Eins, zwei, drei, ka­putt

Ge­walt­op­fer Chris­toph Ri­ckels spricht vor Schü­lern der Ge­schwis­ter-scholl-ge­samt­schu­le

Göttinger Tageblatt - - GÖTTINGEN - Von Chris­tia­ne Böhm

Göt­tin­gen. Er woll­te noch ein­mal Par­ty ma­chen. Im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes än­der­te ein Streit auf ei­nen Schlag sein Le­ben. Chris­toph Ri­ckels sprach am Frei­tag­mor­gen vor Schü­lern der Ge­schwis­terscholl-ge­samt­schu­le (GSG) über sein Schick­sal. Das Mit­ein­an­der cool ma­chen, da­für setzt er sich mit sei­ner In­itia­ti­ve „First To­ge­ther­ness“ein.

Das Fo­rum in der GSG ist prop­pen­voll. Es ist ru­hig in dem gro­ßen Raum. Ri­ckels spricht lang­sam und nicht all­zu laut. Trotz­dem hat der 31Jäh­ri­ge die vol­le Auf­merk­sam­keit der Schü­ler. Er er­zählt den Ju­gend­li­chen von dem Mo­ment in sei­nem Le­ben, der al­les ver­än­der­te. „Eins, zwei, drei, ka­putt“, sagt er. Schnippt ein­mal mit den Fin­gern. So schnell ging es.

Ri­ckels, ein sport­li­cher, mu­si­ka­li­scher jun­ger Mann, woll­te sich von sei­nen Freun­den ver­ab­schie­den. Be­ruf­lich soll­te es für ihn vom Nor­den der Re­pu­blik nach Süd­deutsch­land ge­hen. In ei­ner Dis­ko­thek spen­dier­te er ei­ner Frau ei­nen Drink. Das pass­te dem Freund der Frau nicht. Ein Streit ent­stand, der Typ woll­te sich mit Ri­ckels vor der Dis­co schla­gen.

„Ich will euch kei­nen Scheiß er­zäh­len“, sagt Ri­ckels. „Auch ich hab mich oft ge­boxt.“Durch­trai­niert war er, mehr­mals in der Wo­che im Fit­ness­stu­dio. Er ha­be sich nicht gern was ge­fal­len las­sen. Und der Typ hat­te ihn ge­schubst. „Mich schubst man nicht!“Ri­ckels ging nach drau­ßen, wo der an­de­re schon auf ihn war­te­te. Und dann ging eben al­les ganz schnell. Ri­ckels war noch gar nicht rich­tig drau­ßen, da traf ihn ein Schlag am Kopf. „Und das war un­ser Pro­blem“, sagt der Nord­deut­sche. Der an­de­re ha­be ihn auf die Schlä­fe ge­schla­gen, er sei wohl so­fort be­wusst­los ge­we­sen. Er selbst kann sich nicht mehr an den Vor­fall er­in­nern. Al­les, was er weiß, hat er aus Er­zäh­lun­gen.

„Wäh­rend des Stür­zens ha­be ich mich wohl ge­dreht und bin dann fron­tal auf den Bo­den auf­ge­schla­gen.“Wie schnell das Gan­ze ging, dass zeigt er den Schü­lern mit dem Vi­deo ei­ner Über­wa­chungs­ka­me­ra. Be­trof­fen re­agie­ren die Schü­ler. Das wa­ren wirk­lich nur we­ni­ge Se­kun­den, und es sieht noch nicht mal furcht­bar bru­tal aus. Von ei­nem Mo­ment auf den an­de­ren war sein Le­ben, wie es vor­her ge­we­sen war, vor­bei. Vier Mo­na­te lag Ri­ckels im Ko­ma. „Ver­dammt, ich lag im Ster­ben“, so Ri­ckels. Und war­um? „Der Ma­cker woll­te zei­gen, was für ein tol­ler Hengst er ist. Er hat ja auch nie im Le­ben da­mit ge­rech­net, dass ich so auf­schla­ge.“Ihm hät­te so was ja auch pas­sie­ren kön­nen, schließ­lich ha­be er ja an­de­ren auch oft „aufs Maul ge­hau­en“. Es hät­te noch schlim­mer en­den kön­nen. „Des­halb lasst euch nicht pro­vo­zie­ren. Bit­te denkt das nächs­te Mal in so ei­ner Si­tua­ti­on an mich.“

Ri­ckels spricht jetzt schon gut 50 Mi­nu­ten vor den Schü­lern, im­mer noch ist es auf­fal­lend ru­hig. Mit sei­ner Art zu er­zäh­len – „Ich re­de wie ich das will. Ich bin ja kein Leh­rer“– kommt er bei den Ju­gend­li­chen of­fen­sicht­lich gut an. Hei­ke An­halt­brüg­ge­mann, Jahr­gangs­lei­te­rin an Ge­walt­op­fer der GSG, be­grüßt die Prä­ven­ti­ons­ver­an­stal­tung sehr. Ih­re Kol­le­gen und sie set­zen sich für ein po­si­ti­ves Mit­ein­an­der ein und ha­ben ei­ne Ar­beits­ge­mein­schaft mit dem Ti­tel „Re­spekt“ge­grün­det.

Als er das ers­te Mal vor ei­ner Klas­se über sein Schick­sal ge­spro­chen hat, ha­be er ganz schön Muf­fe ge­habt, so Ri­ckels. Aber er wol­le et­was be­we­gen. Al­le woll­ten cool sein. Das sei auch der Weg, auf dem et­was ver­än­dert wer­den kön­ne. Cool soll­te das Mit­ein­an­der sein. Cool soll­te es sein, auf der Sei­te ei­nes Schwä­che­ren zu ste­hen, bei­spiels­wei­se ei­nes Mob­bing­op­fers, sagt ei­ne Schü­le­rin. Cool man selbst zu blei­ben, kommt ein wei­te­rer Vor­schlag.„igno­riert die, die sich nur dumm ver­hal­ten.“Das brin­ge Ve­rän­de­rung, ist sich Ri­ckels si­cher.

Am Vor­abend hat­te er bei der Ver­lei­hung des Göt­tin­ger Zi­vil­cou­ra­ge­prei­ses ge­spro­chen. Er be­kom­me oft Brie­fe von El­tern, Leh­rern und auch Schü­lern, dass sein Auf­tritt sie ver­än­dert ha­be, sag­te Ri­ckels im Ge­spräch mit der Ta­ge­blatt-re­dak­teu­rin An­ge­la Brün­jes. Er wol­le ei­ne Wel­le los­schie­ben, das „neue Cool“hin­krie­gen. Dass er die Ju­gend­li­chen im Ge­spräch er­reicht, zeigt die Ver­an­stal­tung am Frei­tag­mor­gen in der GSG. Bleibt zu hof­fen, dass die Wir­kung bei mög­lichst vie­len nach­hal­tig ist.

Ver­dammt, ich lag im Ster­ben.

Chris­toph Ri­ckels,

FO­TO: HEL­LER

Ei­ne ge­walt­tä­ti­ge Atta­cke ver­än­der­te sein Le­ben: Chris­toph Ri­ckels spricht vor Göt­tin­ger Schü­lern.

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