Zwei Hir­ten und ein vä­ter­li­ches Schaf

Göttinger Tageblatt - - GÖTTINGEN -

Mann, war ich stolz, da­mals. Wie ich da so ne­ben der zu­sam­men­ge­zim­mer­ten Krip­pe mit der Chris­tu­sat­trap­pe am arsch­kal­ten Bo­den des Al­tar­raums un­se­rer Dorf­kir­che lag. Ich trug die fell­ge­füt­ter­te um­ge­dreh­te Fern­fah­rer­wes­te mei­nes Va­ter und durf­te das ers­te Mal da­bei sein – beim Krip­pen­spiel an Hei­lig­abend. Er­zäh­len Sie es nicht mei­ner Mut­ter, aber in dem Jahr da­mals in den spä­ten 1970-ern wa­ren mir Besche­rung und fei­er­li­ches Fest­es­sen im Fa­mi­li­en­kreis völ­lig schnup­pe. Denn ich war ein Schaf.

Ge­nau ge­nom­men war ich nicht ir­gend­ein Schaf. Ich war aus mei­ner früh­kind­li­chen Chris­ten­per­spek­ti­ve der In­be­griff des blö­ken­den Woll­pro­du­zen­ten. Schließ­lich ver­sinn­bild­lich­te ich dort un­ten auf dem Bo­den des mo­der­nen Sa­kral­baus den ein­zi­gen Paar­hu­fer, der mir aus der Kin­der­bi­bel be­kannt war. Al­so ganz gro­ßes Thea­ter. Na­tür­lich hat­ten die an­de­ren Kin­der Rol­len mit Text und durf­ten wäh­rend der Auf­füh­rung in der Kir­che her­um­lau­fen. Aber das war mir egal. Viel­leicht lag mir die Rol­le we­gen der Na­men­s­ähn­lich­keit so am Her­zen, viel­leicht hat­te ich aber auch ein­fach Schiss vor grö­ße­ren Auf­ga­ben. Egal, ich war glück­lich.

Tat­sa­che ist, dass mir spä­te­re Krip­pen­spiel­ein­sät­ze weit we­ni­ger an­ge­nehm in Er­in­ne­rung ge­blie­ben sind. Als He­rold des Kai­sers ver­lor ich den Spick­zet­tel mit mei­nem Text. „Ein je­der ge­he in sei­ne Stadt, und äh...“. Als Hir­te Nr. 3 kol­li­dier­te ich beim Ab­gang un­sanft mit Ma­ria, und als Her­bergs­va­ter Nr. 2 be­kam ich vor Auf­re­gung die Tür zur Sa­kris­tei nicht auf. Als ich end­lich Hei­li­ger Kö­nig sein durf­te, schmier­te mich mei­ne gro­ße Schwes­ter mit de­fi­ni­tiv haut­un­ver­träg­li­cher Schuh­creme ein und ich gab der Auf­füh­rung da­mit ei­ne un­frei­wil­lig ko­mi­sche No­te. Der Jo­sef kam für den pu­ber­tie­ren­den und ein­fach al­les pein­lich fin­den­den Mar­kus dann ein­deu­tig zu spät und ich be­en­de­te mei­ne Kir­chen­kar­rie­re. Was ich ei­gent­lich schon nach dem Schaf hät­te tun sol­len.

Das al­les ha­be ich mei­nen Mäd­chen na­tür­lich nicht er­zählt, als sie kürz­lich auf die Idee ka­men, sich für das Krip­pen­spiel zu be­wer­ben. Tief in mir drin freu­te sich das vä­ter­li­che Ur­schaf, dass der Nach­wuchs in die ei­ge­nen thea­tra­li­schen Fuß­stap­fen tre­ten wür­de. Das Cas­ting war am Frei­tag: Wir ha­ben die nächs­ten zwei­ein­halb Wo­chen zwei Hir­ten zu Hau­se – mit Text und Um­her­lau­fen. Es ist herz­zer­rei­ßend nied­lich, wenn mei­ne klei­nen heid­ni­schen Sa­t­ans­bra­ten Sät­ze sa­gen wie:„mit die­sem Kind be­ginnt Got­tes neue Welt.“Ich ha­be mich so­fort für die hei­mi­schen Pro­ben als er­fah­re­ner Sta­tist an­ge­bo­ten. Aber Scha­fe kom­men in ih­rem Stück an­geb­lich nicht vor. Es war mir noch nie so schmerz­haft be­wusst: Mei­ne Krip­pen­spiel­zeit ist wohl tat­säch­lich end­gül­tig vor­bei.

Ich wün­sche Ih­nen trotz­dem ein schö­nes zwei­tes Ad­vent­wo­chen­en­de.

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