßen nur Al­te und Aso­zia­le, aber die Fas­sa­den und Trot­toirs durch­weg pro­per, Ho­lo­po­lish sei Dank. Pa­ris hat den Vor­teil, dass es auch als be­geh­ba­res Mu­se­um ei­nen Wert be­sitzt. In ein paar St­un­den wird die Stadt vol­ler Chi­ne­sen und Sibs sein, die gaf­fend durch die­ses Dis­ney­land eu­ro­päi­scher Kul­tur stap­fen.

Ich stap­fe auch, neh­me mir aber her­aus, mich nicht zu den Tou­ris­ten zu zäh­len. Ich pas­sie­re ei­ne Kir­che na­mens Saint Paul so­wie ir­gend­ein Mu­se­um. Al­les ist ta­del­los in Schuss. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat hier ein Rück­bau statt­ge­fun­den. Et­li­che der mo­der­nen Scheuß­lich­kei­ten wur­den her­aus­re­t­u­schiert, dar­un­ter auch der ent­setz­li­che Tour Mont­par­nas­se und die Neue Oper.

Nach ei­ner Vier­tel­stun­de er­rei­che ich mein Do­mi­zil, ein Bu­si­ness­ho­tel mit zu viel Mar­mor in der Lob­by. Ich bin na­tür­lich zu früh, aber der Con­cier­ge ver­spricht mir, das Zim­mer ei­ligst her­rich­ten zu las­sen. Wäh­rend­des­sen früh­stü­cke ich. Nach ei­ner gro­ßen Por­ti­on Rühr­ei und zwei Crois­sants füh­le ich mich deut­lich bes­ser. Mit ei­nem Be­cher Kaf­fee ho­cke ich mich in die Lounge und ver­trei­be mir die Zeit mit den Nachrichten. Fort­set­zung folgt

Aus: Tom Hillenbrand “Ho­lo­gram­ma­ti­ca“. 560 Sei­ten, 12 Eu­ro. © 2018 Kie­pen­heu­er & Witsch Gmbh & Co KG, Köln

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