Mut­ter „ent­sorgt“, aber nicht er­mor­det

Ge­gen­über der Po­li­zei er­klär­te Sven H., sein de­men­ter Va­ter ha­be die Mut­ter um­ge­bracht

Göttinger Tageblatt - - REGION - Von Mar­kus Scharf

Göt­tin­gen. Sven H. ist an­ge­klagt, sei­ne Mut­ter mit dem Schür­ha­ken er­schla­gen und an­schlie­ßend die Lei­che ein­be­to­niert zu ha­ben. Im Po­li­zei­ver­hör soll er al­ler­dings sei­nen de­men­ten und schon im­mer ge­walt­tä­ti­gen Va­ter als Tä­ter prä­sen­tiert ha­ben.

Per­sön­lich woll­te sich der An­ge­klag­te auch am zwei­ten Ver­hand­lungs­tag vor dem Göt­tin­ger Land­ge­richt nicht zu den Vor­wür­fen äu­ßern, die die Staats­an­walt­schaft ge­gen ihn er­hebt. Da­für gab ei­ne Po­li­zei­be­am­tin als Zeu­gin den Inhalt der bei­den Ver­neh­mun­gen wi­der, die sie mit dem 47-Jäh­ri­gen im Sep­tem­ber die­ses Jah­res ge­führt hat­te. Dar­in räum­te der 47-Jäh­ri­ge tat­säch­lich ein, die Lei­che sei­ner er­schla­ge­nen Mut­ter in der Blu­men­bank in dem Herz­ber­ger Ein­fa­mi­li­en­haus ein­be­to­niert zu ha­ben.

Als Tä­ter für die Tö­tung sei­ner Mut­ter im Sep­tem­ber 2017 prä­sen­tier­te er aber ei­nen an­de­ren. Sven H. schil­der­te die Ge­scheh­nis­se rund um den Tat­tag der Po­li­zei wie folgt: Am Vor­mit­tag des 22. Sep­tem­ber be­g­lei- te­te er sei­ne El­tern zum Arzt, setz­te sie ab und be­sorg­te in der Zwi­schen­zeit das Mit­tag­es­sen im Lieb­lings­im­biss der Fa­mi­lie: Cur­ry­wurst für sich und den Va­ter, Piz­za oder Nu­deln für die Mut­ter. „Das isst sie im­mer“, soll er ge­sagt ha­ben. Nach dem ge­mein­sa­men Es­sen ging er mit sei­nen vier Hunden am Orts­rand spazieren – et­wa ei­ne Drei­vier­tel­stun­de, nach sei­ner Schil­de­rung.

Zu­rück in der el­ter­li­chen Woh­nung er­blick­te er sei­ne Mut­ter am Bo­den lie­gend. Der Va­ter stand mit blut­ver­schmier­ten Hän­den vor dem So­fa, da­ne­ben zwei Me­tall­bü­gel­ei­sen. Als er fest­ge­stellt hat­te, dass die Mut­ter nicht mehr at­me­te, ha­be er sei­nen Va­ter ge­wa­schen, neu ein­ge­klei­det und in ein Pfle­ge­heim ge­fah­ren. Hier wur­de der seit Län­ge­rem in der De­menz-ta­ges­pfle­ge be­treut, und man hat­te ihn im Vor­feld be­reits für ei­ne sta­tio­nä­re Auf­nah­me an­ge­mel­det. Der treu sor­gen­de Sohn be­sorg­te noch neue So­cken und Me­di­ka­men­te und fuhr schließ­lich zur Le­bens­ge­fähr­tin nach Han­no­ver. Die to­te Mut­ter lag der­weil in ei­nen Tep­pich ge­wi­ckelt im Wohn­zim­mer des jetzt ver­wais­ten Hau­ses.

Ge­mein­sam mit der da­ma­li­gen Part­ne­rin ha­be er be­schlos­sen, die Lei­che ver­schwin­den zu las­sen. Vor al­lem aus der Sor­ge her­aus, dass man ihm mit sei­nen Vor­stra­fen nicht glau­ben wür­de. Er hat­te be­reits in Süd­afri­ka im Ge­fäng­nis ge­ses­sen und an­schlie­ßend ei­ne mehr­jäh­ri­ge Haft­stra­fe we­gen Be­tru­ges ab­ge­ses­sen. Kei­nes­falls woll­te er da­hin zu­rück. Al­so wur­de laut Ver­neh­mungs­pro­to­koll die to­te Mut­ter zu­nächst in ei­ner Fo­lie im Kof­fer­raum ih­res ei­ge­nen Au­tos in der Ga­ra­ge ver­steckt und schließ­lich in die über­di­men­sio­na­le Blu­men­bank im Wohn­zim­mer um­ge­bet­tet. Be­ton und Kies soll­ten das Grab ver­ber­gen. Sei­ne Freun­din half ihm beim Lei­chen­trans­port.

Iro­ni­scher­wei­se war es ihr Va­ter, der Mo­na­te spä­ter die Er­mitt­lun­gen der Po­li­zei in Gang setz­te. Zwi­schen­zeit­lich hat­te sich das Pär­chen erst nach Dä­ne­mark und dann nach Schwe­den ab­ge­setzt, um den ge­mein­sa­men Traum ei­ner Hus­kie­zucht zu ver­wirk­li­chen – nach ei­ge­nen Aus­sa­gen mit dem Geld sei­ner El­tern. Al­ler­dings trau­te der be­sorg­te Va­ter sei­nem an­ge­hen­den Schwie­ger­sohn nicht über den Weg, Sven H., bei sei­ner Aus­sa­ge re­cher­chier­te des­sen kri­mi­nel­le Ver­gan­gen­heit und woll­te schließ­lich mit sei­nen El­tern in Kon­takt tre­ten. Am 18. April stand er des­halb in Herz­berg vor ei­nem lee­ren Haus mit Jä­ger­zaun und schon leicht ver­wahr­los­tem Gar­ten. Als die Nach­barn dann er­zähl­ten, sie hät­ten das Ehepaar lan­ge nicht ge­se­hen, ging er zur Po­li­zei.

Die durch­such­te das Haus, fand die Lei­che im fri­schen Be­ton und nahm die Er­mitt­lun­gen auf. In de­ren Ver­lauf ent­deck­te man zwar kei­ne Me­tall­bü­gel­ei­sen, aber da­für ei­nen Schür­ha­ken vom Tat­ort im Haus des Soh­nes in Schwe­den. Auch ist ein An­ruf des An­ge­klag­ten bei der Po­li­zei in Herz­berg pro­to­kol­liert, in dem er be­haup­tet, sei­ne Mut­ter sei in Schwe­den und es ge­he ihr gut – we­ni­ge Ta­ge be­vor die Po­li­zei ih­re ver­wes­te Lei­che fand. Der Rest der Ge­schich­te ist schnell er­zählt: Der Traum der Aus­wan­de­rer platz­te, die Be­zie­hung zer­brach. Sven H. ge­riet in den Fo­kus der Er­mitt­ler und stell­te sich den deut­schen Be­hör­den. Und dort prä­sen­tier­te er sei­nen Va­ter als Tä­ter, der die Mut­ter „im De­menz­an­fall er­schla­gen“ha­ben soll.

Das isst sie im­mer.

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