Ho­lo­gram­ma­ti­ca

Göttinger Tageblatt - - KULTUR - VON TOM HILLENBRAND

»In­ter­es­sant. Und fra­ge ich.

»Rö­mer, Lu­wier, Grie­chen – und da vor al­lem My­ke­ner, Kre­ter.«

»Al­so Sta­tu­en, Va­sen?« »Ge­nau. Ge­ra­de ha­be ich ein paar kre­ti­sche Stü­cke er­gat­tern kön­nen. Die sind, wie du dir den­ken kannst, ex­trem be­liebt.«

»We­gen des Licht­doms?« »Na­tür­lich«, er­wi­dert er.

»Aber al­tes Zeug aus Knos­sos hat doch nichts mit der Knos­sos-ano­ma­lie zu tun.«

Er lä­chelt. »Das sagst du. Aber du ahnst gar nicht, wie vie­le Eso­te­ri­ker und Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker das an­ders se­hen. Die mei­nen, weil der Licht­dom un­weit des al­ten mi­noi­schen Kö­nigs­pa­las­tes auf­ge­taucht ist, müs­se das ir­gend­was be­deu­ten.«

»Und was?«

Fran­ces­co zuckt mit den Schul­tern. »Ir­gend­was. Die Leu­te mö­gen kei­ne Zu­fäl­le. Sie glau­ben, dass sich in den bis heu­te un­ent­schlüs­sel­ten mi­noi­schen Hie­ro­gly­phen ir­gend­wel­che Hin­wei­se ver­ste­cken.«

»Und der Mi­no­tau­rus war ein Ali­en?« Er seufzt. »So was in der Art. Auf je­den Fall hat der gan­ze Bo­hei die Prei­se auf was für wel­che?«, für kre­ti­sche Kun­st­ob­jek­te stark stei­gen las­sen. Mir soll es recht sein.«

Fran­ces­co greift nach mei­ner Hand. Ich le­ge sie in die sei­ne. Er hat lan­ge, schlan­ke Fin­ger, die nur ganz leicht be­haart sind.

»Und du? Was macht die Qu­es­te, Lord Ga­la­had?«

»Wenn ich jetzt sa­ge, den kann­te ich noch nicht, wür­de ich lü­gen.«

»Ent­schul­di­gung. Bie­tet sich an. Hast du Ju­li­et­te ge­fun­den?«

»Nein. Ich weiß auch nicht, ob sie noch am Le­ben ist.«

»Hat sie je­mand ent­führt?« »Vi­el­leicht. Ih­re Fir­ma … sie hat bei die­ser Upload­fir­ma ge­ar­bei­tet, Cryp­to­c­ar­bon. Schon mal ge­hört?«

Un­se­re Ta­pas kom­men. Fran­ces­co lässt mei­ne Hand los und greift nach ei­nem Löf­fel. Er fragt mich, was ich möch­te, und legt mir dann vor – Kä­se­bäll­chen, Dat­teln im Speck­man­tel und an­de­res un­ge­sun­des Zeugs. Wäh­rend er sich auch et­was nimmt, er­klärt er: »Ba­by, ich bin Quant. Na­tür­lich weiß ich, wer die sind.« ein­fach

»De­ren Ge­schäfts­füh­rer wur­de er­mor­det. Per­rot­te ist ver­schwun­den.«

»Klingt nicht ganz un­ge­fähr­lich, was du da machst. Du soll­test dir vi­el­leicht auch ein paar Ge­fä­ße zu­le­gen.«

»So ge­fähr­lich ist es auch wie­der nicht. Au­ßer­dem, ich hän­ge an mei­nem Ge­hirn.«

Fran­ces­co lässt ei­ne gro­ße grü­ne Oli­ve in sei­nem Mund ver­schwin­den. Er zeigt mit dem Fin­ger auf mei­nen Kopf. »Ge­ra­de des­halb.«

Ich gie­ße uns noch Wein ein. Die Fla­sche ist fast leer. Der Kell­ner wirft mir ei­nen fra­gen­den Blick zu. Ich ni­cke. »Der An­zug steht dir«, sa­ge ich. Fran­ces­co lä­chelt. Ich glau­be, er wird ein klei­nes biss­chen rot. Aber vi­el­leicht liegt es auch am Wein. Er schaut mich fra­gend an. »Und was woll­test du noch sa­gen?«

Nun wer­de ich rot. »Das … äh … das Ge­fäß steht dir auch. Sagt man so?«

»Klar, war­um nicht. Dei­nes ist üb­ri­gens auch nicht schlecht.«

»Hast du den jetzt … äh … über­nom­men?«

Ich stel­le mir vor, wie Fran­ces­co am Tag nach der Par­ty bei un­se­rem Gast­ge­ber Ra­mon an­ruft und sich da­für ent­schul­digt, dass er ein­fach des­sen Ge­fäß mit­ge­nom­men hat. Und ihn spä­ter er­neut an­ruft und sagt: »Kannst du mir noch mal die­sen Kör­per mit den Kor­ken­zie­her­lo­cken aus­lei­hen. Mein neu­er Lo­ver steht drauf.«

Fran­ces­co ki­chert. »Ha­be ich Ra­mon ab­ge­kauft. Ich woll­te dich nicht all­zu sehr ver­wir­ren. Du bist doch ver­wirrt, oder?«

»Ziem­lich.«

»Willst du ir­gend­was wis­sen?«

Ich will ei­ne Men­ge wis­sen. Zum Bei­spiel, wer der wah­re Fran­ces­co ist. Wie sein ech­ter Kör­per aus­sieht. Wie man ei­ne Be­zie­hung mit je­man­dem ha­ben kann, der sei­ne Kör­per wech­selt wie an­de­re Leu­te ih­re Schu­he. Vor al­lem aber möch­te ich wis­sen, ob er spä­ter mit zu mir kommt.

»Gibt es bei euch Hohlk… bei euch Quants ir­gend­ei­ne … äh … Eti­ket­te? Ich will nichts falsch ma­chen.«

Er schaut ei­nen Mo­ment zur De­cke und über­legt. Dann sagt er: »Quants sind nicht gleich Quants. Weißt du, als die­se Tech­no­lo­gie ent­stan­den ist, wur­de sie zu­nächst nur von ganz be­stimm­ten Leu­ten ge­nutzt.«

»Du meinst rei­chen Leu­ten.« »Auch. Aber vor al­lem mei­ne ich Leu­te aus be­stimm­ten Be­rufs­grup­pen. Mit­hil­fe der Uploadtech­no­lo­gie kön­nen Sol­da­ten in den Krieg zie­hen, oh­ne zu Krüp­peln zu wer­den. Schau­spie­ler kön­nen sich ih­ren Rol­len an­pas­sen. Spa­cer kön­nen mit Licht­ge­schwin­dig­keit rei­sen. Und Pro­sti­tu­ier­te … na, du kannst es dir vor­stel­len.«

»Aber?«

»Die­se Leu­te ha­ben sich di­gi­ta­li­sie­ren las­sen, weil es für ih­re Ar­beit sinn­voll war, al­so aus funk­tio­na­len Grün­den. Aber in­zwi­schen gibt es vie­le Leu­te, die es aus an­de­ren Grün­den tun.«

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