Durch Kunst auf an­de­re Ge­dan­ken kom­men

Ehe­ma­li­ge Be­woh­ne­rin­nen des Frau­en­hau­ses Göt­tin­gen prä­sen­tie­ren selbst ge­mal­te Bil­der

Göttinger Tageblatt - - GÖTTINGEN - Von Mar­kus Rie­se

Göt­tin­gen / Nort­heim. „Frau­en Far­be Viel­falt – ge­mein­sam sind wir stark“: Un­ter die­sem Mot­to läuft seit En­de No­vem­ber die mitt­ler­wei­le sieb­te Bil­der-aus­stel­lung des Frau­en­hau­ses Göt­tin­gen im West­stadt­zen­trum. Auch im Kreis­haus in Nort­heim sind der­zeit Acryl­bil­der zu se­hen, die von ehe­ma­li­gen Be­woh­ne­rin­nen des Frau­en­hau­ses ge­stal­tet wur­den.

Sie ha­ben oft­mals trau­ma­ti­sche Er­leb­nis­se hin­ter sich, wur­den Op­fer von häus­li­cher Ge­walt – und als es ih­nen so schlecht ging, dass sie für ein paar Wo­chen Zu­flucht im Frau­en­haus such­ten, da wer­den die meis­ten von ih­nen kaum dar­an ge­dacht ha­ben, künst­le­risch tä­tig zu wer­den und ih­re Wer­ke auch noch öf­fent­lich aus­zu­stel­len. Ge­nau das pas­siert aber Jahr für Jahr, und zwar mit durch­aus be­mer­kens­wer­ten Er­geb­nis­sen. „Das Kunst­pro­jekt ist Teil un­se­res Nach­be­treu­ungs­an­ge­bo­tes“, er­klärt Su­san­ne Hoff­mann vom Frau­en­haus-team. Neun Frau­en aus sechs ver­schie­de­nen Län­dern ha­ben dies­mal bei dem in­ter­kul­tu­rel­len Pro­jekt mit­ge­macht; ent­stan­den sind dar­aus et­wa 30 Kunst­wer­ke. Über ei­nen Zei­t­raum von acht Wo­chen traf sich die Grup­pe ein­mal wö­chent­lich für meh­re­re St­un­den, um ge­mein­sam an Ideen, Mo­ti­ven und Tech­ni­ken zu fei­len – un­ter ein­fühl­sa­mer An­lei­tung der Göt­tin­ger Künst­le­rin Lil­ly Stehling. „Am An­fang ist das auch sehr viel Mo­ti­va­ti­ons­ar­beit“, be­schreibt sie. Die meis­ten Teil­neh­me­rin­nen hät­ten vor­her kei­ne Be­rüh­rungs­punk­te zur Ma­le­rei ge­habt. Für sie ge­he es dar­um, sich erst ein­mal auf das Ma­len ein­zu­las­sen, ganz oh­ne Leis­tungs­druck. „Es gibt da kein Rich­tig oder Falsch“, be­tont Stehling.

An­fangs noch ah­nungs­los

„Mei­ne ers­ten drei Bil­der wa­ren rei­nes Ex­pe­ri­men­tie­ren“, er­in­nert sich Oc­ta­via Jün­ke, die be­reits zum drit­ten Mal da­bei ist, mit ei­nem Au­gen­zwin­kern. „Man muss den Mut ha- ben, sich künst­le­risch aus­zu­pro­bie­ren, aber wenn man erst mal die ers­ten Er­fol­ge sieht, dann lässt es ei­nen nicht mehr los“, er­zählt sie. Al­lei­ne hät­te sie so et­was nie an­ge­fan­gen – doch in der Grup­pe freue sie sich über die ge­gen­sei­ti­ge In­spi­ra­ti­on. Sie ha­be in dem Pro­jekt noch kei­ne Frau er­lebt, die sich nicht da­von ha­be „an­ste­cken“las­sen. Zu die­sen ge­hört auch Yil­diz Cicek, die so­gar schon sechsmal da­bei war. „Ganz am An­fang hat­te ich kei­ne Ah­nung von Kunst. Heu­te weiß ich schon ei­ni­ges dar­über“, be­rich­tet sie stolz. Sie ha­be sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im­mer wie­der da­mit be­schäf­tigt, viel über Kunst und Künst­ler wie Monet ge­le­sen und ein Ver­ständ­nis da­für ent­wi­ckelt. Für die ak­tu­el­le Aus­stel­lung hat sie drei Wer­ke bei­ge­steu­ert. Die Mo­ti­ve von Cicek und Jün­ke fol­gen kei­ner ein­heit­li­chen Li­nie – mal sind es Blu­men oder Land­schaf­ten, mal ist es Abs­trak­tes oder Geo­me­tri­sches, mal ist ein Mensch zu se­hen, mal ein Bud­dha-kopf – und manch­mal sind es ein­fach Spie­le­rei­en.

„Pro­duk­ti­ve Kraft“des Ma­lens

Die meis­ten Bil­der sind sehr far­ben­froh und wir­ken zu­nächst ein­mal po­si­tiv auf den Be­trach­ter. „Ge­ra­de Frau­en, die wäh­rend des Pro­jek­tes noch im Frau­en­haus woh­nen, wol­len kein schwar­zes Bild ma­len. Sie wol­len et­was Un­ver­fäng­li­ches, Fröh­li­ches ge­stal­ten. Und die Mög­lich­keit ha­ben sie hier“, er­läu­tert Stehling. „Die Frau­en kön­nen da­durch auch ein­fach mal ab­schal­ten und an et­was an­de­res den­ken als an ih­re ak­tu­el­len Pro­ble­me“, er­gänzt Hoff­mann. Da­für wer­de so­gar ex­tra ei­ne Kin­der­be­treu­ung vom Frau­en­haus or­ga­ni­siert, da­mit die Frau­en sich ganz auf das ge­mein­sa­me Ma­len und die sich da­durch ent­fal­ten­de „pro­duk­ti­ve Kraft“ein­las­sen kön­nen.

Mit dem Pro­jekt will das Frau­en­haus ge­zielt auf die ei­ge­ne Ver­eins­ar­beit auf­merk­sam ma­chen. Wich­ti­ger er­scheint je­doch ein an­de­rer Aspekt. Hoff­mann: „Vie­le Teil­neh­me­rin­nen sind ja in der Si­tua­ti­on, dass sie vor ei­nem Scher­ben­hau­fen ste­hen und ih­nen das Ge­fühl ver­mit­telt wur­de, sie könnten nichts und sei­en nichts wert. Dass das nicht stimmt, wird ih­nen hier be­wusst ge­macht.“

In­fo Die Bil­der, die im Nort­hei­mer Kreis­haus noch bis zum 20. De­zem­ber zu se­hen sind, stam­men aus der letzt­jäh­ri­gen Göt­tin­ger Aus­stel­lung „Le­be oh­ne Ge­walt – frei und selbst­be­stimmt“. Die Aus­stel­lung im West­stadt­zen­trum an der Pfalz-gro­na-brei­te 84 in Göt­tin­gen soll hin­ge­gen noch meh­re­re Mo­na­te zu­gäng­lich blei­ben – zu den üb­li­chen Öff­nungs­zei­ten (mon­tags bis don­ners­tags von 9 bis 16 Uhr, frei­tags von 9 bis 13 Uhr). Ein Wand­ka­len­der 2019 mit zwölf aus­ge­wähl­ten Mo­ti­ven aus der Aus­stel­lung wird dort ge­gen ei­ne Spen­de ab­ge­ge­ben. In­for­ma­tio­nen zum Frau­en­haus gibt es on­li­ne auf frau­en­haus-goet­tin­gen.de.

FO­TO: RIE­SE

Zei­gen Bil­der der ak­tu­el­len Aus­stel­lung (v.l.): Lil­ly Stehling, Yil­diz Cicek, Su­san­ne Hoff­mann und Oc­ta­via Jün­ke.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.