„Da­für schä­men wir uns bis auf den heu­ti­gen Tag“

Ge­denk­ver­an­stal­tun­gen zur Po­grom­nacht 1938 in Göt­tin­gen und Du­der­stadt

Göttinger Tageblatt - - REGION - Von Mat­thi­as Hein­zel und Rü­di­ger Fran­ke

Göt­tin­gen/du­der­stadt. Mit Ge­denk­ver­an­stal­tun­gen ha­ben Men­schen am Frei­tag an die Reichs­po­grom­nacht vor 80 Jah­ren er­in­nert. In Göt­tin­gen ka­men mehr als 700 Men­schen zum Mahn­mal der zer­stör­ten Sy­nago­ge – mehr als in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. In Du­der­stadt nah­men et­wa 50 Men­schen an ei­nem Stadt­rund­gang zur jü­di­schen Ge­schich­te teil.

Tho­mas Op­per­mann, Göt­tin­ger Spd-bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter und Vi­ze­prä­si­dent des Bun­des­ta­ges, gab in Göt­tin­gen ei­nen kur­zen Rück­blick auf die Ge­scheh­nis­se der Nacht vom 9. auf den 10. No­vem­ber 1938 und die Ta­ge da­nach. Ju­den sei­en zu Tau­sen­den öf­fent­lich ge­de­mü­tigt, er­nied­rigt und er­mor­det wor­den. Und auch in Göt­tin­gen sei die Sy­nago­ge in Flam­men auf­ge­gan­gen, wäh­rend die Feu­er­wehr ta­ten­los zu­ge­se­hen ha­be. Op­per­mann: „Da­für schä­men wir Göt­tin­ger uns bis auf den heu­ti­gen Tag.“

Göt­tin­gen früh Ns-hoch­burg

Der 9. No­vem­ber 1938 sei „ein be­son­ders schreck­li­ches Ka­pi­tel der deut­schen Ge­schich­te“. Doch be­reits kurz nach der so­ge­nann­ten Macht­er­grei­fung im Jahr 1933 sei­en die Ju­den der Stadt sys­te­ma­tisch dis­kri­mi­niert und ih­rer Bür­ger­rech­te be­raubt wor­den. Die Stadt Göt­tin­gen ha­be be­reits in den Jah­ren zu­vor ei­ne un­rühm­li­che Rol­le ge­spielt: Schon bei den Wah­len in die­sen Jah­ren ha­be die NSDAP re­gel­mä­ßig Er­geb­nis­se er­zielt, die weit über dem reichs­wei­ten Durch­schnitt ge­le­gen hät­ten: „Göt­tin­gen war schon früh ei­ne na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Hoch­burg.“Mit dem 9. No­vem­ber, so Op­per­mann, ha­be die Ju­den­ver­fol­gung ei­ne neue Stu­fe er­reicht. Nach die­sen Ta­gen hät­ten sich die Ju­den in Deutsch­land „in ei­nem Sta­tus der völ­li­gen Recht­lo­sig­keit“wie­der­ge­fun­den. Zu der Schan­de die­ser Ta­ge zäh­le auch, dass sich Göt­tin­ger Bür­ger an der Ent­rech­tung ih­rer jü­di­schen Mit­bür­ger be­rei­chert hät­ten, bei­spiels­wei­se durch den als „Ari­sie­rung“be­schö­nig­ten Raub ih­rer Be­sitz­tü­mer.

„Zi­vil­cou­ra­ge ist Bür­ger­pflicht“

1945, nach dem Kriegs­en­de und dem Un­ter­gang des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, ha­be in Göt­tin­gen kein ein­zi­ger Ju­de mehr ge­lebt. Es sei „ein gro­ßes Glück“, dass es jetzt wie­der jü­di­sches Le­ben in der Stadt ge­be. An­ge­sichts et­wa 1500 an­ti­se­mi­ti­scher Über­grif­fe im ver­gan­ge­nen Jahr, sag­te Op­per­mann, müs­se die Ge­sell­schaft wach­sam sein: „Nie wie­der dür­fen wir zu­las­sen, dass Men­schen klas­si­fi­ziert wer­den. Wir müs­sen un­se­re of­fe­ne und freie Ge­sell­schaft ver­tei­di­gen. Zi­vil­cou­ra­ge ist Bür­ger­pflicht“, mein­te der SPDPo­li­ti­ker, auch mit Blick auf den Ein­zug ei­ner rechts­ge­rich­te­ten AFD in den Bun­des­tag.

Vor Op­per­mann hat­te Göt­tin­gens Ober­bür­ger­meis­ter Rolf­Ge­org Köh­ler (SPD) das Wort er­grif­fen. Köh­ler dank­te der Göt­tin­ger Ge­sell­schaft für christ­lich-jü­di­sche Zu­sam­men­ar­beit für die Or­ga­ni­sa­ti­on der Ge­denk­stun­de. Die No­vem­ber­po­gro­me des Jah­res 1938 sei­en „der vor­läu­fi­ge Hö­he­punkt“der Ver­fol­gung der Ju­den in Deutsch­land ge­we­sen – und mit Blick auf die spä­te­re Er­mor­dung von Mil­lio­nen Ju­den „der An­fang vom En­de“. Das öf­fent­li­che jü­di­sche Le­ben in der Stadt sei aus­ge­löscht wor­den. Vie­le Bür­ger hät­ten da­mals weg­ge­schaut oder so­gar mit­ge­macht bei dem Pro­zess der Ent­rech­tung des jü­di­schen Teils der Be­völ­ke­rung.

Wie Op­per­mann zeig­te sich auch Köh­ler be­sorgt über die jüngs­ten po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen mit ei­ner AFD im Deut­schen Bun­des­tag, in de­ren Rei­hen sich teil­wei­se ganz of­fen Ras­sis­ten und An­ti­se­mi­ten pro­du­zier­ten. Ih­nen müs­se man mit Ent­schie­den­heit ent­ge­gen­tre­ten.

Rund­gang in Du­der­stadt

„Die Sy­nago­ge in Du­der­stadt ist 1898 fer­tig­ge­stellt wor­den“, be­rich­te­te Hans Ge­org Schwed­helm, der den vom Deut­schen Ge­werk­schafts­bund (DGB) in­iti­ier­ten Rund­gang lei­te­te. Das sei die Blü­te­zeit der jü­di­schen Ge­mein­de in Du­der­stadt ge­we­sen. „Da­mals hat­te die jü­di­sche Ge­mein­de 100 Mit­glie­der, dar­un­ter vie­le wohl­ha­ben­de Bür­ger, Kauf­leu­te und Ban­kiers.“Bis 1924 ha­be die Ge­mein­de so­gar noch ei­ne ei­ge­ne Schu­le ge­habt. 1933 sei die Zahl der Mit­glie­der auf 30 ge­sun­ken.

„Über die Sy­nago­ge wis­sen wir lei­der sehr we­nig“, er­klär­te Schwed­helm. Es ge­be auch nur zwei Bil­der, da­von ei­nes von der bren­nen­den Sy­nago­ge. Des­halb sei es ei­ne klei­ne Sen­sa­ti­on ge­we­sen, als 2016 wäh­rend ei­ner Neu­in­ven­ta­ri­sie­rung im Bau­amt ein Bau­an­trag ge­fun­den wur­de. Die Zeich­nun­gen gä­ben Auf­schluss über die Ma­ße, An­sich­ten und auch die In­nen­auf­tei­lung. Das Ge­bäu­de ha­be Ma­ße von 20 mal zehn Me­tern ge­habt. In­ner­halb der Sy­nago­ge ha­be es 100 Sitz­plät­ze ge­ge­ben und ei­ne Em­po­re für Frau­en.

Jü­di­sche Ge­schäf­te ge­plün­dert

Die Sy­nago­ge an der heu­ti­gen Chris­ti­an-blank-stra­ße sei in den Mor­gen­stun­den des 10. No­vem­ber 1938 an­ge­zün­det wor­den, be­rich­te­te Schwed­helm. Dar­über hin­aus sei­en zwei jü­di­sche Ge­schäf­te an der Markt­stra­ße ge­plün­dert wor­den. Die bei­den Ge­bäu­de mit den Haus­num­mern 40 und 37 bil­de­ten die nächs­ten Sta­tio­nen des Rund­gangs.

Ers­te An­lauf­stel­le war das Tex­tilund Mo­de­ge­schäft von Gus­tav Lö­wen­thal an der Markt­stra­ße 40. Auf ei­nem al­ten Fo­to von der 1000-Jahr­fei­er sei der Schrift­zug des Ge­schäf­tes zu le­sen, be­rich­te­te der Re­fe­rent

Über die Sy­nago­ge wis­sen wir lei­der sehr we­nig

Hans Ge­org Schwed­helm lei­tet den Rund­gang durch Du­der­stadt und zeig­te das Fo­to her­um. „Ei­nen An­zug zu kau­fen, war da­mals kei­ne schnel­le Ent­schei­dung“, er­klär­te Schwed­helm. Ge­ra­de die Men­schen aus den Dör­fern hät­ten gern in den jü­di­schen Ge­schäf­ten ein­ge­kauft, weil sie dort be­reits Ra­ten­zah­lung ver­ein­ba­ren konn­ten. Jo­han­na und Gus­tav Lö­wen­thal zu­sam­men mit ih­ren Kin­dern Em­mi, An­ne­lie­se und Erich sei­en ei­ne von le­dig­lich vier Fa­mi­li­en ge­we­sen, die 1938 noch in Du­der­stadt leb­ten. Nicht weit ent­fernt, auf der ge­gen­über­lie­gen­den Sei­te an der Markt­stra­ße 37, be­fand sich das Tex­til­ge­schäft der Wit­we Fran­zis­ka Ro­sen­baum mit ih­ren Kin­dern Mar­ga­re­te und Ernst.

Nur­fünf Über­le­ben­de

Nach ei­nem Zwi­schen­stopp am Rat­haus, wo Schwed­helm über den po­li­ti­schen Wan­del re­fe­rier­te, ging die Grup­pe zum Ab­schluss zur Adres­se der letz­ten jü­di­schen Fa­mi­lie in Du­der­stadt. Im mitt­ler­wei­le ab­ge­ris­se­nen Haus an der Ober­tor­stra­ße 59 wur­de Vieh­händ­ler Jo­seph Is­ra­el mit sei­nen An­ge­hö­ri­gen am 26. März 1942 von der Gesta­po ver­haf­tet . Ih­re Spur ver­lie­re sich in den Ver­nich­tungs­la­gern im Os­ten. Von den 1933 in Du­der­stadt woh­nen­den 35 Ju­den hät­ten nur fünf die Ns-zeit über­lebt.

Vor den Häu­sern er­in­nern Stol­per­stei­ne an die er­mor­de­ten jü­di­schen Bür­ger in Du­der­stadt. Die Vor­sit­zen­de der Du­der­städ­ter Ge­schichts­werk­statt, Bri­ta Bun­ke-wu­cher­pfen­nig, hat­te die­se am Abend vor dem Ge­denk­tag noch ein­mal blank po­liert.

FO­TO: HEL­LER

In Göt­tin­gen ka­men zum Mahn­mal am Platz der zer­stör­ten Sy­nago­ge mehr als 700 Men­schen.

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