Ho­lo­gram­ma­ti­ca

Göttinger Tageblatt - - KULTUR - VON TOM HIL­LEN­BRAND

Sie liest wei­ter. Es folgt ei­ne kur­ze An­lei­tung, wo man ver­schie­de­ne nütz­li­che Uten­si­li­en fin­den kann – Streich­höl­zer, ein Fern­glas, ein Seil. Of­fen­bar be­fin­det sich in ei­nem der an­de­ren Ge­bäu­de der Al­pha­ba­sis ein Ma­te­ri­al­la­ger, in dem ei­ni­ge die­ser Ge­gen­stän­de auf­be­wahrt wer­den. Ihr wird au­ßer­dem ein­ge­schärft, den Ex­pe­di­ti­ons­be­richt zu ak­tua­li­sie­ren, wann im­mer dies mög­lich und sinn­voll ist, und ihn wie­der zu ver­ste­cken. Letz­te­res ver­wun­dert sie zu­nächst. Doch dann liest sie wei­ter, und die Hy­po­the­se der an­de­ren er­scheint ihr schlüs­sig: Ir­gend­wer oder ir­gend­was muss lo­gi­scher­wei­se da­für sor­gen, dass im­mer wie­der neue Ge­fä­ße auf die Trans­fer­lie­ge ge­legt, neue Kla­mot­ten in den Schrank ge­packt wer­den. Die­ser Je­mand scheint au­ßer­dem im Spi­tal sau­ber zu ma­chen und auf­zu­räu­men. Das zu­min­dest le­gen ge­wis­se Ex­pe­ri­men­te ih­rer Vor­gän­ge­rin­nen na­he. Ver­schüt­tet bei­spiels­wei­se ei­ne von ih­nen Kaf­fee in der Ca­fe­te­ria, ist die Pfüt­ze ver­schwun­den, wenn die nächs­te Ite­ra­ti­on dort auf­taucht. Schafft man den Ver­bands­kas­ten aus Zim­mer 111 in die Lob­by, liegt er bei der nächs­ten Ite­ra­ti­on wie­der in Zim­mer 111. Des­halb ist es not­wen­dig, den Ex­pe­di­ti­ons­be­richt zu ver­ste­cken, da­mit er nicht ver­räumt oder weg­ge­wor­fen wird.

Sie nen­nen den ge­heim­nis­vol­len Len­ker Ne­mo, wie den U-boot-ka­pi­tän bei Ju­les Ver­ne – war­um, das er­schließt sich ihr nicht. Wo Ne­mo ist und was er tut oder sieht, ist un­klar. Falls es Ka­me­ras ge­ben soll­te, sind sie gut ver­steckt. Ne­mo scheint aber nicht al­les zu se­hen, was die Ite­ra­tio­nen tun. Denn an­sons­ten kenn­te er ja auch den Abla­ge­ort der Zet­tel und ent­fern­te die­se, da­mit es für je­de Ite­ra­ti­on wie­der bei null los­geht. Das zu­min­dest hal­ten die Au­to­rin­nen des Ex­pe­di­ti­ons­be­richts für plau­si­bel. Al­le an­de­ren Be­mü­hun­gen Ne­mos (Auf­räu­men etc.) ge­hen schließ­lich in die­se Rich­tung (al­so die Durch­füh­rung ei­nes Re­sets).

Fer­ner wird ihr auf­ge­tra­gen, mit ei­nem Skal­pell (Zim­mer 204) ei­ne klei­ne Ker­be in den Holz­pfahl links vom Spi­tal­ein­gang zu schnei­den. Da­durch wird es der ihr nach­fol­gen­den Ite­ra­ti­on mög­lich sein, sie mit­zu­zäh­len, falls ihr wäh­rend ih­rer Ex­pe­di­ti­on et­was zu­stößt. Ih­re Vor­gän­ge­rin­nen ha­ben zwei ih­rer Ge­fä­ße ge­fun­den, aber mög­li­cher­wei­se lie­gen da drau­ßen noch wei­te­re her­um. Falls sie wel­che fin­det, soll sie die Ver­si­ons­num­mer kor­ri­gie­ren. Sie ist ak­tu­ell wahr­schein­lich zu nied­rig an­ge­setzt, denn nie­mand weiß, wann die Ers­te von ih­nen be­gann, mit­hil­fe der Zet­tel (Schreib­uten­si­li­en: Zim­mer 208) die Si­che­rungs­ko­pi­en an­zu­fer­ti­gen.

Es folgt ei­ne Lis­te von Auf­ga­ben. Höchs­te Prio­ri­tät hat der­zeit die Er­kun­dung der zwei­ten Ba­sis. Eben­falls wich­tig wä­re, den hin­ter der Be­ta­ba­sis lie­gen­den, gen Nor­den füh­ren­den Weg zu un­ter­su­chen. Da­nach soll­ten sys­te­ma­tisch die an­de­ren Or­te auf der Kar­te (hängt im Schwes­tern­zim­mer, NICHT mit­neh­men) an­ge­gan­gen wer­den.

Au­ßer­dem ha­ben ih­re Vor­gän­ge­rin­nen ei­ne Rei­he von Fra­gen for­mu­liert. Man könn­te sie auch als stra­te­gi­sche Zie­le auf­fas­sen. Die Ex­pe­di­tio­nen soll­ten dem Ziel die­nen, der Er­fül­lung die­ser Zie­le nä­her zu kom­men:

Wie heißt die In­sel und wo ge­nau liegt sie?

Gibt es ei­ne Mög­lich­keit, zur Au­ßen­welt her­zu­stel­len?

Gibt es die Mög­lich­keit, Ne­mo zu lo­ka­li­sie­ren und mit ihm zu kom­mu­ni­zie­ren (das heißt, über ei­ne Frei­las­sung zu ver­han­deln)?

Sie ist am En­de der vier­ten Sei­te an­ge­kom­men. Es fällt ihr schwer, die­se gan­zen In­for­ma­tio­nen so rasch zu ver­ar­bei­ten. Ver­mut­lich steht sie un­ter Schock. Sie nimmt den letz­ten Zet­tel zur Hand. Die ers­ten Zei­len lau­ten: mit Kon­takt

Du hast nicht viel Zeit.

Die In­sel ist kon­ta­mi­niert. Ge­he in Zim­mer 209.

Trän­ke Mull­bin­den

Lo­ti­on.

Le­ge sie in ei­ne Ge­sichts­mas­ke. Ge­he in Zim­mer 210.

Zieh ei­ne der Schutz­bril­len auf. Das ver­schafft dir et­was mehr Zeit. Die­se In­for­ma­ti­on steht am En­de, weil es wich­tig ist, dass sich je­de neue Ite­ra­ti­on zu­nächst der Ge­samt­si­tua­ti­on be­wusst wird und nicht über­has­tet han­delt. Wir Ite­ra­tio­nen müs­sen al­le der ro­ten ster­ben. Aber ge­mein­sam kön­nen wir da­für sor­gen, dass ei­ne zu­künf­ti­ge Ite­ra­ti­on ent­kommt. Oh­ne die Zet­tel un­ter die Schreib­tischmat­te zu schie­ben, springt sie auf und rennt aus dem Zim­mer.

Auf dem Weg nach Pa­ris mai­le ich Fran­ces­co an. Ei­gent­lich müss­te ich gleich zu­rück. Mor­gen früh be­ginnt die INTERQUEST, die welt­größ­te Quäs­to­ren­kon­fe­renz. Heu­te Abend gibt es be­reits ei­nen Cock­tail­emp­fang. Der Um­trunk da­vor ist in der Re­gel in­ter­es­san­ter als die Vor­trä­ge am fol­gen­den Tag. Ein Hau­fen Kol­le­gen aus dem ge­sam­ten Com­mon­wealth, aus CANFED und EURUS, wer­den da sein, dar­un­ter vie­le al­te Be­kann­te. Aber für ein paar St­un­den mit Fran­ces­co wür­de ich der­zeit fast al­les sau­sen las­sen. Al­so fra­ge ich, ob er Zeit hat.

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